Gedanken über Camping, Musik und Alter

Jetzt is' auch mal gut – oder nicht? Erfahrungsbericht vom gefühlten Festival-Opa

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Muss das wirklich sein? Bin ich nicht langsam zu alt für den Scheiß? Warum tue ich mir das eigentlich noch an? Irgendwann kommt unweigerlich der Zeitpunkt, wo sich jeder zwangsläufig mit diesen Fragen auseinandersetzen muss. Worum es geht? Um Festivals! Wenn das Erreichen der Volljährigkeit länger her ist, als der Weg bis zur 50 noch dauert, dann sollte man sich darüber Gedanken machen. Also, Festivals, wir müssen reden – aus gegebenem Anlass.

Es ist Samstag, früher Nachmittag. Ich liege in einer Hängematte. Weil ich es will. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Vielmehr liege ich da, weil ich es muss. Der Freitag fordert seinen Tribut. Fatoni, Bilderbuch, Von wegen Lisbeth, alle haben abgeliefert. Ich habe abgeliefert. Erholung ist jetzt das Stichwort. Fühlt sich eigentlich ganz gut an, hier zu sein. In der Hängematte, auf einem Festival, überhaupt. Aber gehöre ich noch dazu? Bin ich nicht langsam viel zu alt dafür, mit fremden Menschen Bier aus Gießkannen zu trinken, mir beim Flunkyball-Spielen den Rücken zu verbrennen und in einem Meer aus Müll zu campieren?

Sie habe gerade Abi gemacht, sagt ein junges Mädchen, das gerne die Hängematte okkupieren würde. Was aus oben genannten Gründen natürlich überhaupt nicht in Frage kommt. Gerade Abi gemacht? 2017? Ich rechne nach. Ende der 90er war ich, Jahrgang 81, zum ersten Mal auf Festivals. Da war sie noch gar nicht geboren! Und jetzt sind wir auf der gleichen Veranstaltung unterwegs, dem Puls Open Air. Spooky!

757 Kilometer Anreise? Wurscht!

Andererseits: Allein die Tatsache, dass meine Hängematte ausgerechnet zwischen zwei Bäumen in Kaltenberg hängt, verdeutlicht einen enormen Vorteil des Alters. Musste ich früher nehmen, was da war (und das war in der Regel das Hurricane in Scheeßel), ist mir heute, knapp 20 Jahre später, eine Anreise von in diesem Fall 757 Kilometern relativ wurscht. Klar, ist nervig, aber durchaus zu stemmen. Rein in die Karre und ab dafür. War damals das finanzielle Budget ein entscheidender Faktor, ist es jetzt der Anlass. In diesem Fall ein Junggesellenabschied. So ändern sich die Zeiten.

Signifikant geändert hat sich auch der Elan. Besser gesagt: Mein Elan. Schon am Vormittag habe ich kopfschüttelnd und gleichermaßen neidisch das Festival-Volk bewundert, dass sich in großen Teilen hüpfend und springend über den Zeltplatz bewegt. Überhaupt springen und hüpfen ständig alle von A nach B. Diese Energie, Respekt. Ich dagegen habe es noch immer nicht geschafft, mein chamäleoneskes Tempo auch nur einen Deut zu erhöhen.

Wichtig: Dranbleiben, nur nicht abreißen lassen

Aber dafür wurde ja der Schnaps erfunden. Nein, eigentlich der Cocktail. Wenn warmes Dosenbier seine Zauberkraft verliert, braucht es Alkohol mit viel Zucker und Eis. Womit ich schon beim nächsten Vorteil des Alters wäre, erneut finanzieller Natur. Wären mir früher knapp 20 Mark (in meinem Alter darf man umrechnen!) für einen Cocktail als purer Wahnsinn vorgekommen, habe ich mich mit den teils absurden Preisen längst abgefunden. Selbst zwei Euro Pfand sind mir da nur in Ausnahmefällen einen Weg zur Rückgabe wert. Trotzdem dauert es natürlich lange, bevor ich mich wieder halbwegs in der Spur befinde. Voodoo Jürgens muss wohl oder übel auf mich verzichten.

Aber wie es eigentlich immer ist: Je länger der Abend wird (und er soll noch sehr lange werden), desto besser wird er. Wichtig: Dranbleiben, nur nicht abreißen lassen. Selbst das Wissen um die quälend lange Regenerationszeit, die auf mich zukommen wird, kann mir den Spaß jetzt nicht mehr verderben. Ich, der Festival-Opa? Von wegen! Und selbst wenn: Geschenkt! Die Musik hat genug Dampf, ich freue mich über mich selbst und bin mithin froh, nicht noch Pavillon und Zelt in ihre jeweiligen Einzelteile zerlegen zu müssen. Denn auch das ist eine Erkenntnis, die ich erst im Laufe der Jahre gewonnen habe: Ein Zelt kann durchaus länger als drei Tage halten und Aufräumen ist nicht immer die schlechteste aller Ideen.

Fazit

Was also bleibt? Wann ist Schluss mit Festival? Ganz ehrlich: Müsst Ihr selber wissen. Das Alter ist jedenfalls kein entscheidender Faktor. Alles eine Einstellungsfrage. Ich kann noch.

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