Hilfe zur Selbsthilfe

Darum macht Selbermachen so unglaublich stolz: Mein erster Besuch im Repair-Café

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Dinge selber reparieren, obwohl man keine Ahnung davon hat? Annika Rossow hat es für nordbuzz ausprobiert.

Das Jahr 2017 legt seinen Endspurt ein ─ Weihnachten rückt unaufhaltsam näher. Vor dem Fest geht es allerdings häufig gar nicht besinnlich zu: Wir alle strömen in die Geschäfte oder durchforsten das Internet nach Geschenken, Hauptsache neu, neu, neu. Ich frage mich: Muss das denn wirklich immer sein? Macht es nicht viel glücklicher, wenn man liebgewonnene Kleidungsstücke oder alte, aber hilfreiche Alltagsbegleiter wieder auf Vordermann bringt ─ und zwar selbst?! Deshalb besuche ich zum ersten Mal ein Repair-Café, wo ich genau das tun kann. Von Annika Rossow.

Ratter, ratter, ratter – das Geräusch der Nähmaschine ertönt. Wirklich regelmäßig läuft sie allerdings nicht. Das liegt weniger an der Maschine selbst als an mir, schließlich sitze ich gerade davor. Fast wie in meiner allerersten Fahrstunde fühle ich mich. Genau wie beim Auto bringt man nämlich mit einem Pedal die Nadel und den Faden in Gang. Nur habe ich hier irgendwie gar kein Gespür für Tempo, geschweige denn Präzision. Bei Margret Schöling sah das eben noch so einfach aus… Und bei mir kommen erste Zweifel auf, ob die Nähmaschine und ich heute gute Freunde werden.

Reparieren statt Wegwerfen

Aber lieber von Anfang an: Beim Stöbern auf der Website der „Markthalle Acht“ sehe ich den Hinweis auf das Repair-Café, das dort jeden dritten Mittwoch im Monat von Leuchtturmfabrik e.V. angeboten wird. Kaputte Kleidungsstücke und Elektrogeräte kann man zusammen mit den Helfern wieder fit machen. Die Idee zu den Repair-Cafés stammt von der Journalistin und Bloggerin Martine Postma. Sie organisierte 2009 das erste dieser Art in Amsterdam. Mittlerweile bieten allein in Deutschland rund 600 Initiativen Reparaturtreffen an. Ihr Ziel: Wieder die Lust am Selbermachen wecken und die Wegwerfkultur bekämpfen.

Die Mission „selber machen“ startet

Klasse, denke ich, das wollte ich schon längst mal ausprobieren, und es ist ganz bei mir in der Nähe. Jetzt gibt es also keine Ausreden mehr! In meinem Schrank suche ich nach kaputten Kleidungsstücken und werde schnell fündig: Am rechten Bein meiner grauen Stoffhose ist der Saum aufgerissen. Und dann wäre da ja noch das defekte Convertible (ein Gerät, das zugleich als Laptop und Tablet genutzt werden kann) meines Mannes – richtig teuer war das, lässt sich aber nicht mehr aufladen. Da es bereits vier Jahre alt ist, hat es leider keine Garantie mehr. Wenn ich das wieder in Gang bringe, würde ich ihm eine riesige Freude machen.

Mit diesen Sachen und einer großen Portion Tatendrang geht es ab in die Innenstadt zur „Markthalle Acht“. Am hinteren Ende sehe ich das Schild „Repair-Café“ ─ hier bin ich richtig. Hinter dem langen Holztisch sitzen drei freundlich aussehende Menschen: Mit seinem knallroten Kapuzenpulli sticht Marco Schöling direkt heraus. Er hatte 2009 die Idee zur Leuchtturmfabrik, war jahrelang Einzelkämpfer. 2015 wurde daraus ein Verein, in dem derzeit 18 Mitglieder aktiv sind. Das Repair-Café ist nur eines der Angebote der Leuchtturmfabrik und findet auch in den eigenen Räumen in Findorff statt, und zwar immer samstags.

Zurück zur „Markthalle Acht“ – Marco informiert mich nun über den Ablauf: Als erstes kläre ich, ob eine Reparatur meines kaputten Gegenstandes machbar ist, dann trage ich alle wichtigen Informationen in einen Laufzettel ein. Mit dem geht es zum passenden Helfer, der mich beim Reparieren unterstützt. Anschließend füllt er auf dem Laufzettel aus, ob die Reparatur erfolgreich war und wie lange sie gedauert hat. Am Ende gebe ich den Zettel zusammen mit meiner Spende in die entsprechende Box.

Mit Schraubenzieher und Zange ran an die Technik ─ oder etwa doch nicht?

„Na, dann los“, sage ich hoch motiviert und erzähle vom kaputten Convertible, das sich nicht mehr aufladen lässt. Da das Netzteil neu ist, vermute ich einen Defekt der Ladeelektronik am Gerät selbst. Marco und sein Mitstreiter Vitalij Kochno wollen es sich anschauen. Ich bin gedanklich schon beim Schrauben und Werkeln, doch dann werde ich von den beiden jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Von einer Reparatur im Repair-Café raten sie mir ab.

Da das Gerät geklebt und nicht geschraubt ist, müsste es zunächst mit Metallspateln und Heißluftpistole umständlich geöffnet werden, um überhaupt an sein Innenleben zu kommen. Diese Spezialwerkzeuge haben die beiden nicht vor Ort. „Die Reparatur wäre extrem aufwendig und zeitintensiv. Zudem besteht das Risiko, noch mehr kaputt zu machen“, sagt Marco. Bei Leuchtturmfabrik e.V. sind schließlich keine gelernten Elektriker am Werk, sondern Technikinteressierte, die nach dem Prinzip Learning by Doing vorgehen. Schade, denke ich etwas ernüchtert. Aber das ist eine ehrliche Antwort – ich wäre schließlich viel enttäuschter, wenn das Gerät nach stundenlanger Arbeit mehr Schaden genommen hätte.

Vitalij hat aber noch eine Idee, wie man den Fehler weiter eingrenzen kann, und zwar mit einem ganz simplen Hilfsmittel: Wir schließen das Netzteil an ein Energiekosten-Messgerät an, das die Leistungsaufnahme in Watt misst. Sie steigt, sobald das Convertible ans Netzteil angeschlossen ist und somit am Strom hängt. Vitalij schließt daraus, dass der Strom von der Ladeelektronik weitergeleitet wird und daher höchstwahrscheinlich der Akku defekt ist. Ich bin begeistert: Darauf wäre ich allein gar nicht gekommen. Marco erzählt mir, dass sie höchstens jeden Zwanzigsten an einen Fachmann verweisen, ich gehöre dazu.

Irgendjemanden muss es ja treffen. Den anderen Besuchern kann das Team an diesem Tag helfen: Gemeinsam bringen sie unter anderem eine Kaffee- und eine Schuhputzmaschine wieder zum Laufen. Dabei haben die Besitzer Glück, dass keine Ersatzteile nötig sind, die müssten sie sonst natürlich selber besorgen.

Meine Weltpremiere an der Nähmaschine

Jetzt will ich aber wirklich mit meinen eigenen Händen aktiv werden. Ich habe ja noch meine Hose, die ich richten möchte. Neben Vitalij sitzt Margret Schöling, Marcos Mutter, hinter der Nähmaschine. Ich erfahre, dass sie zwar keine gelernte Schneiderin ist, aber früher bei einer gearbeitet hat und daher über jede Menge Erfahrung verfügt. Die gibt sie nun an die Repair-Café-Besucher weiter. Das ist bei mir auch bitter nötig: Vor einer Nähmaschine habe ich mich nämlich bis heute erfolgreich gedrückt. Zwar erinnere ich mich, dass ich als Kind eine Zeit lang Designerin à la Karl Lagerfeld werden wollte. Ich habe sogar eine ganze Kollektion zu Papier gebracht. Aber Nähen, danach stand mir damals so gar nicht der Sinn.

Dass ich keine Ahnung habe, bringt Margret überhaupt nicht aus der Ruhe. Unter ihren wachsamen Augen stecke ich zunächst den Saum fest, damit er wieder richtig liegt. Dann müssen wir das Garn durch zahlreiche Haken und Ösen spannen, bis es endlich bei der Nadel ankommt. Hoffentlich ist das Nähen selbst nicht so kompliziert, denke ich. Die Helferin macht mir vor, wie es geht. Per Fußpedal bringt sie die Nähmaschine gleichmäßig in Gang. Nach einem kleinen Stück bin ich dran. Gespannt trete ich auf das Pedal und die Maschine sirrt los, viel zu schnell, und ich habe große Mühe, die Hose auf ihrer Position zu halten. „Ahh“, entfährt es mir leicht verzweifelt. Wenn ich versuche, weniger Gas zu geben, stoppen Nadel und Faden komplett. „Weiter, weiter“, ermutigt mich Margret, „gerade sollte die Naht allerdings schon sein“, lacht sie. Richtung, Tempo, Präzision, das alles kriege ich nur langsam zusammen. Nach einigen Minuten habe ich es dann allerdings doch geschafft. Puh!

„Diese Stelle ist aber nicht so schön“, bemerkt Margret mit einem prüfenden Blick. Und in der Tat, der Faden verläuft dort krumm und schief. Also, Naht auftrennen und noch einmal. Nun ist auch sie zufrieden und ich bin richtig stolz. Für andere mag es eine Kleinigkeit sein, aber ich saß schließlich das erste Mal an der Nähmaschine – und dank mir selbst ist meine Hose wieder tipptopp.

Eine Spende, bitte!

Eine gute Nachricht hat Vitalij auch noch für mich, online hat er ein günstiges Angebot eines Profis zum Akkutauschen gefunden. „Hier steht, es kostet 80 Euro“, sagt er mir. Das werde ich mir definitiv durch den Kopf gehen lassen. Ich hatte mit einer hohen Summe gerechnet, die den Gerätewert weit übersteigt. Am Schluss ist noch eine Spende für die Hilfe, die ich erhalten habe, fällig: Für die Ausgabendeckung, die Wertschätzung und „weil wir keine Konkurrenz zu den Profis sein wollen“, erklärt Marco und fügt hinzu: „Es gibt aber auch Repair-Cafés, die ihre Hilfe kostenlos anbieten, das muss jeder für sich entscheiden.“ Ich zahle auf jeden Fall gerne 10 Euro, schließlich nehme ich heute viel mit nach Hause.

Fazit

Es ist zwar ganz anders gelaufen als ich gedacht hatte, aber weitergeholfen hat mir das Repair-Café-Team trotzdem. Selber aktiv werden, dazulernen und weniger wegwerfen, das sind erstrebenswerte Ziele. Mir hat der Besuch ins Gedächtnis gerufen, zuerst zu prüfen, ob Kaputtes vom Profi repariert werden oder ich es sogar selbst richten kann, bevor ich etwas Neues kaufe. Wenn ich dazu eine Nähmaschine brauche, komme ich wieder ins Repair-Café: Erstens habe ich selbst keine und zweitens weiß ich dann erfahrene Helfer an meiner Seite. Vielleicht werden die Nähmaschine und ich irgendwann sogar noch gute Freunde. Während ich mich durch die geschäftige Innenstadt auf den Heimweg mache, nehme ich mir vor, an Weihnachten meine selbstreparierte Hose zu tragen, um mich daran zu erinnern.

Übrigens

Wenn Ihr auch mal ein Repair-Café besuchen wollt, in der „Markthalle Acht“ findet das nächste am 20. Dezember von 15 bis 19 Uhr statt. Oder Ihr schaut auf der Website des Repair-Cafés von Leuchtturmfabrik e.V. nach. Dort sind alle Anbieter in und um Bremen aufgelistet.

Einen Überblick über Initiativen in ganz Deutschland, und damit auch in Bremen und Oldenburg, liefert die Internetpräsenz des Netzwerkes Reparatur-Initiativen. Informiert Euch am besten vorher, ob eine Anmeldung nötig ist und ob bzw. welche Kosten auf Euch zukommen.

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