Flair, Charme, Musik, Fußball

Das nordbuzz-Städte-Battle: Bremen gegen Hamburg

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Im Städte-Duell: Bremen und Hamburg. Unser Redakteur hat sich da mal einige Gedanken gemacht

Das Schönste an Bremen ist die Autobahn nach Hamburg, sagen die Hamburger. Das Schönste an Hamburg ist die Autobahn nach Bremen, sagen die Bremer. nordbuzz-Redakteur Tobias Picker hat in beiden Städten gelebt und hat an etwas handfesteren Vergleichskriterien eine Antwort gesucht: Welche Stadt ist wirklich geiler?

Gleich vorweg: Alle Bewertungen, die ich mir hier erlaube, basieren auf meinen persönlichen Empfindungen. Das heißt nicht, dass andere es nicht anders sehen können. Im Gegenteil freuen wir uns sehr über Rückmeldung und andere Meinungen oder Ideen für andere Kategorien. In der Kommentarfunktion unten ist reichlich Platz. 

1. Temperament

In Bremen wird sie gerne aus der Argumentenkiste geholt: Die Hamburger Arroganz. Damit will man nichts zu tun haben. Aber gibt es die wirklich? Klare Antwort: Ja! Das größte Rathaus der Welt, die meisten Brücken Europas und der Hafen sowieso, Hamburger geben gerne an. Auch im Radio haut der vielleicht bekannteste Sender der Stadt seinen Hörern mehrmals täglich um die Ohren, man lebe in der schönsten Stadt der Welt, und die Art der Empörung von Befürwortern der „Spiele in Hamburg“ zeigte nach der verpatzten Olympiabewerbung, wie tief doch der Irrglaube verankert ist, Hamburg sei eine Weltmetropole. Ganz ehrlich: Das ist albern.

Um die Hamburger doch noch stolz auf das „Millionengrab“ Elbphilharmonie zu machen, musste man ihnen nur sagen, dass das etwas von Weltrang ist. Dann sind sie beruhigt. 

 

Warum eine Gruppe Tiere, die nie selbst in Bremen waren, als Wahrzeichen für Bremen hochgehalten wird, bedarf vielleicht noch einiger Erklärung.

Allerdings ist das, was die Bremer machen, tatsächlich noch schlimmer. Der Hamburger Arroganz steht nämlich ein anstrengendes Bremer Understatement gegenüber. Ich selbst lebte und arbeitete eine Weile in London, kehrte dann in meine Hamburger Heimat zurück und zog kürzlich nach Bremen. Und nicht selten, wenn ich meinen Werdegang einem Bremer erzähle, wird er oder sie sehr wahrscheinlich augenzwinkernd von einem „Abstieg“ sprechen. Mein Gefühl: Die meinen die Geringschätzung von Bremen ernst. Und dann hält die Stadt zu allem Überfluss auch noch als Wahrzeichen eine Bande von fiktiven Tierchen hoch. Das hab‘ ich nie verstanden. Zur Erinnerung: In dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ der aus Hanau stammenden Brüder Grimm geht es um Esel, Hund, Katze, Hahn, die selbst nie in Bremen waren, weil sie sich auf dem Weg Richtung Stadt entschlossen haben, doch lieber in einer Hütte im Wald zu leben. Ey Bremen, mach Dich mal gerade - Punkt für Hamburg.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 0:1

2. Historische Größe

Zu den Dingen, die mich an Bremen früh beeindruckt haben, zählt das Schnoor-Viertel. Einige historische Straßenzüge, nach denen sich die Hamburger heutzutage die Finger lecken würden. So ein geschlossener Blick in die weit zurückliegende Vergangenheit ist den Menschen an der Elbe kaum mehr vergönnt.

Sowas wie im Schnoor geht nur in Bremen.

Die Krameramtsstuben, die Deichstraße und hier und da vielleicht ein historischer Spot – das war‘s. Und Schuld daran ist nicht allein der zerstörerische Krieg, nein, auch die Hamburger selbst haben in der Vergangenheit unwahrscheinlich viele Zeugen der Geschichte wegen mutmaßlich fehlender Praktikabilität dem Erdboden gleich gemacht. Dem hält Bremen lachend ein wunderschönes, über 600 Jahre altes Rathaus entgegen. Hier nur ein Symbol für den Punktgewinn Bremens in dieser Kategorie.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 1:1

3. Flair

Wenn ich Bekannten meiner Studienzeit aus Bayern oder Besuch aus England Hamburg zeige, geht es immer erstmal nach Övelgönne an den Strand – vis à vis mit gewaltigen Hafenkränen kann man hier bei gutem Wetter chillen und bei weniger gutem Wetter das raue Küstenklima genießen. Dann steigt man auf eine der Linienfähren auf der Elbe und schippert gemeinsam mit Containerriesen und Kreuzfahrtgiganten Richtung Landungsbrücken in die Innenstadt. Das war für mich immer das, was Hamburg ausgemacht hat. Ein so dichtes Flair in Bremen zu spüren, war mir bisher nicht vergönnt. Ist auch nicht schlimm, weil das schon wirklich ein besonderer Pluspunkt der nördlicheren Hansestadt ist. Punkt für Hamburg.

Am Strand den Pötten nachgucken und dann selbst auf die Fähre. Da geht wenig über Hamburg.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 1:2

4. Szeneviertel

Wenn ich einem Hamburger erklären will, was das Bremer Viertel ist, dann sage ich: „Ist ein bisschen wie Schanze, nur weniger Latte Macchiato, mehr Tattoos.“ Heißt: Das Viertel ist kerniger, rotziger, weniger abgehoben als das Hamburger Pendant. Für mich macht es das deutlich charmanter. - Punkt für Bremen.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 2:2

5. Musik

„Beginner“ Eißfeldt ist eines dieser Aushängeschilder der Hamburger Musikszene

Gerade beschwerte sich eine Freundin wieder, man müsse für Konzerte immer nach Hamburg fahren. In Bremen ginge gar nichts. Nun gut, Beim Vergleich Größe und dem Publikumspotenzial ist das nicht verwunderlich, und ein gewisser Bedeutungsüberschuss von Hamburgs Live-Szene für Bremen ist auch gar nicht schlimm – soll hier zumindest nicht bewertet werden. Ganz anders sieht es bei der Frage nach dem musikalische Erbe aus. Die „Hamburger Schule“ bescherte einer ganzen Pop-Generation ein neues Selbstverständnis, Pop-Bands wie Beginner, Tocotronic, Kettcar oder Deichkind sind nur einige Namen einer stolzen Liste, der Bremens Musikszene wenig entgegen halten kann. Dazu kommt die historische Dimension, die durch die Beatles überstrahlt wird. Die starteten nicht nur quasi ihre Karriere auf der Großen Freiheit, sie nahmen auch ihren allerersten Tonträger in Hamburg-Harburg auf, in der Friedrich-Ebert-Halle, weil die so eine gute Akustik hat. Aus diesem Grund nahmen auch Revolverheld ihr Unplugged-Album dort auf – und die kommen teilweise immerhin aus Bremen. Klarer Punkt für Hamburg.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 2:3

-

6. Wetter

Ein Minuspunkt für beide!

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 1:2

7. Fußball

Jetzt wird es heikel für mich, denn ich halte seit früher Kindheit zum FC St. Pauli. Darum mache ich es mir leicht und nehme meinen Club aus der Konkurrenz. Da geht es eh nur vordergründig um Fußball. Konzentrieren wir uns also auf die Bundesliga-Größen und halten uns nicht lange damit auf, denn der Fall dürfte klar sein: Werder liegt deutlich vorn. Einige Erlebnisse, die mich in Sachen Werder beeindruckt haben: Als ich das erste Mal von London aus in Bremen landete und im Flieger am „Werder Bremen“-Schriftzug an einem Hügel vorbeirollte (wo gibt‘s so was schon an einem Flughafen?), und dann, als für Werder im Abstiegskampf das Entscheidungsmatch gegen Frankfurt anstand und plötzlich überall in der Stadt Fußballtrikots getragen wurden und die Brückengeländer mit Bannern behangen wurden (das war krass). 

Zudem ist mir während meines Studiums in Bayern aufgefallen welch großen Stellenwert Werder auch weit weg von Bremen als Sympathieträger des deutschen Fußballs genießt. Dazu kommt, auch wichtig, der Weg zum Stadion, beispielsweise aus der Stadt am Osterdeich entlang mit Blick auf die atmosphärischen Flutlichtmasten. Beim HSV führt der Weg unangenehm bergauf durch schmuddelige Tunnel und vorbei an der Müllverbrennungsanlage und anderen unattraktiven Gebäuden, die, wie der HSV, keinen Platz in der inneren Stadt gefunden haben. - Punkt für Bremen.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 2:2

8. Architektur

Hier musste ich nicht lange überlegen, um Bremen einen weiteren Punkt zuzusprechen. Klar, man kann diskutieren, in welcher Stadt die schönere oder interessantere Architektur steht. Mir gefallen viele Gebäude in Hamburg, besonders die, die der Stadt als repräsentatives Aushängeschild dienen. In Bremen finde ich eher die Wohnhäuser, also die Gebäude, die von den normalen Bürgern genutzt werden, sehr reizvoll. 

Schlussendlich kann man die Entscheidung aber schon an einem prinzipiellen Fakt festmachen. Um es kurz zu machen: Ausgerechnet die Gebäude, die für Hamburg heutzutage oft als ikonisch bezeichnet werden. Die schweren Backsteinbauten wie die Davidwache und das „Hamburg Museum“ auf St. Pauli oder die Finanzbehörde am Gänsemarkt, die so einmalig nach Hamburg aussehen, wurden von einem Bremer entworfen – von Fritz Schumacher. Ehre wem Ehre gebührt. - Punkt für Bremen.

Es sind die Häuser wie hier in der Delmestraße, die Bremen ein Aussehen verleihen, das in Deutschland ziemlich einmalig ist.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 3:2

9. Verkehr

Wenn mann in Bremen nach links will, bieht man am besten dreimal rechts ab.

Links zu sehen: Das ekligste Schild im Straßenverkehr, zumindest dann, wenn es im Rudel auftritt, und das tut es in Bremen exorbitant nervig. Grund dafür ist häufig auch die Straßenbahn, vor der ich – ja, ich gebe es zu – sofort ein bisschen Schiss hatte, als ich nach Bremen kam. Aus Hamburg kannte ich das nicht, und ich habe es nicht vermisst. Ist mir auch ein Rätsel, wie da nicht jeden Tag die schwersten Unfälle passieren können. So bleibt es aber zumindest sehr nervig, dass man häufig nur dann nach links kommt, wenn man vorher dreimal rechts abbiegt. Das gibt es zwar auch in Hamburg, insgesamt finde ich Hamburg zum Autofahren aber trotz der Größe angenehmer. Vielleicht auch wegen der viele engen Straßen in Bremen, die ich aus anderen Gründen zwar sehr mag, die hier aber Hamburg in die Karten spielen. Punkt für Hamburg also.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 3:3

10. Naherholung

Naherholung in Hamburg ist sehr erholsam, aber häufig nicht besonders nah.

Klar, es gibt unglaublich schöne Parks in Hamburg und besonders viele Plätze am Wasser, aber man muss auch Glück haben, irgendwo da in der Nähe zu wohnen. Schwierig in Hamburg. In Bremen dagegen ist man dank der Kompaktheit immer schnell überall in der inneren Stadt – also auch am Werdersee, an den herrlichen Wiesen der kleinen Weser oder am Osterdeich. Das ist ein enormer Pluspunkt, und außerdem schlägt der schöne Bremer Bürgerpark den düsteren Hamburger Stadtpark. - Punkt für Bremen.

Sommer am Osterdeich ist schon ein Highlight.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 4:3

11. Feiern

Keine Chance, Bremen. Hamburg hat hier vieles, was es braucht. Der Kiez auf St. Pauli mag ein schwieriges Beispiel sein. Du liebst ihn, oder du hasst ihn. Er ist dreckig, voll, stressig und gefährlich. Doch sein Flair ist magisch für mich. Mag sein, dass viele Jugenderinnerungen daran hängen, mit Wegbier um die Häuser zu ziehen und Club an Club und Bar an Bar mit seinem Schmuddel-Charme zu haben. Hamburger Berg, Hans-Albers-Platz, Spielbudenplatz, Große Freiheit und, ja, irgendwie auch Reeperbahn, da kann man sich treiben lassen auf einem Areal, das vermutlich allein schon fast so groß ist wie der Bremer Altstadt-Kern. - Punkt für Hamburg.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 4:4

12. Spaziergang

Hamburgs Größe ist hier ein Problem. Es gibt angenehme Spots zum Spazierengehen, doch zum Viertel-übergreifenden Schlendern ist es einfach zu weitläufig. Zentrale Straßen wie die Willy-Brandt-Straße führen an einigen der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei, fungieren aber über Kilometer hinweg nur als Verkehrsadern – reine Durchgangsstraßen, nichts zum Verweilen, nichts zum Leben. Das ist in Bremen deutlich angenehmer, und es erfordert sehr viel weniger Planung. - Punkt für Bremen.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 5:4

12. Flusspanorama

Klingt komisch, ist aber wichtig. Sich nach Feierabend entspannt (vielleicht mit einem Getränk) an Weser oder Elbe setzen, ist für viele Leute ein wichtiger Aspekt für Lebensqualität. Besonders exzessiv habe ich das in London an der Themse beobachtet. Und auch in Hamburg gibt es sehr viele Orte, an denen man entspannt sitzen und die herrliche Atmosphäre eines Stroms mit Blick auf eine Großstadt-Skyline genießen kann. In Bremen ist das schwierig und tatsächlich wenig attraktiv. - Punkt für Hamburg.

Feierabend an der Elbe ist angenehmer als Feierabend an der Weser. Zumindest wenn man Wert auf gleichzeitigen Blick auf die Skyline legt. In Hamburg geht das.

Zwischenstand: Bremen – Hamburg 5:5

12. Charme

Stark. Mit einem letzten Aufbäumen, sahnt Bremen den finalen Punkt ab. Der Bremer Charme gegenüber dem des gemeinen Hamburgers manifestiert sich schon im Stadtbild. Bunte, kreative Häuser allerorts auf der einen Seite. Elegante, weiße, langweilige Fassaden auf der anderen. In Hamburg trafen sich Immobilienbesitzer vor Gericht, weil dem einen die neue dezent farbige Fassade des anderen nicht passte. Bremen dagegen ist bunt und und dadurch viel schöner anzuschauen. Ich habe den Eindruck, dass die Bremer in ihrer Stadt lieber gestalten als die Hamburger. Das ist charmanter. Punkt für Bremen.

Endstand

Bremen schlägt Hamburg mit 6:5

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