Die Geschichte der Popmusik in Deutschland

„Oh Yeah!“ – Diese Ausstellung müsst Ihr gehört haben

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„Oh Yeah!“ läuft noch bis Sommer 2017.

Wenig begleitet uns im Leben so konstant wie Popmusik. Im Focke Museum gibt es eine spannende Ausstellung zur Geschichte dieses populären Genres. „Oh Yeah! Popmusik in Deutschland“ läuft noch bis zum 16. Juli 2017. nordbuzz hat sich zwischen Beat Club, Loveparade und Festivals umgesehen.

Populäre, mehr oder weniger massentaugliche Musik – kurz: Popmusik. Sie ist Teil des Aufwachsens, liefert den Soundtrack für ganze Epochen und Generationen, ist allgegenwärtig in Radio, TV oder Internet. Das Spannende: Jeder hat einen Bezug zu ihr und in Verbindung mit Erinnerungen an die ersten Schuldiscos, später Festivals, Konzerte, Clubnächte oder Stadtfeste, Mixtapes, Plattenkisten oder Playlisten. Der Streifzug durch die Pop-Geschichte beamt Besucher aller Altersklassen zurück in die eigene Vergangenheit.

Wie wurde Popmusik eigentlich zu der, die sie heute ist?

So omipräsent und selbstverständlich, so glatt ist Pop heute auch oft – „der Dudelfunk“, den man im Radio so nebenbei weghört lässt grüßen. Dabei wird selten daran gedacht, dass die musikalische Lage mal eine andere war. Wie wurde Popmusik eigentlich zu der, die sie heute ist? Ich würde mich als seit jeher Musik interessierten Menschen bezeichnen, mache mir diese Entwicklung jedoch zu selten bewusst. Umso gespannter bin ich auf den Besuch der Ausstellung.

„Oh Yeah!“ ist schlauchförmig in fünf Zeitabschnitte der deutschen Musikgeschichte eingeteilt, die sich auf einer Route, der „Main Road“, befinden und Hintergründe zu den jeweiligen Pop-Epochen liefern: „Goldene 20er-Jahre“, „Elvis Mania“, „All you need is Beat“, „Radikal Provokant“ und „Neues Deutschland“. Nach dem Einstieg geht es bei Phänomenen der jüngeren Geschichte los, wer historisch chronologisch vorgehen möchte, sollte hinten zur Zeit des zweiten Weltkriegs starten.

Am Eingang erhalten Besucher einen Kopfhörer, der an jeder der übersichtlichen Stationen eingestöpselt werden kann. Ein Moderator sorgt dann für entsprechenden Background. Über 200 Exponate, Audio- und Videoclips schaffen die audiovisuelle Atmosphäre. Insbesondere der sogenannte „Backstage-Bereich“ wartet mit allerlei Anschauungsmaterial wie Plakaten, Bravos oder CD-Covern auf. Die „Soundlounge“ lädt zum zwischenzeitlichen Verweilen ein und liefert Liegewiesen mit über 60 Songs aus der integrierten Buchse. In der „Soundcloud“ klingt die Zeitreise aus, 24 Bewegtbildschnipsel zeitgenössischer Songs streifen den für Popkultur so wichtigen Aspekt der Musikvideos.

Ich kann den Leuten beim Erinnern zuschauen

Als ich mich mit der ersten Station verbinde, schallt mir ein Zusammenschnitt lauter „Oh Yeah“s in verschiedenster Ausführung entgegen – das sicher am weitesten verbreitetste Zitat der Pop-Welt. Als nächstes wird etwas sprunghaft die Pop-Historie in Deutschland angerissen. Die Beatles, Udo Lindenberg und Rio Reiser klingen an, mein erster Impuls: lauter drehen! Ähnlich scheint es auch anderen Besuchern zu gehen. Überall sieht man junge und alte Menschen an den verschiedenen Stationen stehen, mal interessiert bis konzentriert zuhörend, oft selig grinsend und verträumt mit wippend. Ich kann beim Erinnern förmlich zuschauen. Viele Kinder sind darunter, die sichtlich Spaß haben und den Berichten ihrer Eltern aus deren Jugend lauschen.

Achteinhalb Stunden Musikprogramm sollen sich insgesamt hinter den Kopfhörer-Anschlüssen verstecken. Schnell wird klar: ein kleines Zeitfenster reicht nicht, um hier alles mitzunehmen, geschweige denn, sich eingehend darauf einzulassen. Deutlich wird jedoch auch: Pop-Musik ist Massenkultur. Nach ihrem Aufkommen in den 20er Jahren schüttelt sie ab den 50ern die gesellschaftliche Enge ab, verschreibt sich politischen Botschaften, Protest, Provokation, Tabubrüchen und gesprengten Konventionen. In den 70ern wird sie zum Mainstream. Tonträger, Radio, MTV, Internet – stets ist Pop eng mit technischer Innovationen verknüpft. Künstler und Lebensgefühl beeinflussen sich gegenseitig. Die 80er und 90er sind geprägt von Massenveranstaltungen wie Festivals, Stadionkonzerten oder der Loveparade. All das brennt sich ins kollektive, wie individuelle Gedächtnis ein und wird von der Ausstellung aufgefangen.

Pop wird über Generationen und Grenzen hinweg verstanden

Manche Songs altern einfach nicht, was zugegeben oft eine subjektive Empfindung ist. Popmusik mit all ihren Sub-Genres und Unter-Kategorien erfindet sich ständig neu. Und mal ehrlich, wer hat sich noch nicht gefragt, ob in der Popmusik nicht irgendwann mal alles gesagt und gespielt wurde? Mitnichten ist dem so, das stelle ich in der Ausstellung mal wieder fest. Komponisten und Künstler gelingt es unaufhörlich mit immer neuen Melodien Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Pop ist eine Universalsprache, unter deren Dach Stile wie Rock, Reggae, Hip Hop, NDW, Punk, 90er Eurodance, Techno oder Schlager friedlich co-existieren. Und: Pop wird über Generationen und Grenzen hinweg verstanden. Die Ausstellung will dieses Phänomen greifen, sichtbar machen, zusammenfassen – sofern möglich, denn es ist ein derart vielschichtiger, verzweigter und sich stets wandelnder Apparat, dass ein Anspruch auf Vollständigkeit niemals bestand hätte.

Die Festival-Station interessiert mich besonders, doch hier scheint es gerade ein technisches Problem zu geben. Schade. Dafür halte ich bei „Safari“ von Blumentopf im Hip Hop Abschnitt länger inne. Die Band hat sich jüngst aufgelöst und war prägend, als Rap in Deutschland groß wurde. Die Kraft, die Popmusik bei der Wiedervereinigung Deutschlands entwickelte und bei faszinierenden Massenbewegungen und Großereignissen aufbringt, es sind diese Momente, die die Musik aus den hinteren Ecken meiner Erinnerung hervorkramt, und die die Ausstellung für mich gelungen machen.

Auch der gelegentlich aufblitzende Bremen-Bezug ist hervorzuheben, mit dem legendären Beat Club zum Beispiel oder hiesigen Protagonisten wie James Last, Mr. President und Flowin Immo. Eine eigene Abteilung zum Kapitel Musikvideos, die entscheidend zur Verbreitung von Popmusik beitrugen, wären wünschenswert gewesen. Ebenso ein Blick in die Glaskugel: Was sagen Experten zur Zukunft des Pop? Am Ende verlasse ich die Ausstellung mit vielen bewusst aufgefrischten Erinnerungen, einem breiten Grinsen und dem Plan wieder zukommen.

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