Ortsbesuch bei Immo Wischhusen

7.000 m² Kultur: „Komplette Palette“ wird „Kleines Paradies“

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Immo Wischhusen befreit „Das Kleine Paradies“ von Gestrüpp.

„Die Komplette Palette“ – kurz DKP – geht im Hemelinger Hafen in die zweite Runde. Dieses Jahr wird die Paletten-Bühne um ein komplettes Areal erweitert, inklusive Weser-Badestrand. DKP-getreu nennt sich das Kultur- und Begegnungs-Domizil diesmal „Das Kleine Paradies“. Ein Gespräch mit Schöpfer Immo Wischhusen über den Stand der Dinge, die Pläne und Möglichkeiten zur Unterstützung.

„Das Kleine Paradies“, unweit des letztjährigen DKP-Standorts im Bay-Watch, wird 7.000 Quadratmeter groß – 70 Meter breit, 100 Meter lang. Maximal 999 Besucher finden auf dem Gelände Platz. Deutlich mehr als 2016, damals durften wegen der Enge höchstens 199 gleichzeitig dabei sein. Zeremonienmeister ist wieder Immo Wischhusen alias Rapper Flowin Immo, der in dieser Mission eher als Kultur- oder vielmehr „Platzschaffender“ in Erscheinung tritt. Platz für Kultur, Musik, Tanz, Lesungen, Theater, Verpflegung, Bewegung, Entspannung – der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Mitmachen ist ausdrücklich erwünscht. Sowohl bei der stetigen Entstehung, als auch später auf der Bühne. „Die Bremer sollen sich anstrengen und geile Sachen präsentieren“, sagt Immo, nicht ohne einen gewissen Qualitätsanspruch: „Es soll fürs Publikum genießbar sein.“

Seine temporäre Ausschanklizenz gilt von Mai bis September, dem geplanten DKP-Zeitraum. Von 14 bis 22 Uhr hat dann die Bar im Regelfall geöffnet. Somit findet der alltägliche Betrieb sein Ende im Sonnenuntergang. „Im Dunkeln sieht es sowieso überall gleich aus“, meint Immo. Drei große und längere Events sind schon terminiert. Die Eröffnung am 27. Mai, eine Veranstaltung am 15. Juli – zwischen der Breminale und dem Watt En Schlick Fest (auf dem es auch wieder eine DKP-Bühne gibt) – sowie ein Happening am 19. August. Nur an diesen drei Wochenenden wird Eintritt fällig. Ansonsten sind Spenden gern gesehen, denn anders geht es nicht.

Die komplette Palette

5.000 Euro trage ich vom letzten Jahr noch mit mir herum. Bei 2.000 bis 3.000 Besuchern habe ich also zwei bis drei Euro pro Person aus eigener Tasche draufgelegt“, sagt Immo. „Das kann nicht sein, das ist Selbstzerstörung.“ Darum soll es diesmal – ähnlich dem „Außerhalb“ und dem „Zucker“ – im Vorfeld ein Crowdfunding geben. Unterstützer können wie im Bürgerpark Bänke mit ihren Namen beschriften lassen oder sich bereits Getränke an der Bar sichern. Viele weitere „Dankeschöns“ sind geplant. Durch die Kampagne will Immo Transparenz schaffen, auch für mögliche Nachahmer. Er hofft auch Planungssicherheit zu bekommen, um beispielsweise Künstler von außerhalb holen zu können. Bis auf MC Rene traten letztes Jahr fast ausschließlich Bremer Künstler auf. Ebenso solle DKP-Besuchern das Verhältnis der Kosten klarer werden. „Geld ist nicht der Antriebsstoff dieses Projekts, aber von Nöten“, so Immo.

„Die Leute aus der kreativen Szene sind keine Beamten“ 

Für den Jetzt-Wieder-Viertel-Bewohner begann 2016 mit der Palette ein neues Kapitel in seinem Leben. Der Ur-Bremer – früher mal mit Ferris MC als Freaks Association Bremen bekannt – zog einst als Rapper in die Welt hinaus und kehrte vor einiger Zeit als Kulturschaffender zurück in die Heimat, mit der Mission etwas zu bewegen. Gar nicht mal so einfach. Geld gibt es keins von der Stadt Bremen. Förderungen wären bereits im Vorjahr zu beantragen gewesen. Also hätte sich Immo schon über die nächste Saison Gedanken machen müssen, während die erste DKP noch lief – ohne Erfolgsgarantie. „Die Leute aus der kreativen Szene sind keine Beamten“, sagt Immo. „Der Produktionsziklus ist ein anderer, da treffen Welten aufeinander.“ Doch er ist guter Hoffnung.

Hier soll schon bald die Paletten-Bühne stehen.

Die Brache im Hemelinger Hafen ist ein Ort mit Industrie-Charme, Kräne wühlen nebenan in Metallbergen. „Wir haben hier kein Wasser- sondern einen Metallfall“, beschreibt es Immo. Ein Kraken-Balett in Mad Max Stil quasi. Doch das Grundrauschen soll im Sommer in der Kultur untergehen. Nach Feierabend und am Wochenende sei es sowieso ruhig. Bis hierhin betrat Immo Neuland mit der Beschaffung einer eigenen Fläche. „Noch gibt es viele Unbekannte, aber was ab jetzt passiert habe ich letztes Jahr schonmal gemacht.“

Fotos: Die Komplette Palette #2

Natürlich sind die Auflagen groß. Bei einem offenen Areal ohne Abgrenzung braucht es viel mehr Security-Personal. Toiletten und Infrastruktur sowieso. Doch Immo ist ein Macher. Und obwohl er so etwas wie ein Taktgeber ist, ist er kein Einzelkämpfer. Eher einer in öffentlichem Interesse und mit vielen Unterstützern. Neben vielen Freiwilligen, die mit anpacken und immer gern gesehen sind, stehen das Hemelinger Ortsamt um den Leiter Jörn Hermening, ein positiver Beiratsbeschluss sowie die ZwischenZeitZentrale an seiner Seite. Die Zwischennutzungs-Agentur hilft, wo sie nur kann. „Ohne die ginge es nicht“, betont Immo. Und so fand man gemeinsam diese 7.000-Quadratmeter-Brache neben dem Wassersportverein Hemelingen. Das Gebiet war vor Jahren mit EU-Mitteln für 800.000 Euro hergerichtet worden – auch als Weser-Badestrand ohne Ebbe und Flut. Doch irgendwie war die Angelegenheit im Sande verlaufen.

„Wir leben in der Stadt mit unterschiedlichen Interessen, man muss sich arrangieren“ 

Immo war schon zweimal drin, in der Weser. Er freut sich über die Badebucht, denn als er Kind war, war das Weser-Wasser noch tabu. Sorgen über den Bremer Sommer kontert er aus: „Man merkt erst, wie schön das Wetter in Bremen ist, wenn man viel draußen ist.“ Ausreden zählen also nicht. „Das Kleine Paradies“ sieht er als Wachstumsort für Bremen. Mit den skeptischen Anliegern hat er sich abgesprochen und auf eine gute Nachbarschaft verständigt. Ohnehin solle trotz Musik und Tanz kein „Lautstärkerekord“ gebrochen werden. „Wir leben in der Stadt mit unterschiedlichen Interessen, man muss sich arrangieren.“ Kontakt zur Flüchtlingshilfe hat er auch schon aufgenommen, dort kann man es kaum abwarten mit anzupacken, um diesen Platz zu kreieren. „Es ist gut, wenn Menschen, die gerade keinen Ort haben, gemeinsam einen schaffen“, findet Immo. Auch würden sich die Geflüchteten freuen mit Menschen in Kontakt zu kommen. „Durchs gemeinsame Machen, hat man einen Grund, sich miteinander zu befassen.“

„Einen Ort fürs Miteinander, Spielraum für gemeinsame Erkenntnisse schaffen sowie die Freude am Dasein vergrößern“, das ist der Sinn des DKP-Projekts. Und das hat im vergangenen Jahr hervorragend geklappt. Mehrfach gab gab es Einlassstopps wegen des großen Andrangs. Auch aufgrund dieses Erfolgs freut sich Immo, dieses Experiment erneut zu wagen. Mehrfach habe er in der Vergangenheit schon global die Welt retten wollen. Als Musiker sei er im Tourbetrieb kurz mal da und dann schon wieder weg gewesen. „Diese kurze Halbwertszeit hat mich nicht mehr gereizt.“ Darum hat er seine Weltretter-Ambitionen zurückgeschraubt, an einen lokalen Ort. Lange war er unterwegs und hat viel gelernt, das er nun in seiner Heimat anwenden und zurückgeben möchte.

Die Komplette Palette: Fotos von der Closing-Party

Was ihn antreibt? Das fragt er sich manchmal selbst. Dann kommt er zu dem Schluss, es ist der Prozess des Organisierens, des Selbermachens bis zum Ergebnis. „Das schüttet dann Endorphine bei mir aus.“ Letztes Jahr, als die Maschine lief, da fiel ihm ein Stein vom Herzen und er gönnte sich ein paar Freudentränen. Dass diese Idee aus seinem Kopf sich in der Realität so vieler Menschen manifestiert hat, ist wohl eines der Ziele, die er auf der Suche nach seiner Aufgabe im Gesellschaftsspiel gefunden hat. Es ist auch eine Suche nach dem Teil, den er zum Zusammenleben beitragen kann. „Jahrzehntelang habe ich über die eigene Musik Versucht Menschen mit Message und Gefühl zu erreichen, bin dabei aber mit der Musikindustrie aneinander geraten“, sagt Immo. Ohnehin ist er kein Fan des Kapitalismus. Darum ist der Eintritt zum Kleinen Paradies fast immer frei, jeder gibt so viel er kann und mag.

„Andere schwingen mit und dann schwingt sich die Nummer auf“ 

Menschen sollen sich im kleinen Paradies begegnen, die sich sonst niemals treffen würden. Immo nennt dieses Experiment daher auch Petrischale. Er gibt dazu den Impuls und ein Stück Energie, andere schwingen mit und dann schwingt sich die Nummer auf, wie er es beschreibt. Während er bei der ersten Ausgabe mit zwei Leuten anfing Materialien anzuliefern, waren in diesem Jahr schon über 20 Menschen beteiligt. Immo profitiert von seiner Bekanntheit, klar, viele haben schon von ihm oder DKP gehört. Die positive Energie vom letzten Jahr geht dabei nicht verloren. Ganz und gar nicht, wie sich auch an der Unterstützung bei den Rohstoffen zeigt. Material bekam er aus Überresten der Passion Sports Convention beim Schlachthof, Fenster aus Delmenhorst, Holz aus Hemelingen, Türen aus der Neustadt. Wassertanks und Autoreifen zum bepflanzen hat er ebenfalls schon eingestrichen. „Was jetzt noch gesucht wird, ist ein Sponsor, der eine Solaranlage zur Verfügung stellt“, sagt Immo, der sich wünscht, dass sich DKP selbst versorgen kann. „Regenerative Energie wäre am geilsten.“

Material für das DIY-Projekt kommt aus allen Teilen Bremens.

Bis Ende April sollen die tragenden Bauten entstehen, denn die müssen abgenommen werden. Neben der Paletten-Bühne wird es auch wieder die Kabine als Backstage-Bereich geben, ebenso wie Container mit Dachterrassen, eine Bar, Sitzmöbel, Tische, Beete mit selbst angepflanztem Essen, einen Zaun aus Paletten, eine Miniramp und die Toiletten-Anlage. Für Immo ist die DKP-Fortsetzung ein Traum, gesteigert noch durch die Badebucht und den neuen Spielraum. Bremen hat er so vorher noch nicht erlebt. Ein Blick in die Zukunft? „If it's nice, do it twice“, ist seine erste Antwort. Nach dem neuen Kapitel im letzten Jahr, ist dies nun der zweite Schritt. Vielleicht gibt es auch einen dritten. Aber man soll ja den dritten Schritt nicht vor dem zweiten machen.

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