Reggae Jam Jubiläum: Hitze, Party und zwei emotionale Abschiede

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Samstagnacht auf dem Reggae Jam: Ganjaman, Sebstian Sturm und Dellé bei ihrem emotionalen Auftritt.

25 Jahre Reggae Jam – das Jubiläum wurde zu einer ganz besonderen Festival-Ausgabe. Tropische Temperaturen, hochkarätigster Reggae, exotische Köstlichkeiten, relaxte Vibes – nie zuvor war Norddeutschland karibischer. Selten dürfte es außerdem auf der Bersenbrücker Bühne derart emotional zugegangen sein. Die Reggae-Familie nahm Abschied von Crew-Mitglied Luna und Seeed-Frontmann Demba Nabé. So war das Reggae Jam 2018.

Tagsüber geht die Sonne am ersten Augustwochenende über dem Reggae Jam ans Limit. Als symbolisches Feuerwerk zum 25. Geburtstag quasi. Über weite Strecken des Festivals liegen die Temperaturen deutlich jenseits der 30 Grad. Gelände und Campingplatz gleichen einem einzigen Knäuel aus Hitze, Staub und fröhlichen Menschen. 15.000 erfreuen sich an gutem Wetter, guter Musik und guter Gemeinschaft. Eine Wasserschlacht tobt nach der anderen, im Schwimmbad wird geplanscht, auf der Hase mit Gummibooten geschippert. Zapfstellen sind hoch frequentiert, wildfremde Menschen verpassen sich im Vorbeigehen gegenseitig grinsend Erfrischungen. Eine Art „Wasserwerfer“ versucht den staubigen Wegen mit kühlem Nass beizukommen und wird sogleich von zahlreichen Feiernden in der Hoffnung auf Abkühlung belagert. Nach Sonnenuntergang drehen Soundsystems in ihren Camps auf, beschallen sich und ihre Nachbarn professionell aus Bullis heraus. Spontane Menschentrauben bilden sich, feiern und tanzen zusammen.

Wie aus dem Klischee-Handbuch und doch sehr viel mehr 

Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte man dieses Festival aus dem Klischee-Handbuch abgeschrieben. Love, Peace and Unity so weit das Auge reicht. Betrachtet man das Reggae Jam jedoch einmal abseits süßlicher Hippie-Stereotypen, es bleibt ein Kleinod der Zwischenmenschlichkeit. Dem Festival gelingt es immer wieder aufs Neue eine familiäre, friedliche Atmosphäre zu schaffen. Als gäbe es außerhalb dieser Feel-Good-Oase keinerlei zwischenmenschlichen Probleme. Und so ist es denn auch für viele Besucher ein Urlaub vom gesellschaftlichen Chaos und vom Hass in der Welt. Ausgerissen aus dem Alltag, um mit Menschen zu feiern, um Mitmenschen zu feiern. Gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion, gleich welchen Alters. 

Kratzer im „peacigen“ Gesamteindruck 

Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls vor den Bühnen, im Schatten der Pavillons, im Dancehall Tent, im Dubcamp, am Ufer der Hase, auf der Wasserrutsche, an den Buden mit karibischen Spezialitäten oder Marktständen mit rot-gelb-grünen Devotionalien auf. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass mit Capleton in der Freitagnacht ein jamaikanischer Künstler auf der Bühne steht, der immer wieder mit homophoben Texten und Aussagen aufgefallen ist und diese vereinzelt auch in Bersenbrück von sich gegeben haben soll. Ein Kratzer im „peacigen“ Gesamteindruck. Und klar, ein bisschen Kirmes-Feeling ist auch dabei, wenn sich die Landbevölkerung aus der Gegend auf den eintrittsfreien Boulevard aus Ess-, Bier- und Verkaufsständen begibt. Gleichzeitig sind diese Berührungspunkte ein friedlicher Brückenschlag unterschiedlichster Kulturen, vereint vom Bedürfnis nach gemeinsamer, entspannter Zerstreuung. 

Abschied von Seeed-Sänger Demba und Crew-Mitglied Luna 

„Diese Form von Teilen ist weit mehr als ein Daumen“, heißt es Samstagnacht auf der Hauptbühne in Anspielung an durch optimierte Social Media Präsenzen. Die deutschsprachige Reggae-Créme-de-la-Créme aus Seeed-Frontmann Dellé, Jahcoustix, Sebastian Sturm und Ganjaman steht gemeinsam mit der Band Klub Kartell im Rampenlicht und preist die harmonische Stimmung im Hier und Jetzt. Ein Umstand, an dem Jahre lang auch Crew-Mitglied Luna Anteil hatte, bevor sie im Februar verstarb. Im Gedenken wacht unter der großen Video-Leinwand ihr Porträt über das Festival. Zu Lunas Ehren singt Moderator und Einheizer Ganjaman eine gefühlvolle Ballade. Gänsehaut beim Feuerzeug schwenkenden Publikum. Anschließend ist es an Dellé, seinem Kumpel und Kollegen Demba zu gedenken. Auch er war kürzlich verstorben. Dellés Blick richtet sich neben aller Trauer auch nach vorne. Er beteuert: „Es gibt keinen Grund, das Leben nicht weiter zu führen.“ Gleiches wolle Seeed im Namen ihres geschiedenen Mitglieds tun. 

„Vergesst nicht zu träumen, versucht Vorbilder zu sein“ 

Eine Verbindung der Musiker sei immer Bob Marley gewesen und so ist es der „Redemption Song“, der anschließend aus tausenden Kehlen im Klosterpark erklingt. „Für Demba, er hört uns!“ Ein sichtlich bewegter Dellé, der noch nie zuvor auf diesem, einem der bedeutendsten Reggae Festivals des Landes war, bekennt: „Ich sehe, was für Vibes das hier sind!“ Sein Rat: „Vergesst nicht zu träumen.“ Seine Bitte: „Versucht Vorbilder zu sein.“ Bevor die Show wieder an Fahrt aufnimmt und den Weg in eine weitere durchtanzte Nacht ebnet, heißt es von der Bühne noch in bescheidener Manier: „Wir sind hier nicht die Stars, es ist eine Ehre für uns das machen zu dürfen.“ Ein weiteres Puzzlestück in diesem Gesamtkonstrukt samt zwischenmenschlicher Wertschätzung und Respekt. 

Plötzlich stehen zwei Polizisten auf Pferden im Camp 

Ein Festival, so friedlich, dass die Polizei auf dem Gelände quasi unsichtbar ist. Eines Morgens stehen trotzdem plötzlich zwei Polizisten auf Pferden mitten in einer Zeltburg auf dem steppenähnlichen Campingplatz. Einfach um zu plaudern. Währenddessen ruft ein gut gelaunter Holländer herüber, ob sie denn alles im Griff hätten. Man möge ihm andernfalls gerne Bescheid geben. Kein Vergleich zum Aufwand, der am Bahnhof betrieben wird. Dort zeigt die Polizei mehr Präsenz. Neuankömmlinge werden von etlichen Ordnungskräften kritisch beäugt und von Drogenspührhunden in Empfang genommen. Insgesamt sollen über 40 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz festgestellt worden sein. Ist diese Schleuse passiert, folgt auf dem Fußweg zum Gelände geballte Herzlichkeit. Anwohner begrüßen die Gäste aus ihren Vorgärten heraus mit selbstgemachter Limonade, später kommen sie für einen Rum Punch zu Besuch aufs Festival. 

Ein Festival mit kulturellem Brückenschlag 

Zuletzt war Bersenbrück zehn Jahre in Folge von Lesern der Fachzeitschrift „Riddim“ als „bestes Reggae Festival“ ausgezeichnet worden. Auch, weil das Line-up stets mit internationalem Format lockt. Diesmal sind es 35 Acts, darunter Stars wie Mr. Vegas, Jah 9, Konshens, Andrew Tosh, Macka B., Cocoa Tea oder Stylo G. Das 25-jährige Jubiläum wird zur außergewöhnlichen Ausgabe. Ein ungewöhnlich heißes Festival, ein gewohnt friedliches Festival, ein Festival bei dem getrauert wurde, ein Festival mit kulturellem Brückenschlag, ein Festival das Mut macht, ein Festival, das Gut tut.

Bersenbrück-Bilder: Die Fotos vom Reggae Jam 2018

„Wasserwerfer“ als willkommene Abkühlung 

Nach dem Aufstehen direkt in die Hase 


Nachts an der Riverside Stage 


„Different Colours One People“ 


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