Eindrücke aus Bersenbrück

Reggae Jam: Festival zwischen Entschleunigung und Ekstase

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Eigentlich lassen sich Stimmung und Atmosphäre beim Reggae Jam kaum in Worte fassen. Versuchte man es dennoch, dann vielleicht folgendermaßen: Das Reggae Jam, ein Festival zwischen zwei Extremen – Entschleunigung und Ekstase. Warum das so ist und wie die Ausgabe 2017 verlief – hier kommen die Eindrücke aus Bersenbrück.

Verantwortlich für die Kategorisierung zwischen Entschleunigung und Ekstase sind einerseits der konsequent ausgelebter Reggae-Lifestyle – per se mehrere Gänge runterschaltend und sich ohne Hektik mit den positiven Dingen des Lebens beschäftigend. Raum und Zeit geben große wie kleine Besucher quasi beim Betreten des Festivals an der Garderobe ab. Zum anderen ist da das antreibende Dancehall-Genre. Eines der Standbeine des Festivals, bei dessen aufputschende Beats es unmöglich ist, die Füße still zu halten.

Ein Festival der kurzen und wunderschönen Wege 

Komplettiert wird die Atmosphäre – zu deren Melange unzählige weitere Genres wie Dub, Ska und Verwandte gehören – von einer einzigartigen Kulisse. Mit Besucherzahlen zwischen 15.000 und 20.000 sind Veranstaltung und Areal gerade noch übersichtlich und beschaulich, bieten jedoch genug gut gelauntes Festival-Publikum für eine dreitägige, ausgelassene Party. Obendrein handelt es sich beim Reggae Jam um ein Festival der relativ kurzen, vor allem aber wunderschönen Wege. Das Festival-Gelände mit zwei abwechselnd bespielten Bühnen inmitten des urig-idyllischen Bersenbrücker Klostergartens, grenzt sich vom Camping-Gelände durch das Flüsschen Hase ab. Das Gewässer dient je nach Wetterlage zur Abkühlung oder einfach als Parkplatz für Schlauch- und Ruderboote, deren Insassen den entspannten Klängen vom Wasser aus lauschen.

Fotos vom Reggae Jam 2017 – Teil 1

Dub-Camp, Riverside und Dancehall-Tent 

Entlang besagter Hase führt ein Waldweg durchs erfrischend kühle, saftige Grün. Zwischendrin arbeiten Künstler an Graffiti-Planen, andere genießen die schattige Ruhe. In die andere Richtung entlang des Flusses liegt das Dub-Camp, das an eine Art harmonisch-hölzernes Hippie Dorf erinnert. Zusammengezimmerte Tresen und Theken, künstlerische Installationen, eine Bühne, eine Tanzfläche, eine Wasserrutsche in die Hase, selbst eine Foto-Ausstellung gibt es hier. Auf dem Rückweg Richtung Festival-Gelände liegt zunächst die kleine Riverside-Stage, die vom Bremer Soundsystem Risin High mitorganisiert wird und einerseits alte Sound-Haudegen wie Silly Walks sowie andererseits Newscomer wie Vibezbuilder Sound aus Bremen featured. Noch ein Stück weiter geben sich im Dancehall-Tent die ganze Nacht namenhafte Soundsystems die Mikros in die Hand und versorgen die nimmermüden Festivalisten bis zum Morgengrauen mit Beats und Bässen.

Neunmal in Folge: „Bestes Festival Deutschlands“ 

Nachdem um 5 Uhr der offizielle Schlussakkord erklingt, lassen viele die Nacht bis zum Sonnenaufgang auf dem Camping-Gelände ausklingen. Diese Atmosphäre macht für viele Besucher die Einzigartigkeit des Festivals aus. Kein Wunder, dass das seit 1994 stattfindende Open Air Event im vergangenen Jahr zum nunmehr neunten Mal in Folge von den Lesern des Fachmagazins „Riddim“ als Bestes Festival Deutschlands ausgezeichnet wurde. Endgültig zur Großfamilie wird das Festival jedoch erst durch die Besucher von nah und fern selbst. „Love, Peace and Harmony“ klingt wie eine Phrase aus längst vergangener Zeit, scheint hier jedoch absolut greifbar. Derartig familiär, freundlich und entspannt geht es zu.

Düstere Prognosen, heitere Großwetterlage 

Weniger freundlich sahen die Aussichten vor dem Start aus. Das Reggae Jam 2017 blickte im Vorfeld ziemlich düsteren Wetter-Prognosen entgegen. Am Ende sollte es jedoch ganz anders kommen. Freitag und Samstag lagen die Temperaturen noch bei um die 20 Grad, was weder zu heiß noch zu kalt, überwiegend trocken, allerdings meist grau daher kam. Sonntag wünschten sich die Besucher dann zeitweise die angekündigten dicken Wolken herbei. Die Sonne knallte schließlich derart heftig auf die Liegewiese im Klostergarten, dass zwischenzeitliche Schauer zur willkommenen Abkühlung wurden. Mit dem resultierenden Sonnenbrand dürften aufgrund der Vorhersagen nur die allergrößten Optimisten gerechnet haben.

Fotos vom Reggae Jam 2017 – Teil 2

Hochkarätiges Line-Up mit Genre-Schwergewichten 

Das erlesene Line-Up hielt am Freitag beispielsweise das jamaikanische Duo Voicemail, die Oldschhol-Fraktion Twinkle Brothers und das Soundsystem Silly Walks Discoteque bereit. Samstag stimmten ab mittags Sänger Mellow Mark und Liedermacher Götz Widmann ein, ehe Abends unter anderem die Genre-Schwergewichte Eek-A-Mouse, Richie Stevens oder Christopher Martin übernahmen. Am letzten nächtlichen Programmpunkt schienen sich die Geister zu scheiden. Beim Soundclash traten die Legenden King Jammy und David Rodigan mit kurzen Song-Schnipseln im Wettbewerb gegeneinander an – von den einen als Kulturgut verehrt, von anderen wegen der schnellen Wechsel als nervig empfunden. Unbestritten bleibt indes der Kult-Status beider Reggae-Urväter.

Reggae Jam 2017: Wie üblich einzigartig und überraschend sommerlich 

Auch Sonntag ging es tagsüber hochkarätig zu. The Busters, Iqulah & The Giddeon Family, Kiddus I & Michael Prophet, Don Carlos, Chuck Fenda bespielten ab mittags den Klostergarten. Zum Bedauern vieler standen mit Horace Andy, Anthony B und Ky-Mani Marley allein drei der als Headliner aufgeführten Künstler zur Arbeitnehmer unfreundlichen Zeit am Sonntag Abend. Doch auch wer diese Highlights am Sonntag Abend nicht mehr erleben konnte, hat mit dem Reggae Jam 2017 ein wie üblich einzigartiges und entgegen der Vorhersagen auch überraschend sommerliches Festival erlebt. Zur Startseite

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