So geht der Harry-Potter-Sport

Mein wilder Ritt auf dem Plastikstab: Quidditch im Selbstversuch

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Quidditch – Was als Fan-Hype rund um „Harry Potter“ begann und stets belächelt wurde, hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich als eigene Sportart etabliert. nordbuzz-Autorin Sandra Graeve hat die Jagd nach dem Schnatz in einem Selbstversuch ausprobiert – „schnaufend und planlos“ zwar, aber: Für eine „Normalsterbliche“ hat sie sich wohl ordentlich präsentiert. Hier kommt Ihr Bericht.

Ein wirklicher Harry-Potter-Fan bin ich ehrlich gesagt nicht. Klar: Ich habe die Bücher gelesen und die Filme geschaut, darum ist Quidditch für mich kein Fremdwort. Besenreiten im Selbstversuch also? Kein Problem, denke ich mir. Dann hoppel ich halt nach Feierabend mit einem Besen zwischen den Beinen über den Rasen und renne dem Schnatz hinterher. Ist auf jeden Fall viel besser, als faul auf der Couch zu liegen.

Was mich dann beim Probetraining der „Portkeys Bremen“ erwartet, hat mit verklärter Harry-Potter-Romantik allerdings wenig bis gar nichts am (sprechenden) Hut. Schon als mir Portkeys-Mitglied Florian im Vorfeld schreibt, dass zur üblichen Ausrüstung nicht nur Stollenschuhe sondern auch ein Mundschutz gehört, keimt in mir eine erste Ahnung, dass die Nummer vielleicht doch nicht so locker über die Bühne geht, wie ich mir das vorgestellt habe.

Aus der Fantasiewelt auf den Boden der Tatsachen

Zwei Studenten aus Vermont ist es zu verdanken, dass Quidditch – in der Romanreihe von J.K. Rowling auf einem Besen fliegend hoch oben in der Luft praktiziert – auch in der realen Welt gespielt werden kann. Sie übertrugen den Fantasiesport auf den Boden und entwickelten eine Mischung aus Rugby, Handball und Dogeball mitsamt eines komplexen Regelwerks. Inzwischen ist der Trendsport aus Nordamerika in Deutschland und seit Anfang 2016 auch in Bremen angekommen.

Student Jonas Becker lernte Quidditch während seines Auslandssemesters in Philadelphia kennen und lieben. Zurück in Bremen gelang es ihm, Freunde und Bekannte zunächst auf echten Besen und sogar Wischmobs zum ersten Training in den Neustadtswallanlagen zusammenzutrommeln. Der Grundstein für den heutigen Verein „Portkeys Bremen“ war gelegt.

Lustig auf 'nem Besen über den Rasen wackeln? Vergiss es!

Auf dem Vereinsgelände vom ATS Buntentor angekommen, werde ich freundlich empfangen. Da heute ein Einsteigertraining vom Hochschulsport stattfindet, bin ich zum Glück nicht der einzige Rookie auf dem Platz. Die Tore, bestehend aus zwei mal drei Ringen auf Standfüßen, sind bereits aufgebaut. Das erste Warm-Up mit integrierter Vorstellungsrunde findet zunächst ohne Besen statt. Apropos Besen: Wer auf seinem ganz persönlichen Nimbus 2000 über den Rasen fegen möchte, ist hier leider fehl am Platz. Aus Sicherheitsgründen und zugunsten besserer Agilität kommen leichte PVC-Stäbe zum Einsatz, die man sich während des Spiels zwischen die Beine klemmt – festgehalten von nur einer Hand.

Ballsportarten waren ja noch nie so mein Ding

Zunächst werfen wir uns warm, wobei gleich schon meine ersten Defizite deutlich werden. Habe ich vergessen zu erwähnen, dass ich nie eine Ballsportart betrieben habe? Als sogenannte „Quaffel“, die durch die Ringe geworfen werden sollen, um Punkte zu erzielen, dienen nicht ganz aufgepumpte Volleybälle. Sogar ohne PVC-Stab in der Hand fällt es mir schwer, die schlüpfrigen Scheißerchen sicher zu fangen, geschweige denn zielgerichtet zu werfen. Optimale Grundvoraussetzungen also, um sich beim Match so richtig zum Obst zu machen.

Bei den folgenden Mini-Games mit Klatschern, den größeren, zum Glück noch weicheren Bällen, mit denen die gegnerischen Spieler abgeworfen werden, kommen schlimmste Völkerball-Erinnerungen aus Kindheitstagen in mir hoch. Wer getroffen wird, muss augenblicklich vom Besen absteigen, quer übers Spielfeld zu den eigenen Ringen laufen und bei einem von ihnen anschlagen, damit wieder „aufgestiegen“ und weiter gekämpft werden darf. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass ich die meiste Zeit des Spiels genau mit diesem Move beschäftigt bin, wodurch ich ordentlich ins Schwitzen komme.

Schnaufend und planlos

Hilflos überfordert und ohne jeglichen Überblick über die Spielsituation, versuche ich immer wieder einzusteigen und zumindest einen gegnerischen Spieler zu decken. Als ich ausgewechselt werde und pumpend das Treiben vom Spielfeldrand aus beobachte, ist es Zeit für ein erstes Résumé: Verdammt, ist das anstrengend, komplex und teilweise ganz schön ruppig. Und dabei haben wir nur die entschärfte Version kennengelernt. In einem echten Quidditch-Spiel wird nämlich kräftig getackelt, was die Grasflecken auf den Trikots einiger Spieler erklärt und den Mundschutz zu einem durchaus sinnvollen Accessoire macht!

Nichtsdestotrotz hatte ich Spaß beim Probetraining, was nicht zuletzt an den sympathischen Portkeys lag, die mich so freundlich aufgenommen und uns Anfänger mit viel Geduld bei den ersten Spielzügen begleitet haben.

Die Portkeys sind sich derweil durchaus bewusst, dass ihr Sport durch die Nähe zu Harry Potter immer noch belächelt wird. An Selbstvertrauen mangelt es den Mädchen und Jungs dennoch nicht, denn sie wissen genau, dass jeder, der wie ich mal beim Training mitgemacht hat, einen gewissen Respekt vor dieser Sportart entwickelt. Übrigens sind es nicht nur Harry-Potter-Fans, die sich für den Sport begeistern. Insbesondere seitdem Quidditch über den Bremer Hochschulsport angeboten wird, zieht der Trendsport ebenso viele „Normalsterbliche“ auf die Plastikstangen, die einfach mal was Neues ausprobieren wollen.

Infos zum Training

Jeden Mittwoch und Samstag, von 17 bis 19 Uhr, wird auf dem Gelände des ATS Buntentor, Weg zum Krähenberg 1, trainiert. Einsteiger sind jederzeit herzlich willkommen. Meldet Euch einfach vorab entweder per Mail (quidditch.bremen@gmx.de) oder über die offizielle Facebookseite der Portkeys Bremen an.

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