Medien- und Kulturstandort für Bremen

Pusdorf Studios: Y-Kollektiv macht Werft zum Kreativzentrum

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Christian Tipke vor den künftigen Pusdorf Studios, die er mit der Sendefähig GmbH, dem Y-Kollektiv und Kulturschaffenden in Woltmershausen bezieht.

Eine Bremer Erfolgsgeschichte: Das junge Journalisten-Netzwerk Y-Kollektiv hat mit seinen subjektiv-kritischen Reportagen einen Zeitgeist getroffen. 120.000 YouTube-Abonnenten und der Webvideopreis lassen grüßen. Da der Platz in der Alten Schnapsfabrik in der Neustadt knapp wird, zieht die Produktionsfirma Sendefähig GmbH nun in den Hohentorshafen, genauer: in eine Ex-Werft aus den 20er Jahren – und Teile der Kultur- und Kreativszene ziehen gleich mit ein. Über einen Ortsbesuch auf der Baustelle, Coworking-Visionen und Festival-Träume einer Bremer Truppe mit deutschlandweiter Strahlkraft.

Seit dem letzten Besuch beim Funk-Format Y-Kollektiv vor gut einem Jahr ist viel passiert. Auszeichnungen, wie der Webvideopreis beispielsweise oder knapp 40.000 Facebook- und bald 120.000 YouTube-Abonnenten. Fernsehpreisträger Hubertus Koch zog ins Viertel, um sich stärker zu engagieren. Manuel Möglich – bekannt aus „Wild Germany“ in ZDFneo gesellte sich als Gesellschafter dazu. Eine beachtenswerte ARD-Reportage-Reihe steht in den Startlöchern. „Rabiat“ soll sie heißen, weitere Details noch geheim. Doch das reicht den aufstrebenden Medienmachern nicht – nun wird der Grundstein für noch viel mehr gelegt: Samt Y-Kollektiv zieht die Produktionsfirma Sendefähig in einen alten, zuvor leerstehenden, 1.700-Quadratmeter-Werft-Komplex im Hohentorshafen und baut sich dort gemeinsam mit Kulturschaffenden und Kreativen ein riesiges Domizil. Mit Weiten und Freiheiten. Und mit Platz für Studios, Open-Air-Bühne, Indoor-Partys, Konzert-Halle, Ateliers, Werkstätten und vielem mehr direkt am Wasser. In Nachbarschaft zur Fun Factory, in Sichtweite zur Beck‘s-Brauerei und mit dem Bremer Funkturm am Horizont.

Millionenfach geklickt 

Die Reportagen mit Haltung zu Themen wie Drogen, Mietpreiserhöhung, G20, Massentierhaltung, Kriminalität, Sexualität oder illegale Raves sind auf verschiedenen Plattformen millionenfach gefragt. Allein bei YouTube stehen über 12 Millionen Aufrufe zu Buche (Stand: Januar 2018). Über Facebook und Funk.net kommt eine extreme Reichweite hinzu. Künftig wird es in den Pusdorf Studios – so der Arbeitstitel – noch mehr Platz für die Produktionen geben. Dort, wo nun Redaktionsloft, Schnitträume und Telefonzellen für vertrauliche Recherchegespräche entstehen. Irgendwann einmal könnte aus jedem Raum zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Netz gestreamt, also rund um die Uhr live gesendet werden.

Noch ist Baustelle, künftig findet sich hier das Redaktionsloft des Y-Kollektivs.

 

Willkommen in den Pusdorf Studios 

Willkommen in den Pusdorf Studios! Ein offenes Konzept mit Platz für alles, was auf die Spielwiese junger Medienmenschen mit Tatendrang und Visionen passt. „Wir müssen zusammen bleiben, damit sich hier keiner verläuft“, sagt Christian Tipke, als sich die kleine Gruppe Neugieriger zu einer privaten Führung in Bewegung setzt. nordbuzz darf sich als erstes Medium vor Ort umschauen. Die Warnung von Tipke klingt zunächst nach einem Scherz – soll sich letztlich jedoch als sinnvoller Hinweis herausstellen. Tipke ist Geschäftsführer und mit 37 einer der ältesten im Kollektiv. Manche seiner Kollegen sind Anfang 20, im Schnitt ist die Crew unter 30. 2006 hat er sich mit einer Produktionsfirma erfolgreich selbstständig gemacht hat und Jahre lang wertvolle Erfahrung sammeln können. Zusammen mit Fernsehjournalist Dennis Leiffels gründete er Sendefähig, später kam Manuel Möglich als Gesellschafter hinzu. Über eine Dreiviertelstunde dauert der atemberaubende Rundgang durch den verschachtelten Komplex am Ende.

„Am liebsten Co-Working mäßig“ 

Seit dem 1. Dezember ist Sendefähig Mieter des Gebäudes, zunächst für zehn Jahre. „Ich war ungeduldig“, fährt der Bremer fort. „Im August hatten wir hier die erste Besichtigung. Vorher haben wir zwei Jahre geguckt und dann ein Jahr ernsthaft gesucht.“ Es habe großes Interesse an diesem einmaligen Objekt gegeben. Letztlich bekam die Truppe aus der Neustadt den Zuschlag. Von 230 Quadratmetern in der Alten Schnapsfabrik, wächst die Sendefähig-Fläche auf 600 Quadratmeter an, der Rest der 1.700 Quadratmeter wird untervermietet. „Wir hätten gerne ein bisschen Fluktuation. Am liebsten Co-Working mäßig“, sagt Tipke. „Wie ein eigener Organismus.“ Reichlich Interessenten gibt es bereits, von denen am Ende 60 bis7 0 Kreative und Kulturschaffende ihren Weg in die Pusdorf Studios finden könnten. „Hauptsache bunt und laut“, soll es nach Tipkes Wunsch werden.

„Bisschen dreckig, bisschen Street, das passt zu uns“ 

„Ich habe mich direkt in die Treppe im Foyer verliebt. Da war klar, ich muss die Hütte haben, auch wenn sie eigentlich zu groß ist.“ Durch einen unscheinbaren Seiteneingang betritt man die ehemalige Werft im Grenzgebiet zwischen Neustadt und Woltmershausen alias Pusdorf. Plötzlich steht der Besucher vor diesen eindrucksvoll geschwungenen Stufen. Im vorderen Bereich soll einmal die Geschäftsführung sitzen. „70er Jahre ist hier das Thema.“ In den Bürozimmern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Wände sind mit schweren Holzschränken verkleidet. „Sieht ‚Mad Men‘ mäßig aus“, meint Tipke. „Mit viel Platz für Cognac.“ Ein passender Link zur bisherigen Wirkungsstätte, der Alten Schnapsfabrik an der Wilhelm-Kaisen-Brücke. „Es soll ein bisschen werden wie dort. Nur mit noch mehr Fokus auf Kunst und Kultur.“ In den Pusdorf Studios sei es nicht so schick, aber das treffe das Y-Kollektiv ohnehin besser. „Bisschen dreckig, bisschen Street, das passt zu uns.“

Über diese schwungvolle Treppe sind die Hallen der Pusdorf Studios zu erreichen.

 

„Wachstum kann zu Schmerzen führen“ 

Mit freien Mitarbeitern verdienen inzwischen 30 Leute regelmäßig Geld bei Sendefähig. „Das wurde mir bei der Weihnachtsfeier bewusst“, so Tipke. Manchmal klingt er selbst etwas überrascht, welche Entwicklung das alles genommen hat. Jedoch keineswegs überfordert, eher so als stünde das alles trotz des Erfolgs noch ganz am Anfang. Hungriger denn je, die eigene Firma zu gestalten und die bundesweite Medienlandschaft gleich mit. Von Bremen aus. Das ist für ihn der geeignete Standort. In der „Schnapse“ gab es nicht mehr genug Platz. Nun gibt es Raum zum Wachsen, aber auch schrumpfen, je nachdem, wie es läuft. „Wachstum kann zu Schmerzen führen“, das ist auch Tipke klar. Darum sagt er: „Der Geist der Unternehmung muss bestehen bleiben. Es darf keine anonymen Unterabteilungen geben.“ Das wäre kontraproduktiv. Stattdessen wolle man Schritt für Schritt vorgehen. „Die ‚Schnapse‘ zu verlassen fällt uns nicht leicht, weil sie mit all den ansässigen Firmen der Kreativbranche einer unserer Erfolgsgaranten war. Wir wollen nun diesen Geist erweitern.“ Dabei soll keine Konkurrenzsituation entstehen. „Im Gegenteil, wir wollen das Netzwerk weiterdenken.“ Nur konsequent, dass im vergangenen Sommer ein Büro im hippen Berlin-Kreuzberg eröffnet wurde.

„Pusdorf, das klingt wie Pusemuckel oder Buxtehude“ 

„Pusdorf, das klingt wie Pusemuckel oder Buxtehude“, sagt Tipke und schmunzelt. „Das sieht sicher witzig aus, auf den Visitenkarten.“ Und es erdet bei all der Anerkennung, würde man denken. Es ist ein Standort nach Geschmack des Filmemachers. Gut angebunden an Bus, Flughafen, Bahnhof Neustadt und B75. Problemlos mit dem Rad erreichbar von Zentrum und „Radio Bremen“, das die Y-Kollektiv-Filme für das junge Angebot von ARD und ZDF redaktionell verantwortet. „Hier will bisher keiner hin. Also will hier auch keiner weg und man steht nicht im Stau, wie in der Überseestadt. Überhaupt kam es nicht in Frage, Bremen zugunsten einer medial ausgeprägteren Metropole zu verlassen. Weniger hektisch, weniger glamourös, mehr kurze Wege, mehr Zeit sich aufs eigene Ding und sich selbst zu konzentrieren. In Ruhe etwas entwickeln und mit solchen Argumenten trotzdem Talente und Kunden neugierig machen. „Wir wollen den Leuten etwas bieten, die nach Bremen kommen. Mit einer guten Idee kann man gerade richtig viel reißen.“ Ebenfalls mit guten Ideen und Social Media hat das Y-Kollektiv im Kielwasser von Funk innerhalb kurzer Zeit deutschlandweite Strahl- und Anziehungskraft entwickelt. Dabei sprangen wie nebenbei renommierte Auszeichnungen heraus. Der Webvideopreis und der Juliane Bartel Medienpreis etwa. „Für den Kulturbetrieb wünsche ich mir das gleiche.“ Auch hier dürfen Projekte künftig gern überregional strahlen. „Das Potenzial haben wir.“

Blick in den Innenhof der Pusdorf Studios, wo irgendwann einmal eine Festival-Bühne stehen könnte.

 

„Im Hafenbecken könnte ein Event-Schiff anlegen“ 

Die ehemalige Werft hätte Tipke indes nicht ausschließlich zur Filmproduktion angemietet. „Dann würden wir alleine im Hafen sitzen und uns nach einem halben Jahr langweilen.“ Stattdessen soll das, was dort nun aufgebaut wird auch überzeugen mal eine Stunde länger zu arbeiten. Tipke lacht. „Im Ernst, ich hoffe, dass viele Leute vorbeikommen, ohne extra eingeladen werden zu müssen. Einfach, weil sie interessiert, was wir hier machen.“ Mit Olaf Kock ist ein erster Künstler bereits eingezogen, Carl Eidtmann folgt. Auch Nico Hirschmann und Timo Schuhmacher, die Macher der Neustädter Kneipen und Kulturzentren Papp und Karton, haben sich eingemietet. Der neu gegründete Verein Kulturkraken, der bereits die Lichter der Neustadt veranstaltete, plant Veranstaltungen auf dem Areal. „Ob im Keller ein Singer-Songwriter spielt, im Erdgeschoss ein Techno-DJ auflegt oder im Innenhof Sport-Wettbewerbe ausgetragen werden, es ist so viel vorstellbar“, sagt Tipke. „Auf dem Außengelände wäre Platz für Biergarten, Flohmärkte und Co., im Hafenbecken könnte ein Event-Schiff anlegen.“ Festivals wollen sie definitiv veranstalten. „Ich will nicht zu viel vorgreifen, aber ein Ponton auf der Weser wäre nicht schlecht, damit ich zur Arbeit schwimmen kann“, sagt Tipke augenzwinkernd. Der Mann hat Visionen. Oder mindestens Träume. Seine Augen funkeln, wenn er von den Plänen erzählt. 

Die Pusdorf Studios liegen direkt am Becken des Hohentorshafen.

 

Macht der Stadtteil mit? Was sagt das Baurecht? 

Vieles ist allerdings auch von externen Faktoren abhängig. Macht der Stadtteil mit? Was sagt das Baurecht? In die alte 100-Quadratmeter-Hausmeister-Wohnung zieht erstmal der Praktikant. Später könnten hier Künstler untergebracht werden, die im Papp oder Karton auftreten. Bevor es so weit ist, stehen nun Umbau und Abrissarbeiten an. „Ein Zeitplan ist schwer absehbar“, sagt Tipke. „Wir werden so schnell wie möglich Sachen passieren lassen. Bis März den vorderen Bereich nutzbar machen.“ Jeder, der zum ersten Mal einen Fuß in die Pusdorf Studios setzt, hat irgendwelche Ideen. „Die Leute, die dabei sind, das sind keine Schnacker sondern Realisateure und Macher“, sagt Tipke. Während der Besichtigung schlägt einer vor, im Winter eine Eislaufbahn im Innenhof zu schaffen. „Warum nicht“, meint Tipke. „Das Haus ist am Ende nur die Hülle für das, was dort geschaffen wird.“

„Ich finde das selber manchmal verrückt“ 

Ende April steht der Auszug aus der Schnapsfabrik an. Zur Entwicklung seit dem Start Mitte 2016 sagt Tipke: „Ich finde das selber manchmal verrückt.“ Aber: Alle Beteiligten seien genauso drauf und alle hätten schon was gerissen. Hier wird noch einmal der Kollektiv-Gedanke hinter Y-Kollektiv und Mitstreitern deutlich. Ohne die herumstehenden Kickertische und Tischtennisplatten zu meinen, sagte er zum Ende des Rundgangs: „Es ist fast billig, weil die ganze Geschichte so viele Klischees erfüllt.“ Tipke grinst. „Aber es bringt Bock.“

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