Als Erwachsene im Matheunterricht

Selbstversuch Schule: Mit 31 in der 7. Klasse

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Im Selbstversuch geht es für einen Tag zurück an die Schule.

Egal, ob Kletterpark oder Achterbahn, meine Kollegen haben sich in den vergangenen Monaten verschiedenen Ängsten gestellt. Aus irgendeinem Grund hat man hier in der Redaktion scheinbar ein Problem mit großer Höhe. Mein aktueller Selbstversuch macht weniger Eindruck, ist für mich aber genauso adrenalingeladen: Ich gehe nicht nur wieder für einen Tag in die Schule, ich werde den ganzen Schultag über nur Matheunterricht haben!

Zum Frühstück gibt es die erste Überraschung des Tages

Der Tag an der Roland zu Bremen Oberschule beginnt schon mal ähnlich wie früher: Eigentlich habe ich genug Zeit für ein kurzes Frühstück und eine Tasse Kaffee. Am Ende habe ich den Kaffee dann doch noch auf meinem Weg durch das Treppenhaus in der Hand und schütte ihn im Auto runter. Gegessen habe ich gar nichts.

Das ist aber nicht weiter schlimm, denn in der Schule angekommen wird mir Frau Pätz vorgestellt. Sie ist hier für das Frühstück zuständig, das täglich bis zu 40 Schüler nutzen. Schon ab 7.15 Uhr bekommen die Kinder hier Croissants, Brötchen und Obst zum schmalen Preis. Gut für alle, die zu Hause kein Frühstück bekommen oder genauso wie ich etwas chaotisch in den Tag starten.

Ich wähle das Käsebrötchen für 90 Cent und erlebe die erste Überraschung des Tages. Das Brötchen ist gut! Aus meiner Schulzeit kenne ich belegte Brötchen als aufgeweichte Backware mit viel Remoulade, Butter und einer schlabberigen Gurke. Heute bekomme ich ein knuspriges Weltmeisterbrötchen. Dazu dröhnt Musik einer weihnachtlichen Playlist durch die Aula und ich mümmele mein Frühstück zum Sound von „All I want for Christmas“. Guten Morgen!

Mathe zu sechst! Furchtbar

Wir starten mit Funktionen in den Tag.

Ab dem Läuten der Schulglocke werde ich einem Lehrer folgen. Der ist zu meinem Leidwesen Mathelehrer und so komme ich in den Genuss von drei Stunden meines persönlichen Horrorfachs. Los geht’s in der 10. Klasse. Weil die Klasse in Mathe in zwei Gruppen geteilt wird, sind  sowieso schon weniger Jugendliche da und dann fehlen auch noch ein paar Leute. Mathe zu sechst. Furchtbar! Da kommt man auf jeden Fall dran und kann sich nicht vor dem Lehrkörper verstecken. Obwohl ich nur Gast bin und eigentlich nicht mit plötzlichen Fragen rechne, sorgt diese Tatsache für ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend.

Ziemlich positiv überrascht mich, dass in der Klasse nicht das Regiment der Angst herrscht. Jeder traut sich, noch so blöde Fragen zu stellen. Wenn es sein muss auch mehrfach. Der Lehrer reagiert gelassen, erklärt und rechnet sogar Aufgaben mit einzelnen Schülern durch. Das sorgt auch bei mir für Gelassenheit, und obwohl es um Funktionen geht, verstehe ich, was da läuft. Für das richtige Unterrichts-Gefühl rechne ich die Aufgaben mit und zeichne ein Koordinatensystem mit verschiedenen Graphen. Als der Lehrer durch die Klasse geht und jedes einzelne Heft begutachtet, ist sie kurz wieder da, die Angst einer Mathe-Loserin. Aber an mir geht er vorbei. Puh!

Waren wir früher auch so laut?

Schriftliches Multiplizieren wird mit Euro und Pfund geübt.

In der nächsten Stunde sitze ich in der 7. Klasse. Die Geräuschkulisse überfordert mich kurz. Waren wir früher auch so laut? Die Anwesenheit des Lehrers ist erst mal nicht von Interesse. Erst, als ein Countdown runtergezählt wird beruhigt sich die Klasse. 3 - 2- 1 Ruhe. Dann stehen alle ordentlich auf und ein gut gelauntes „Guten Morgen!“ wird durch die Klasse geschmettert. Dabei ist das hier doch Mathe!

Schriftliches Multiplizieren steht bei der siebten Klasse, die ich als Nächstes besuche auf dem Stundenplan. Ein Schüler wird an die Tafel gebeten und muss vorrechnen. Dabei läuft irgendwas falsch, die Mitschüler Grinsen etwas schadenfroh und der arme Kerl kratzt sich kurz ratlos am Kopf. Würde ich da vorne stehen, wäre ab diesem Punkt alles vorbei für mich. Das Adrenalin würde aufsteigen, meine Hände schweißnass und mein Hirn gelähmt. Nicht so der Junge da vorne. Er wischt seinen Fehler weg, rechnet noch mal nach und kehrt mit zufriedenem Grinsen zu seinem Platz zurück. Alle Achtung!

Weiter geht’s mit Aufgaben von einem Arbeitsblatt. „Bevor Du einschläfst, lies doch mal bitte die Aufgabe vor“, sagt der Lehrer. Weil ich geträumt habe, fühle ich mich angesprochen, sitze sofort gerade im Stuhl und versuche aufmerksam auszusehen. Zum Glück war ein Mädchen zwei Tische weiter rechts gemeint. Den Rest der Stunde rechnet jeder für sich und der Lehrer geht durch die Klasse, kontrolliert und unterstützt Einzelne. Die Mathe-Cracks sind schnell fertig, andere schauen zur Uhr und werden unruhig oder versuchen, sich möglichst unsichtbar zu machen, damit der Lehrer vielleicht doch an ihnen vorbei geht. An dieser Stelle ist also doch noch alles beim Alten.

Ab in die Pause

In der ersten großen Pause drehe ich zunächst eine Runde über den Schulhof. Dort geben Schüler Longboards, Inlineskates und anderes Spielzeug aus einer kleinen Containerbude aus und ich wundere mich, dass hier tatsächlich gespielt wird oder viele zusammensitzen oder stehen und sich einfach unterhalten. Hängt die Jugend von heute angeblich nicht nur über ihren Handydisplays?

Tut sie! Aber wohl nur der kälteempfindliche Teil, der nicht draußen auf dem Hof, sondern drinnen in der Aula verweilt. Hier werden Nachrichten, Fotos und Videos geschaut und ausgetauscht und lautstark darüber diskutiert. Die wenigsten hängen allerdings alleine an ihren Telefonen. Die Geräte sind einfach Teile des sozialen Austauschs geworden. Natürlich sah das zu meiner Schulzeit anders aus, aber unsere Handys hatten nicht mal Farbdisplays und mobile Internetflats kannten wir nicht. Ich als die Neue hier ernte nur kurze musternde Blicke und bin schnell wieder uninteressant. Gegen dieses Internet kann man eben nur verlieren. Im Unterricht sind die Dinger übrigens verboten und bleiben auch bei allen in der Tasche.

Ein Trainingsraum ganz ohne Sport

Die folgende Stunde verbringe ich im Trainingsraum. Der hat nichts mit sportlichen Aktivitäten zu tun. Dort landen Schüler, die aus dem Unterricht fliegen. Zu meiner Zeit wurde man da noch vor die Tür gestellt und durfte die Türklinke von außen runter drücken. In der Roland zu Bremen Oberschule warten Lehrer, Erzieher oder Sozialpädagogen auf die Übeltäter. Gemeinsam wird darüber gesprochen, was man eigentlich verbockt hat und wie es weitergehen soll. Das Ganze wird sogar schriftlich festgehalten und eine persönliche Aussprache mit dem betroffenen Lehrer gehört auch dazu. Hört sich nicht schlecht an und ich bin neugierig, was die Schüler davon halten. Leider wissen sie sich in dieser Stunde wohl gut zu benehmen, denn niemand taucht hier im Trainingsraum auf.

Ich treffe meinen Angstgegner: Kopfrechnen

In der vierten Stunde treffe ich die 7. Klasse wieder. Jetzt werden Grundlagen geübt, die man eigentlich schon in der vierten Klasse lernt. So sind einige etwas gelangweilt, vom schriftlichen Dividieren, während andere die Wiederholung bitter nötig haben. Zu denen gehöre ich auch, denn wann fängt man im Alltag schon mal an irgendwas schriftlich zu rechnen. Es gibt eine kurze Erklärung an der Tafel und schon läuft es zumindest bei mir. Aber ganz ehrlich, Spaß macht es auch heute noch nicht.

Meinen persönlichen Angstgegner treffe ich dann kurz vor Ende der Stunde. Alle müssen aufstehen, jeder Einzelne bekommt eine einfache Kopfrechenaufgabe gestellt und darf sofort in die Pause, wenn er die Lösung parat hat. Ein Albtraum! Auch jetzt habe ich noch eine solche Angst vor öffentlichem Kopfrechnen, dass ich sofort einen ordentlichen Adrenalinschub bekomme. Das scheint einigen hier ähnlich zu gehen. Denn da wird auch schon mal die Frage „Was ist null mal fünf?“ nur mit einem fassungslosen Blick beantwortet. Still bete ich für das Einsetzen der Schulglocken. Tatsächlich werde ich rechtzeitig vom Klingeln gerettet.

Überraschungsessen zum Mittag

Salat gibt es zum Mittagessen auch dazu.

Über Schulessen hört man eigentlich immer nur schlechtes. Deshalb war für mich sofort klar, dass ich mir das auch antun möchte. Wennschon, dennschon! Zu allem Übel stehen heute auch noch ominöse „Überraschungsessen“ auf dem Speiseplan. So schlimm kann es nicht sein, denn immerhin nutzen etwa hundert Schüler täglich das Angebot. Mit einer ganzen Horde ziemlich kleiner Schüler stehe ich in der Schlange und warte gespannt, was mich da erwartet.

Ich frage einfach nach etwas Vegetarischem und habe die Wahl zwischen Spinat-Ravioli mit Tomatensoße und Nudelauflauf. Ich probiere beides. Die Ravioli schmecken, wie fertige Ravioli eben schmecken. Relativ fade, aber OK. Der Nudelauflauf kommt oldschool mit Sahne und ist wirklich keine leichte Kost. Für Kantinen-Essen mit schmalem Budget finde ich das Angebot völlig in Ordnung. Immer noch besser, als mit leerem Magen in die Nachmittagskurse zu starten! So endet mein Schultag satt und zufrieden.

Nach meinem Schultag habe ich vor allem eines: Respekt

Abschließend betrachtet war der Tag viel harmloser als gedacht. Ich habe mich weder großartig blamiert, noch habe ich das Rechnen seit meiner Schulzeit vollends verlernt. 

Beeindruckt haben mich an vielen Stellen tatsächlich die Schüler. So wird sich im Unterricht völlig selbstverständlich gegenseitig geholfen. Der Dresscode spielt unter den Kindern keine Rolle. Auch die Lehrer bestätigen, dass keiner aufgrund seiner Kleidung ausgeschlossen wird. Das war an meiner Schule anders!

Natürlich macht hier auch nicht jeder seine Hausaufgaben, manch einer ist zu laut, kann nicht still sitzen oder hat noch viel gravierendere Probleme, die hier kein Thema sein sollen. Einen Grund über die schulischen Leistungen oder das Verhalten der Jugend von heute zu schimpfen, sehe ich nach meinem Schulbesuch nicht. Die meisten Schüler kämpfen sich wohl durch das System und Lehrer und Pädagogen unterstützen sie nach Kräften. Nach meinem ersten Schultag nach über zehn Jahren habe ich vor allem eines: Respekt vor Lehrern, Erziehern, Sozialpädagogen und allen, die heute die Schulbank drücken.

Noch mehr nordbuzz-Selbstversuche findet Ihr hier.

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