Verantwortung tragen jenseits von Fast-Fashion

Maßgeschneiderte, faire Mode mit individuellem Konzept aus Bremen: Das ist „LaGitana“

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Designerin Gitana Schilowitsch in ihrem neuen Laden auf den Fedelhören

Wunderschöne, faire Mode nach Maß zu erschwinglichen Preisen – und das Ganze auch noch „made in Bremen“? Dass dieses Konzept funktioniert, beweist Gitana Schilowitsch mit ihrer Modemanufaktur „LaGitana“. Gerade erst ist sie mit ihrem Laden aus Findorff in die Straße „Fedelhören“ gezogen. Höchste Zeit für uns, der Frau einen Besuch abzustatten, die mit ihrem Konzept Primark und Co. Die Stirn bieten möchte. Von Sandra Graeve

Sichtlich stolz ist Inhaberin Gitana Schilowitsch auf ihren neuen Laden auf den Fedelhören. Ihre selbstgeschneiderten, Kleider, Röcke und Oberteile mit schmeichelnden Schnitten kommen in den hellen, offen gestalteten Räumlichkeiten perfekt zur Geltung. Schilowitsch ist gelernte Schneiderin, kommt aus dem Handwerk.

„Gitana“ ist der litauische Kosename, den Brigitte Schilowitsch von ihren Eltern erhielt. Mit 26 machte sie sich bereits selbstständig. Damals noch in ihrer Maß- und Änderungsschneiderei, dem „Fingerhut“ in Findorff. 

Daran änderte auch ihre Familienplanung nichts: „In der Zeit, in der ich meine beiden Töchter bekommen und großgezogen habe, habe ich zwar weniger gearbeitet, hatte aber dennoch immer meinen Laden“, berichtet die Designerin. 

Doch wie kam es zu der Idee, ihrer heutigen, fairen Modemanufaktur „LaGitana“? „Jetzt wo die Mädels groß sind kam der Gedanke auf, etwas Neues zu wagen. Wir waren immer viel auf Reisen in anderen Ländern und habe gesehen, dass es auch einen anderen Weg gibt, als der den die Modeindustrie hier beschreitet. Das gab den Anstoß, dass ich hier vor Ort in Bremen herstellen und ausschließlich mit fair produzierten Materialien arbeiten wollte“, erklärt Gitana.

Schmeichelnde, individuelle  Schnitte und fair produzierte Materialien - das macht „LaGitana“ aus

„Die Menschen sollen nicht darüber nachdenken, wie ihre Kleidung hergestellt wurde“

„Es begegnet mir immer wieder, dass die Menschen überhaupt keinen Bezug zu ihrer Kleidung haben. Manchmal kommen Kundinnen in meinen Laden und staunen: „Ist das alles selbstgenäht?“ Und dann antworte ich: „Ja...aber auch das, was Sie tragen und was bei H&M im Regal liegt, ist selbstgenäht. Das Kleidungsstück hat tatsächlich jemand gefertigt. Es sind Industrie-Maschinen, ja. Aber dennoch sitzt da jemand, nimmt das Teil in die Hand und näht eine Naht.

Gitanas Meinung nach verhält es sich mit der Mode so ähnlich wie mit der Milch, von der die folgenden Generationen bald nicht mehr wissen, dass sie von der Kuh und nicht aus dem Tetra-Pack stammt. „Und leider ist es Absicht, dass diese Verknüpfung nicht entsteht. Damit sich die Kunden bloß keine Gedanken darum machen, wer genau ihr Kleidungsstück in die Hand genommen hat und unter welchen Bedingungen diese Person eventuell arbeiten muss. Und genau dort möchte ich ansetzen und ein Bewusstsein schaffen“, beschreibt die Designerin ihre Mission.

„Was mich an Modefirmen wie H&M und Co. beschäftigt ist, dass so wahnsinnig viel ins Image investiert wird - mit tollen Kampagnen, Videos und Markenbotschaftern. Es wird extrem viel Geld ausgegeben, um so zu tun, als sei man „grün“ oder „fair“. Damit wird ein Bild des Unternehmens nach außen projiziert, was es im Kern gar nicht ist. Der Kunde wird im Prinzip an der Nase herumgeführt“, ärgert sich Gitana.

Maßanfertigung im Preis enthalten

Gitana möchte sich mit ihrem besonderen Konzept von den Mode-Riesen abheben, deren angebotenen Standardgrößen für ihre Kundinnen häufig zu klein, zu groß, zu kurz oder zu lang sind. Deshalb sind alle LaGitana-Modelle in unterschiedlichen Stoffdesigns erhältlich und auf jede Größe oder Länge anpassbar. Der Clou: Die Anfertigung ist im Endpreis enthalten. Natürlich können die Kundinnen auch passende und bereits angefertigte Stücke direkt im Laden kaufen und mitnehmen. Aber circa die Hälfte der Kundschaft macht von dem speziellen Anfertigungs-Service Gebrauch. 

Preislich fangen Basics der Modemanufaktur bei 60 Euro an. Das teuerste Sommerkleid im Laden kostet derzeit 280 Euro. Der Endpreis setzt sich dabei aus zwei Komponenten zusammen: Zum einen aus dem Stoffverbrauch und zum anderen kommt es darauf an, wie kompliziert und damit arbeitsintensiv der Schnitt ist. „Aber dadurch, dass wir mit bereits fertig konzipierten und ausgefeilten Schnitten arbeiten, sind unsere Teile natürlich nicht annähernd so teuer wie eine herkömmliche Einzelanfertigung. Etwas teurer wird es nur, wenn eine Anprobe notwendig und ein Abstecken direkt an der Figur sinnvoll ist“, erklärt Gitana ihr Konzept.

Die verschiedenen Stoffe, die für die Wunschanfertigungen zur Verfügung stehen, hat Gitana dekorativ in einem Regal im vorderen Teil ihres Ladens platziert. „Es ist noch mal etwas ganz anderes, wenn die Kundin den Stoff anfassen und an den Körper halten kann, als lediglich im Katalog oder am Bildschirm auszuwählen“, berichtet die gelernte Schneiderin.

Die Kundinnen können vor Ort die Stoffe ausprobieren und auswählen

Mangelndes Interesse an fair produzierten Stoffen

Die Stoffe bezieht sie ausschließlich aus der EU, was sich derzeit noch recht schwierig gestaltet, wie die 49-Jährige berichtet: „Ich habe verschiedene Stoffhändler, die zu mir kommen und aus deren Sortiment ich auswähle. Darunter ist ein Händler aus Berlin, der ausschließlich faire Bio-Stoffe anbietet und dessen Angebot auch jede Saison Wechselt. Dennoch hätte ich gerne noch mehr Auswahl und Alternativen an Bio-Stoffen, gerade was die Muster betrifft.“ Gitana findet es schade, dass das Stoff-Angebot in diesem Segment so begrenzt ist. Ihrer Meinung nach sei dies der Tatsache geschuldet, dass die Nachfrage derzeit noch nicht groß genug sei. Dabei sei der Preisunterschied zur Standardware gar nicht so erheblich - es mangele lediglich am Interesse.

Weniger ist mehr

Gitanas Kundinnen liegen vom Altersdurchschnitt her zwischen Ende 20 und Mitte 60. „Ich habe zum Beispiel viele ältere Kundinnen, die keine Lust haben ewig durch die ganze Stadt zu laufen und nichts zu finden, weil sie mit den Stoffen oder Schnitten nicht zufrieden sind“, berichtet sie. Aus diesem Grund hat Gitana sehr viele Stammkunden, die ihr Konzept dankend annehmen. Diese Frauen gehen nicht alle zwei Wochen zu H&M und kaufen sich fünf Teile, die dann irgendwann im Kleiderschrank verschwinden, sondern leisten sich lieber bewusst ein hochwertiges Stück, was perfekt zu ihnen passt und das sie gerne tragen. 

Schöne, neue Nachbarschaft

Von ihrer neuen Nachbarschaft auf den Fedelhören ist Gitana absolut angetan: „Egal ob Mode, Schmuck oder Kunst– Die Läden sind alle Inhabergeführt mit extrem guter Beratung. Es gibt viel Qualität, alles sehr hochwertig. Es ist eine tolle Gemeinschaft. Es gibt ein Straßenfest und die Geschäfte nehmen an den Atelier-Tagen teil“, schwärmt sie.

Bislang hat Gitana in Bremen keine Kollegen, beziehungsweise Mitstreiter, mit denen sie sich über ihre „Mission“ austauschen kann. Dabei würde ein Kollektiv aus mehreren Bremer Labeln, die sich der gleichen Sache verschrieben haben und mit denen man Synergien nutzen könnte, absolut Sinn ergeben. Dennoch zeigt sich die Designerin zuversichtlich: „Ich glaube, dass Nachhaltigkeit insgesamt ein Trend ist, der immer präsenter wird. Gerade junge Leute hinterfragen heute mehr was sie essen und wo zum Beispiel das Fleisch herkommt, das sie auf dem Teller haben. Auch wenn die Entwicklung langsam voranschreitet, geht sie in die richtige Richtung.“

Auf einen Blick:

LaGitana

Fedelhören 12

28203 Bremen

Kern-Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag: 11 bis 18.30 Uhr

Samstag: 11 bis 15 Uhr

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