Über positiven Einfluss auf Bremen nachdenken

Kollektiv plant Neuauflage der Kultur-Brache „Anderswo“ – mit Hindernissen

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Das „Anderswo“ war ein großer Erfolg und neben der „Kompletten Palette“ von Immo Wischhusen oder dem „Höftschwung“ vom Zuckerwerk eines von mehreren jungen Kultur-Projekten des Sommers, die zeigen, dass in Bremen einiges gehen kann – wenn man die Aktiven aktiv werden lässt. Das Kollektiv, das zur Hälfte aus jenen besteht, die im Vorjahr das Außerhalb-Projekt auf die Beine gestellt hatten, möchte auch künftig Kultur machen und Bremen mitgestalten. Dafür wünscht sich der eigens gegründete, gemeinnützige Kulturbeutel e.V. ein Entgegenkommen der Stadt. Wir haben uns die Situation von einem Vereinsmitglied erklären lassen.

„Über 8.000 Besucher kamen, viele verschiedenste kulturelle Veranstaltungen wurden geboten und viele Einigungen konnten erzielt werden“, sagt der Sprecher des Kulturbeutel e.V., der im Sinne des Kollektivs spricht und nicht namentlich hervorgehoben werden möchte. Der Sommer 2017 war trotz seiner bescheidenen Wetter-Qualitäten ein voller Erfolg fürs „Anderswo“. Eine Brache nahe des Flughafens, die von den Ehrenamtlichen mit zwei Bühnen, einer Bar und diversen kreativen Holzbauten in eine urbane Oase verwandelt wurde. Alle kamen sie in Scharen, um das etwas andere Kultur- und Party-Angebot anzunehmen: Junge, Alte und Alternative, Hippies, Hedonisten und Hipster, Leute mit Haltung und Sinn für eine gute Gemeinschaft.

„Das Ganze brachte nebst großer Euphorie auch viele Schwierigkeiten“

Acht Monate hatte die mühsame Suche nach einer geeigneten Fläche zuvor gedauert. Spät und ziemlich kurzfristig, wurden den 20 jungen Bremern des Kulturbeutel e.V. schließlich doch noch eine Fläche zugesagt, die sie bereits viele Monate zuvor angefragt hatten. „Das Ganze brachte dann nebst großer Euphorie auch viele Schwierigkeiten mit sich, schließlich hatte die Saison längst begonnen und der Wunschstarttermin lag einen Monat zurück", sagt das Kulturbeutel-Mitglied. „So mussten die Vorbereitungen, auch viele Behördengänge, unter großem Zeitdruck ablaufen." Letztlich konnte das Anderswo jedoch an den Start gehen und war den restlichen Sommer über Anlaufpunkt für Open Air Kino, Workshops, Partys, Kinder-Veranstaltungen, Konzerte und vieles mehr.

Ja, es habe auch Anwohnerbeschwerden gegeben, die Gruppe bedauere das und möchte die Störung von Anwohnern bei künftigen Projekten noch weiter vermeiden. Dies erfordere unter anderem eine langfristigere Planung. Um den Stress aller Beteiligten – involviert waren beispielsweise Lokalpolitiker des Neustädter Beirats und der Kulturdeputation, Angestellte der WFB und der Genehmigungsbehördern sowie die jungen ehrenamtlich arbeitenden Vereinsmitglieder – zu reduzieren sowie an den Erfolg anzuknüpfen, plant der Kulturbeutel e.V. im kommenden Jahr erneut ein ähnliches Projekt auf der selben Fläche.

„Sollte diese Wiederholung möglich sein, wäre es absolut sinnvoll die Grundinfrastruktur auf dem Gelände stehen zu lassen und im kommenden Jahr von Beginn an zu nutzen", sagt das Vereinsmitglied und fügt an: „Leider wird dies bisher von der WFB verweigert." Nach eigenen Angaben wurde die Fläche durch den Kulturbeutel e.V. bereits zu 80 Prozent wiederhergestellt. Die verbleibenden zwei Konstruktionen hofft das Kollektiv nun stehen lassen zu können.

Über den positiven Einfluss solcher Projekte auf die gesamte Stadt nachdenken

„In der Vergangenheit wurde der Verein bereits auf zwei Kulturdeputationen Partei übergreifend von allen Deputierten für sein herausragendes Engagement gelobt", sagt der Sprecher. Er weist auf das bekannte Problem hin, Bremen kämen gerade die jungen Menschen abhanden, die hier in vielen Bereichen wenig perspektivische Lebensqualität sehen. Daher sei es an der Zeit über den positiven Einfluss solcher Projekte auf die gesamte Stadt nachzudenken, fordert er. Ziel der Gruppe sei es zu erreichen, kommende Saison erneut auf der Fläche ein Projekt durchführen zu können und dafür zeitnahe Zusagen zu erhalten, um die Planung und Anträge rechtzeitig in die Wege zu leiten.

Laut Kulturbeutel e.V. bevorzugt die Wirtschaftsförderung Bremen die Fläche jedoch zu vermarkten. Das Vereinsmitglied gibt zu bedenken, die Brache habe seit Jahren leer gestanden, was sich aller Voraussicht nach nicht so schnell ändere und ergänzt: „Und selbst wenn, gebaut würde dann doch in frühestens zwei Jahren." Bis dahin wünscht sich die Gruppe eine Zusage für die Fläche als Raum zur Entfaltung ihres Kulturangebots. „Wir unterschreiben gern, dass wir im Fall der Fälle innerhalb von vier Wochen wieder abhauen, sollte die Fläche wider erwarten doch verkauft und zeitnah bebaut werden." Bis dahin wollen sie sich nicht verjagen lassen, auch, weil eine erneut lange Suche das Projekt bis zur nächsten Zusage ernsthaft gefährden könnte.

Zum Hintergrund

Anderswo in der Neustadt, Komplette Palette in Hemelingen oder Höftschwung in Woltmershausen zeigen eine Entwicklung, die der Vielfalt der hiesigen Kulturlandschaft gut zu Gesicht steht. Sie zeigen eine Aufbruchstimmung und sie zeigen, dass es in Bremen engagierte junge Menschen gibt, die anpacken und sich im Rahmen von Sub- und Jugendkultur eigene Freiräume schaffen und die Zukunft der Stadt mitgestalten – wenn man sie lässt. Bis vor Kurzem noch zehntgrößte Stadt Deutschlands, flog Bremen aus den Top-Ten und wurde von Leipzig überholt. Einer Hype-Stadt, die mit ihren Möglichkeiten, Flächen und Freiheiten, aber auch dem daraus resultierenden Lebensgefühl magisch anziehend auf junge Generationen wirkt. Auch das damalige Außerhalb-Kollektiv bekam das zu spüren. Als sich die Suche nach einem Veranstaltungsort zog, weil Stadt, Politiker, Anwohner oder Polizei Vetos einlegten, verlor die Gruppe Mitstreiter an Leipzig.

Zahlreiche Sichtungen und Absagen später, kam das Außerhalb – als Nachfolger des Kreativ- und Club-Zentrums Unterhalb nahe des Güterbahnhofs – im Sommer 2015 auf einer ungenutzten Fläche in Woltmershausen doch noch Zustande. Nach dem erfolgreichen Sommer mit 10.000 Besuchern, Open-Air-Kino-Abenden, Konzerten und Partys, Zusammenarbeit mit einer benachbarten Flüchtlingsunterkunft und als Anlaufstelle für junge Menschen aus dem Stadtteil und ganz Bremen, ging es dort nicht weiter. Eine abermals Kräfte zehrende Suche und eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne später, war für den Sommer 2017 eine neue Fläche gefunden: Das Anderswo nahe des Neustädter Flughafens konnte starten.

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Mittlerweile scheint fest zu stehen: Mit der Kompletten Palette geht es 2018 an Ort und Stelle im Hemelinger Hafen weiter. Auch in die Suche des Zuckerwerks nach einer geeigneten Location samt Club, scheint Bewegung gekommen zu sein. Derweil hat sich das Bremer Freiluftparty-Gesetz bewährt und soll gelockert werden.

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