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Lost Places in Oldenburg: Zwei Insider sprechen über Gefahren, den Ehren-Kodex und alte Kinos

Irgendwo in Deutschland...

Möblierte Häuser ohne Bewohner, verlassene Zechen und verrottete Baracken – Lost Places sind in Deutschland überall zu finden, auch in Oldenburg. Wer mit offenen Augen durch die Stadt fährt, hat sich sicherlich schon gefragt: Wie sieht es wohl dort drinnen aus? Nur mal gucken, einfach mal reingehen und am besten noch ein geiles Selfie mit nach Hause nehmen? Tut mir Leid! Wer auf der Suche nach Adressen ist, den muss ich an dieser Stelle leider enttäuschen. Wir haben mit zwei Insidern über die wahre Leidenschaft für die verlassenen Orte gesprochen.

„Prinzipiell muss man sich nur auf Google begeben oder ins Auto setzen. Nach spätestens zehn Minuten hat man einen Lost Place gefunden, auch in Oldenburg“, erklärt mir Mirko. Zusammen mit seinem Kumpel Jörn betreibt er die Facebook-Seite „Verlassene Orte Oldenburg und Umgebung“. Doch es gibt ein Problem: Das Erkunden von „Lost-Places“ oder auch „Urbex“ (vom englischen Begriff „Urban Exploration“, also Erkundung der Stadt im weitesten Sinne, abgeleitet) würde sich immer mehr zu einem Trend entwickeln. Seit Jahren besuchen die beiden Lost Places in ganz Deutschland und ihnen fällt auf: Vielen geht es nur noch darum, dabei zu sein, ein spektakuläres Bild zu schießen. Eben weil es so cool ist. Nicht aber um den Ort selbst, die Geschichte dahinter.

In einem lockeren Gespräch bei Kaffee und heißer Schokolade erzählen die beiden mir von ihrer Passion. Was reizt sie an den verlassenen Orten? Welche Gefahren lauern in verrotteten Gebäuden, Bunkern oder ehemaligen Krankenhäusern? Gleich zu Beginn wird eins klar: Jörn und Mirko sind Feuer und Flamme für Lost Places. Als wir uns gemeinsam ihre Bilder ansehen, sprudeln die Erlebnisse nur so aus ihnen heraus. Doch eine Botschaft schwingt die ganze Zeit mit: Lost Places sind kein Spielplatz, auf dem man sich austoben kann, wenn einem danach ist, und zum Abschied ein Selfie mit nach Hause nimmt. Diese Orte seien mitunter gefährlich, mit Respekt zu behandeln und dennoch irgendwie „wie Urlaub“.

„Wir waren schon in Häusern, da stand noch die Milch im Kühlschrank“

Kein Wunder, dass Mirko und Jörn es mit dem Urbex Kodex ziemlich genau nehmen: Keine Ortsangaben, kein Vandalismus, kein Foto von außen, nichts wird mit nach Hause genommen. Auch nicht „nur eine Sache“. „Viele Leute dekorieren einfach um“, erzählt mir Mirko. Nach dem Motto: Dieses Bild soll nach mir keiner mehr kriegen. Die verschandelten Gebäude besuchen die beiden oft nicht mehr: „Wenn bereits sehr viele drin waren, sind die Lost Places nicht mehr 'schön'. Was sollte man da auch noch knipsen, wenn es schon zehntausende geknipst haben?“

Dass sie mit ihren Bildern bei Facebook einiges auslösen können und daher Vorsicht geboten ist, wissen die beiden ganz genau: „Ich habe mal Fotos von einem verlassenen Kino in Oldenburg gepostet. Davon haben wir hier drei Stück. 90 Prozent der Leute kennen aber nur das Wall-Kino“, erzählt Jörn, „dann kamen Kommentare, wie „lass' mal hin“ oder „wie kommt man da denn rein?“. Solche Kommentare lesen die beiden oft und ärgern sich darüber. Schließlich gehöre die Suche nach Lost-Places zum Hobby dazu. Immer wieder bekommen sie Facebook-Nachrichten, in denen sie gefragt werden, wo ihre Bilder entstanden sind. Geantwortet hat Jörn im Fall des Oldenburger Kinos natürlich nicht, Stichwort Ehren-Kodex: „Ich will nicht wissen, wie viele da einfach hin sind und versucht haben rein zu kommen.“ „Es gibt keine Abkürzung“, fügt Mirko hinzu, „ich kenne keinen, der einem Unbekannten einfach so eine Adresse gibt.“ Natürlich gäbe es eine Art „Szene“ in und um Oldenburg – Freunde, mit denen sich die beiden austauschen und zusammen los ziehen. Aber eben quasi intern, man kennt sich, hat sich teilweise sogar bei der gemeinsamen Suche nach Locations erst kennen gelernt.

Irgendwo in Deutschland...

Was die beiden am meisten reizt? Die unangetasteten Objekte seien meist die „schönsten“: „Wir waren schon in Häusern, da hing noch die Piloten-Uniform am Kleiderschrank, im Kühlschrank stand Milch (natürlich seit Jahren abgelaufen) und auf dem Tisch Familien-Fotos.“, so Jörn. Solche verlassenen Wohnhäuser wären aber schon ziemlich seltene Fundstücke. Meistens sind die beiden in Bunkern, ehemaligen Industrieanlagen, Kasernen oder auch in alten Krankenhäusern unterwegs.

Grauzone Urbex: Gefahren immer im Blick

Für die beiden sind Lost Places wie Urlaub: Total entspannend, man hat seine Ruhe und ist in der Regel weit weg vom stressigen Alltag. Doch gemütlich quatschen ist eher nicht angesagt. Wer in die verlassenen Häuser, Bunker und Fabriken steigt, bewegt sich schließlich in einer Grauzone. Und wer laut ist, der wird gehört. „Bei manchen wirst du regelrecht weggejagt“, erklärt mir Jörn, „bei anderen bekommst du fast Kaffee und Kuchen.“ Der Ton mache die Musik. Wer sich erklären kann und nicht vor den Besitzern oder gar der Polizei wegläuft, habe gute Karten. „Wir machen das ja nicht, um andere Leute oder die Besitzer der Orte zu ärgern. Am liebsten würden wir immer zusammen mit den Besitzern rein, aber das geht halt oft nicht.“, meint Mirko. Viele Besitzer hätten bereits schlechte Erfahrungen gemacht und gerade größere Firmen würden niemandem auf ihrem Gelände haben wollen. Oft wäre auch gar nicht zu erfahren, wer überhaupt für das jeweilige Gelände zuständig ist. Wer sich gewaltsam Zutritt verschafft und erwischt wird, dem droht eine Anzeige.

Lost-Places in Bildern: Verlassene Orte in Oldenburg und umzu

Im Gespräch wird schnell klar: Lost-Places sind nicht nur super spannend, es ist auch gefährlich sie zu betreten. In manchen Orten wurden Leichen gefunden, Decken sind kurz vorm Einstürzen oder Glasscherben versperren den Weg. „Wem ich nie begegnen möchte, sind Schrottdiebe“, mahnt Mirko. Diese würden zwar oft die Lost Places „aufmachen“, weil sie verschlossene Türen aufbrechen, doch mit den Dieben sei nicht zu spaßen. „Egal was für eine kleine unscheinbare Location es auch ist, ich melde mich immer ab und wieder an. Immer!“, betont Mirko.

„Für uns sind die Räume wie ein interaktives Museum“

„Empfindlich darf man nicht sein“, sagt Mirko. Gerade im Sommer stoße man oft auf üble Gerüche. Zu wissen, wie Asbest aussieht, könne auch nicht schaden. Im Zweifelsfall sollten Nachahmer lieber nichts anfassen. Ein Argument mehr für die richtige Ausstattung: Festes Schuhwerk, Handschuhe und Taschenlampen müssten immer sein. Gerade „Anfänger“ würden einfach in Sneakern und mit einer Handytaschenlampe, sprich ohne zweite Lichtquelle, losziehen, ohne sich viele Gedanken zu machen. Besonders unterirdische Relikte sollten jedoch mit Vorsicht angegangen werden, da sich dort lebensgefährliche Kohlenstoffdioxidansammlungen bilden können, warnt Mirko. Binnen Sekunden bzw. Minuten könne dies zu Orientierungs- und Bewusstseinsverlust führen.

Irgendwo in Deutschland...

„Wir haben mit dem Ganzen mindestens zwanzig Jahre zu spät angefangen“, meint Mirko, „die Glanzzeiten der Gebäude werden wir nie live erleben können.“ Doch ist es nicht gerade der Zerfall, die zerbrochenen Scheiben, das Moos auf dem Boden, was den Reiz ausmacht? Dass es Spaß macht, Adrenalin beim Betreten von so einem Ort zu spüren, können die beiden nicht leugnen, doch für sie ist es mit dem Schlüssel in der Hand viel entspannter. „Wir verschwenden keine Zeit für irgendwelche Leute, die nur sensationsgeil sind“, sagt Mirko. Oft würden sie auch gar keine Bilder machen: „Es geht darum, die Geschichte der Räume zu erleben. Für uns sind die Räume wie ein interaktives Museum.“

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