Gemeinschafts-Karaoke zum Mitschunkeln

Mein erstes Mal mit Freddy Quinn: Rudelsingen im Selbstversuch

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Ganz schön voll hier - Rund 500 Leute nehmen an der 27. Ausgabe des Bremer Rudelsingens teil

Die Gelegenheiten laut und ohne Scham in der Öffentlichkeit zu singen sind limitiert. Da bleibt neben dem Kirchenchor oder der Karaoke-Bar nicht mehr viel Auswahl. Es sei denn, man entscheidet sich fürs „Rudelsingen“. Doch ist dieser Trend wirklich massentauglich? Oder stehe ich bei meinem Selbstversuch in Bremen einer Schar grauhaariger Gesangskollegen jenseits der 50 gegenüber?

„Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff völlig schwereloooooooos!“: Das ist der Text, der auf der Leinwand vor mir abzulesen ist, den aber jeder hier eh auswendig kennt. Aus 500 Kehlen ertönt der Refrain von Peter Schillings „Major Tom“ und scheint bei jeder Wiederholung noch lauter und kraftvoller zu werden. Mann schunkelt, prostet sich zu und versucht den Nachbarn noch an Lautstärke zu überbieten. Willkommen beim 27. Bremer Rudelsingen. 

Aber immer der Reihe nach – Wie bin ich hier überhaupt gelandet?

Ich liebe es zu singen – solange mich keiner hört

Ich singe für mein Leben gern – auch wenn ich vom lieben Gott diesbezüglich nicht gerade mit Talent gesegnet wurde. Wenn ich singe, dann schief, laut und voller Inbrunst. Allerdings nur, wenn sichergestellt ist, dass mein Umfeld nicht belästigt wird und schlimmstenfalls blutige Gehörgänge davon trägt. Dies schränkt die Möglichkeiten, meine Stimmbänder zu „trainieren“, jedoch erheblich ein. Bevorzugte Locations: Im Auto, unter der Dusche oder am Besten im gut isolierten Keller. Zu groß ist die Scham, jemand könnte mein schiefes Gejaule hören.

Doch neben mir gibt es noch viele andere, die sich nicht trauen in der Öffentlichkeit zu singen. Klar, nach dem zweiten oder dritten Bierchen grölt es sich im Fußballstadion, auf dem Konzert der Lieblingsband oder auf dem Oktoberfest ganz gut, aber nüchtern?

Eine Möglichkeit, um nicht alleine, hinter verschlossenen Türen zu trällern ist das sogenannte „Rudelsingen“. Hier rotten sich Gleichgesinnte zusammen, um gemeinsam die beliebtesten Gassenhauer von gestern und heute zu schmettern. Ähnlich wie beim Karaoke wird der Text für alle gut sichtbar auf eine Leinwand projiziert. Nur dass hier niemand alleine auf die Bühne muss, um sich vor den anderen zum Obst zu machen. Stattdessen wird zusammen aus voller Kehle losgelegt.

Was für Menschen gehen zum Rudelsingen?

Immer öfter stolpere ich über Veranstaltungen dieser Art. Angeblich soll es sich beim Rudelsingen um einen echten Trend handeln. Ein Grund mehr, das Ganze im Selbstversuch unter die Lupe zu nehmen.

Im Vorfeld beschäftigt mich die Frage, welcher Schlag Mensch zu solchen Events erscheint. Einsame Rentner, die jemanden zum Mitschunkeln suchen? Mit diesem Bild im Hinterkopf mache ich mich auf den Weg zum Modernes. Ja, richtig gelesen. Wir sprechen von einer bekannten Diskothek in der Bremer Neustadt, nicht etwa vom Seniorenheim an der Ecke. Hier soll heute das 27. Bremer Rudelsingen stattfinden. 

Als ich die Räumlichkeiten betrete, in denen sonst betrunkenes Partyvolk das Wochenende zelebriert, staune ich nicht schlecht: Die Hütte ist voll! Während ich mich durch die Menge laviere, stelle ich fest, dass der Altersdurchschnitt mit geschätzt Mitte 50 doch etwas niedriger als erwartet liegt. Das Publikum scheint zu achtzig Prozent aus Frauen zu bestehen, die beschlossen haben, gemeinsam mit ihren besten Freundinnen bei einem Bierchen einen netten Abend zu verbringen. Hier und da erblicke ich neben den erwarteten Senioren aber auch junge Frauen zwischen 20 und 30. Und plötzlich ein vertrautes Gesicht: Ist das nicht die Mutter einer Grundschulfreundin? Schnell wegducken und weiter.

Cool oder uncool? Ich kann mich nicht entscheiden.

Rudelsinger sind Wiederholungstäter

Musikalisch führt Kurt Bröker mit seinem Sohn Simon durch den Abend. Als das Vater-Sohn-Gespann die Bühne betritt, kommt die Menge langsam in Wallung. Lautes Klatschen und Johlen brandet auf, man freut sich darauf, endlich loszulegen. Im Zuge seiner Begrüßung fragt Kurt Bröker, wer zum ersten Mal beim Rudelsingen dabei ist. Zögerlich steigt meine Hand und mit ihr noch etwa 40 weitere empor. 40 Neuzugänge unter 500 Besuchern – ich befinde mich anscheinend inmitten einer eingeschworenen Gemeinschaft. 

Jetzt aber genug zur Sondierung der Lage. Schließlich bin ich nicht zum Spaß hier. Ich will singen!

Zeit die Stimmbänder zu ölen – es wird ernst

Den Auftakt macht „Heimweh“ von Freddy Quinn, ein Lied (manch einer mag mich an dieser Stelle als Kulturbanausen bezeichnen), das ich noch nie im Leben bewusst gehört habe. Zum Glück läuft ja der passende Text auf der Leinwand und das Bröker-Duo gibt mit eigener Stimmgewalt, Gitarre und kleiner Trommel den Takt vor: „So schön, schön war die Zeit...“. Doch meine Stunde ist bereits beim nächsten Stück gekommen. Als sich „SOS“ von ABBA ankündigt, ertönt auch meine selten schöne Stimme im Chor der Rudelsinger: „When you're gone, how can I even try to go on?“. 

Kurt und Simon Bröker sind nicht alleine verantwortlich für die Songauswahl des Abends. Sie gehen auf die im Vorfeld per Mail zugesandten Wünsche ihrer Gäste ein. Und so reißt mich „Männer und Frauen“ (M & F) von den Ärzten verhältnismäßig unsanft aus meiner heimeligen Schlager-Nostalgie. Da begrüßt man doch „Über den Wolken“ von Dieter Thomas Kuhn fast schon freundschaftlich. 

Langsam sind die Stimmbänder warm und so ganz kann ich mich der in der Luft liegenden Euphorie nicht entziehen. „Ti Amo, du sagtest Ti Amo, das heißt ich lieb dich so!“. Inzwischen hat sich das Publikum zu einer gleichmäßig schunkelnden Masse geformt, die sich in sanften Wellen von rechts nach links durch den Raum bewegt. So ähnlich muss es sein, wenn sich Naturvölker in Trance tanzen. Immer deutlicher fällt mir auf, dass ich heute Abend alleine unterwegs bin, und irgendwie vermisse ich plötzlich einen Partner zum Einhaken. 

Gemeinschaftsgefühl für zehn Euro

Und darum geht es auch im Kern: Das wohlige Gefühl der Gemeinschaft. Man ist geeint im Wissen, dass das was gerade passiert, in keinster Weise cool ist und eher peinlich wäre, täte man es allein. Aber wenn 500 Leute gemeinsam etwas Uncooles veranstalten, ist das dann nicht automatisch wieder cool?

Auf dem Weg nach Hause stelle ich fest, dass der Abend bei mir gemischte Gefühle hinterlässt. Auf der einen Seite kann man nicht leugnen, dass die Stimmung im Saal wirklich ausgelassen war und mich teilweise auch mitreißen konnte. 

Auf der anderen Seite frage ich mich, warum es heutzutage offenbar nötig ist, zehn Euro Eintritt zu bezahlen, um einen Abend lang endlich mal wieder ein starkes Gemeinschaftsgefühl erleben zu können – hier verpackt im herrlich kitschigen Schlagermantel. Liegt es am allgegenwärtigen Vereinssterben? Oder daran, dass die Kirche als Glaubensgemeinschaft zunehmend an Bedeutung verliert? Doch bevor ich ins tiefere Grübeln verfallen kann, funkt mir glücklicherweise ein hartnäckiger Ohrwurm dazwischen, der mich noch über die nächsten Tage begleiten wird: „Ti Amo...“

Neugierig geworden?

Am 12. Dezember findet das 28. Bremer Rudelsingen im Modernes statt. 

Beginn: 19:30 Uhr

Eintritt:10 Euro

In Oldenburg könnt Ihr am 12. Dezember in der Kongresshalle sogar für den guten Zweck singen.

Beginn: 19:30 Uhr

Eintritt:13 Euro


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