Nur noch bis zum 26. Februar

Ahnungslos in der Kunsthalle: Die Liebermann-Ausstellung aus der Sicht eines Banausen 

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Noch bis Ende Februar ist die Liebermann-Ausstellung in der Kunsthalle zu sehen.

Eines möchte ich gleich zu Beginn klarstellen: Ich habe keine Ahnung von Kunst! Ich besuche regelmäßig und gerne Museen und Ausstellungen, kann mir aber kein kundiges Urteil über das Gesehene erlauben. Bei den vielen Schauen, die ich bisher gesehen habe, ist mir aber eines klar geworden: Impressionismus ist einfach nicht mein Ding. Sieht schön aus, viel mehr aber auch nicht. Doch die Frau in dem weißen Kleid, die mir täglich an der Bahnhaltestelle entgegenstrahlt, weckt irgendwann doch mein Interesse für die Ausstellung  „Max Liebermann - Vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport“ und ich beschließe, dem Künstler doch eine Chance zu geben.

Wer ist dieser Max Liebermann?

Der 1847 geborene Max Liebermann war einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Impressionismus. Zunächst beschäftigte sich der Maler mit naturalistischen Werken. Erst nachdem er sich mit dem französischen Impressionismus befasst hatte, fand er zu dem Stil, der sein Hauptwerk prägen sollte. Den künstlerischen Wandel hin zur Klassischen Moderne förderte er als Präsident der Berliner Secession. Von seinem Amt als Präsident bzw. Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste trat er zurück, als die Nationalsozialisten Einfluss auf die Kunstpolitik ausübten. Seinen Lebensabend verbrachte er zurückgezogen in Berlin.

Vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport: Die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen

Selbstbildnis an der Staffelei von Max Liebermann.

Weil ich weiß, dass ich ein Banause bin, bitte ich, bevor ich mich in die Ausstellung wage, um einen Audioguide. Der wird mir sehr freundlich überreicht und ich mache mich auf den Weg zu Max Liebermann. Er erwartet mich schon im ersten Raum in Form eines Selbstbildnisses. Sieht ganz schön ernst und eher unsportlich aus, gar nicht nach Freizeitspaß. Den Wandel in Max Liebermanns Kunst von der Abbildung einfacher Menschen hin zum Freizeitvergnügen des modernen Bürgertums deuten die anderen Bilder hier aber schon an. Ich bin gespannt wie der knurrige blickende Mann letztendlich auf die Idee kam, Bilder voller Leichtigkeit und sportlicher Aktivität zu malen.

Langsam wird es sportlich: Die badenden Knaben

Eine Besucherin betrachtet Skizzen der Knaben.

Badende Knaben zeigen die Bilder im zweiten Raum. Unbefangen tollen Fischerjungen am Strand, planschen, kleiden sich an oder prüfen die Wassertemperatur mit dem Zeh. Woher man weiß, dass es sich hier um einfache Jungs handelt? Das gehobene Bürgertum ließ sich in sogenannten Badewagen ins tiefere Wasser ziehen. In diesen Holzgefährten konnten sie sich unbeobachtet umziehen und geschützt vor fremden Blicken direkt in kühle Nass springen. Noch wirkt das alles nicht richtig sportlich, transportiert aber ein bisschen Sommergefühl. Das ist gerade bei der Dunkelheit, die in dieser Jahreszeit draußen auf uns wartet eine nette Abwechslung.

Hoch zu Ross: Reiter am Strand

Im nächsten Raum ist sie dann da, die Leichtigkeit, die man selbst spürt, wenn man am Meer steht. Zu sehen sind hier Malereien, die Reiter am Strand vor schäumender Brandung zeigen. Obwohl bei Mensch und Tier genaue Details fehlen, vermitteln die Bilder der Reiter am Strand Dynamik, Kraft und Bewegung. Über die Kopfhörer vernehme ich das Rauschen der Wellen. Fast spüre ich die Meeresbrise im Haar.

Dank des Audioguides sehe ich außerdem mehr als schöne Bilder. Mir wird erklärt, wie die Kunstwerke entstanden sind, wer darauf eigentlich zu sehen ist und ich erfahre auch etwas über die gesellschaftlichen Zwänge der Zeit.

So zeigt ein Bild eine reitende Frau und einen reitenden Mann. Der Mann sitzt so auf seinem Pferd, dass er auf keinen Fall versehentlich die Beine der Reiterin berühren könnte. Sie hat seitwärts im Damensattel Platz genommen, trägt einen langen Rock, ein hochgeschlossenes Kleid mit Korsage und Hut. Das ist unpraktisch, war aber damals schicklich. Wäre mir ohne Guide vermutlich nicht wirklich aufgefallen. So lief man damals wohl einfach rum, hätte ich gedacht.

Reitende Frauen wurden damals Amazone genannt.

Das Bild der gesellschaftlichen Anforderungen wird noch genauer, wenn man in die Vitrine mit Reitführern für Damen und Postkarten mit damaliger Sportmode schaut. Wirkt schon sehr absurd. Mein Highlight: Ein Reitführer für die Amazone, so nannte man reitende Frauen damals.

Vom Freizeitvergnügen zum Wettkampf: Polo und Pferderennen

Es werden auch  Werke von Edgar Degas, Henri de Toulouse-Lautrec und Edouard Manet gezeigt.

Bilder von Pferderennen und Polo-Spielen hängen im nächsten Teil der Ausstellung. Dort sind auch Werke von Edgar Degas, Henri de Toulouse-Lautrec und Edouard Manet zu sehen. Und hier treffe ich auch meinen persönlichen Liebling der Ausstellung: „Pferderennen“ von Edouard Manet. „Hier fühlt man das Vorbeisausen der Pferde“, sagte Max Liebermann selbst zu diesem Bild. Ich finde, er hat recht, obwohl es sich nur um eine grobe, schwarz-weiße Skizze handelt. Aber auch die Werke von Liebermann sind beeindruckend. Wenn es um die korrekte Darstellung der Pferde geht, war Liebermann Vorreiter. Als einer der Ersten zeichnete er den richtigen Bewegungsablauf der Tiere im Galopp. Bilder von Polospielen hatte bis dahin sogar noch kein Künstler auf die Leinwand gebracht.

Flirtsport im Verlobungszwinger: Tennisspieler

Die Tochter von Max Liebermann soll das Vorbild für die Frau im hellen Kleid gewesen sein.

Weiter geht's: „Verlobungszwinger“ nannte man die eingezäunten Plätze auf denen auch Liebermanns Tochter Käthe Tennis spielte. Das Spiel war eine der wenigen Gelegenheiten bei denen sich Männer und Frauen ungezwungen kennenlernen konnten. Entsprechend ungern sah Max Liebermann, dass seine Tochter mit jungen Engländern dem damals sehr angesagten Flirtsport nachging. Trotzdem soll sie das Vorbild für für die weiß gekleidete Frau auf den Bildern gewesen sein. Auch hier auffällig: Die schweren Röcke, Korsette und Hüte, die die Frauen sogar beim Sport tragen. Das muss unfassbar anstrengend gewesen sein!

Diese Werke lassen mich kalt: Rudern, Segeln, Schlittschuhlaufen

Ganz ehrlich, während mich die Bilder in allen Räumen zuvor irgendwie packen oder zumindest mein Interesse wecken, regt sich insbesondere bei den Abbildungen vom rudernden Bürgertum gar nichts. Mich beschleicht das Gefühl, das sie eher der Vollständigkeit halber hier hängen. Dafür bringt mich ein Zitat Liebermanns, das an die Wand gemalt ist noch mal zum Nachdenken:

„Ich glaub ganz bestimmt, dass die durch den Krieg hervorgerufene Überschätzung des Bizeps der Grund für die Verwilderung der Jugend ist. Ich bin nicht gegen den Sport, aber soll den Leuten nicht sozusagen aufoktroyiert werden. Sport zur Erholung, schön. Aber nicht zum Selbstzweck. Eigentlich bin ich doch gar nicht mehr von heute, sondern von vor drei Generationen. In meiner Jugend sind wir auch geritten, geschwommen und gerudert, aber nur zum Vergnügen. Jetzt ist das eine forcierte Angelegenheit.“

Bis dahin kann ich über manche der Zwänge der damaligen Zeit nur müde lächeln. Doch eigentlich hat sich bis heute nicht viel geändert. Mit der Jugend habe ich persönlich kein Problem, aber manche Kleidungsvorschriften im Sport sind auch nicht absurder, als die Bekleidung zu Zeiten Liebermanns. Dass die Bezeichnung „Verlobungszwinger“ auch für ein modernes Fitnessstudio passend wäre, weiß jeder, der beim Gang zum Sport mal seine Kopfhörer zuhause vergessen hat. Vom fragwürdigen Hype um Fitness-Instagramer sowie um die beständige Selbstoptimierung unserer Körper will ich gar nicht erst anfangen.

Sport in verruchtem Milieu: Boxen

Nach dem Ersten Weltkrieg wird Boxen populär.

Einen Raum gibt es noch. Hier dreht sich alles um das Thema Boxen. Max Liebermann selbst wendet sich nach dem Ersten Weltkrieg von sportlichen Themen ab. Dafür greifen jüngere Künstlerkollegen sportliche Inhalte auf. Besonders populär: Boxen. Der damals als verrucht geltende Sport prägt den letzten Raum. Die Skulpturen und Malereien, die Profisportler zeigen, stehen in krassem Kontrast zu den Hobbysportlern, die ich zuvor gesehen habe. Die Bilder sind in sehr unterschiedlichen Stilen gehalten. Finde ich ziemlich spannend! Auch wenn man eigentlich wegen Max Liebermann in die Kunsthalle kommt, lohnt es sich hier genauer hinzuschauen. 

Fazit: Traut Euch! 

Keine Ahnung von Kunst? Ihr solltet Euch trotzdem in die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen trauen. Zusammen mit einem Audioguide serviert man Euch hier spannende Fakten, Ankedoten und Hintergründe. Ich hätte nie gedacht, dass ich impressionistische Werke eines grimmigen Mannes mit Schnauzer mal so spannend finden würde und die Werke seiner Kollegen sind nicht minder ansprechend. Ich verlasse Max Liebermann und seine Sportler mit neuen Eindrücken, mehr Wissen und tatsächlich auch gut unterhalten. Vielen Dank liebe Kunsthalle für die penetrante Werbung an der Haltestelle um die Ecke!

Ein Abstecher in die Dauerausstellung lohnt sich übrigens auch immer. Für Kinder ab fünf Jahren gibt es einen speziellen Audioguide und ab Dezember steht auch ein Multimediaguide zur Verfügung.

Während der Ausstellung "Max Liebermann - Vom Freizeitvergnügen zum modernen Sport" ist die Kunsthalle mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und dienstags von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Montags bleibt das Ausstellungshaus geschlossen. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Februar 2017 zu sehen.

Einen Erfahrungsbericht zu  „Oh Yeah! Popmusik in Deutschland“ im Focke Museum Bremen findet Ihr hier.

Noch mehr Ausstellungen in der Region findet Ihr in unserer Event-Datenbank.

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