Kulturzentrum braucht Support

Kukoon-Interview zum Umbau: „Anlaufstelle für alle Menschen“

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Sandra und Artur im Kulturzentrum Kukoon, deren Räumlichkeiten das Kollektiv gekauft hat. Für den Umbau werben sie nun um Spenden.

Im Neustädter Kukoon wird seit drei Jahren eine hoch gelobte kulturelle Arbeit geleistet. Nun kaufte das Kollektiv die Räumlichkeiten des Stadtteil- und Bürgerzentrum und will es perspektivisch weiterentwickeln. Dieser Schritt bringt Planungssicherheit, allerdings die Notwendigkeit von Unterstützung. Dazu rufen die Betreiber nun in einer Kampagne mit Film, Videos und prominenter Unterstützung auf. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Kulturveranstaltungen, Konzerte, Lesungen, Filmabende, Ausstellungen, Workshops oder auch eindach nur ein Café – das und vieles mehr gibt es im Kukoon. Wir trafen uns zum Interview mit zwei der rund 14 Kulturschaffenden des Kollektivs, auf deren Konto auch schon Neustadt-Projekte wie Grüner Zweig oder Dete gingen. Ein Gespräch mit Sandra Carlson und Artur Ruder über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des „Kulturkombinats offene Neustadt“, wie das Kukoon im Buntentorsteinweg 29 in Langform heißt. 

„550 Veranstaltungen in drei Jahren“ 

nordbuzz: Moin Sandra, Moin Artur. Gerade erst habt Ihr die Räumlichkeiten des Kukoon gekauft. Wie kam es dazu und was passiert jetzt?

Artur: Wir sind jetzt Eigentümer der Gewerbefläche. Ende Oktober haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen und Mitte November den Vertrag unterschrieben. Nun stehen Umbaumaßnahmen im sechsstelligen Bereich an. Dafür gehen wir mal wieder einen alternativen Weg, inzwischen typisch für uns. Was wir machen ist kein Crowdfunding im herkömmlichen Sinne sondern ein Spendenaufruf, verbunden mit einer Kampagne. Den Film dazu ist von Februar und noch mit alten Zahlen. Inzwischen sind wir bei 550 Veranstaltungen in drei Jahren. Zu dem Zeitpunkt war noch eine Schwarmfinanzierung angedacht. Dabei kann man sein Netzwerk gut einbringen, zum Beispiel über die Geschenke. Aber etwa ein Fünftel der Spenden muss man an Abgaben zahlen. Bei 5.000 Euro sind 1.000 Euro direkt wieder futsch. 

Sandra: Ein Crowdfunding ist auch eine Menge Aufwand und momentan brauchen wir alle Kapazitäten. Die Aufgaben prasseln von allen Seiten auf uns ein. Neben dem Alltagsgeschäft war der Kauf der Gewerbefläche abzuwickeln. Nun steht der Umbau an.

„Mitte März folgt hoffentlich die Wiedereröffnung“ 

nordbuzz: Wie sah und sieht Euer Zeitplan für die Maßnahmen aus?

Artur: Für den Umbau haben wir Anfang des Jahres eine einmalige fünfstellige Förderung aus Bundesmitteln erhalten. Das ist unsere erste Förderung überhaupt. Im Herbst haben wir zudem Förderanträge in größerer Breite gestellt. Vorher hatten wir uns vor allem aufs Operative beschränkt. Nun konzentrieren wir uns, dass bei der Abwickelung kein Schmu passiert. In Zukunft wollen wir auch mehr eigene Formate entwickeln. Aber natürlich auch weiterhin andere supporten, das ist und bleibt unser Steckenpferd. Zum 1. Januar schließen wir und räumen alles raus. Ab der dritten, vierten Woche kommen die Gewerke, Mitte März folgt dann hoffentlich die Wiedereröffnung. Ende Juni schließen wir dann erneut für acht Wochen.

Sandra: Es werden erst einmal notwendige Maßnahmen für die Gaststättennutzung umgesetzt. Die geplante Wiedereröffnung ist am 20. März.

Artur: Genau, vor allem Schall- und Brandschutz ist nötig. Wir versuchen dabei natürlich den Charme des Kukoon zu wahren. Trotzdem fangen wir hinterher wieder bei Null mit dem dekorieren und pinseln an.

Sandra: Optisch wird sich leider einiges ändern, zum Beispiel verschwindet die schöne Stuckdecke hinter dem Schallschutz.

nordbuzz: Und wie lief der Kauf der Räumlichkeiten ab?

Artur: Der Kauf drohte zur Hängepartie zu werden. Die Immobilie war zwischendurch nochmal inseriert. Es gab uns gegenüber auch ein bisschen Hinhaltetaktik. Das war ein mühsames Spiel für uns und ist zum Glück aufgegangen! Trotzdem wollen wir nicht nachtreten.

„Das ist nicht ganz normal, was wir machen“ 

nordbuzz: Wie ist es denn das Projekt in so einer großen Gruppe zu stemmen? 

Artur: Das ist nicht ganz normal, was wir machen. Durch unsere Struktur als Kollektiv läuft vieles sehr emotional ab. Fünf Personen sind auf Ebene der geschäftsführenden Gesellschafter von Anfang an dabei. An diesem Punkt haben wir nun Planungssicherheit wie wahrscheinlich noch nie in unserem Leben.

Sandra: Diese Unsicherheit war sehr herausfordernd für das Kollektiv. Natürlich ist da auch einiges an Fluktuation drin, weil wir ein sehr junges Team sind und mancher sich dann doch nochmal für ein Studium entscheidet. Aber es geht auch sehr familiär zu. Vor Weihnachten haben wir nochmal eine interne Dankesfeier mit allen, die irgendwann mal mitgeholfen haben.

Support von Immo, Zucker, Mad Monks und der Stadtteilmanagerin 

nordbuzz: Was benötigt Ihr nun am dringendsten und wie sieht die Kampagne aus? 

Artur: Wir erhoffen uns reichlich Spenden und Unterstützung durch die Kampagne. Entsprechend der Menge entscheidet sich, wie schnell und hochwertig wir in Equipment investieren und statt der geliehenen eine eigene Bühne anschaffen können. Viele Bremer Promis und Kulturschaffende sind bei dem Aufruf mit Video-Botschaften dabei, beispielsweise Libus Cerna vom Literaturfestival „Globale“, Immo Wischhusen von der Kompletten Palette, die Zwischenzeitzentrale, das Zuckerwerk oder die Mad Monks. Auch Stadtteilmanagerin Astrid-Verena Dietz unterstützt uns.

Sandra: Wir werden die Aufmerksamkeit im und um den Laden, aber auch über unser Netzwerk und die Medien, noch stärker auf unser Vorhaben lenken.

Artur: Da wir alle aus weiteren Projekten kommen, sind wir sehr gut vernetzt. Momentan sind wir 14 Personen plus X. Aber es gibt noch viel mehr Leute, die viel helfen. Das Interesse von der Öffentlichkeit ist da, ebenso eine positive mediale Aufmerksamkeit.

„Da schwingen viele Emotionen mit“ 

nordbuzz: Rückblick auf die drei Jahre Kukoon, was sind Eure Highlights?

Sandra: Nach der Sommerpause kamen viele Stammgäste und sagten: „Schön, dass ihr wieder da seid!“ Das war ein tolles Gefühl.

Artur: Ich habe jede Menge Highlights, zum Beispiel als meine Lieblingsband im eigenen Laden spielte. Oder auch die Auswärtsspiele beim Summersounds-Festival, wo wir an der Formatentwicklung beteiligt waren. Auch das diesjährige Utopia-Filmfestival in der Schwankhalle, was organisatorisch eine Erleichterung war. Dieser Prozess aus dem Freiraum raus zu kommen, zum Bürgerzentrum zu werden, aber seine Ideologie und Haltung bei zu behalten. Da schwingen viele Emotionen mit. Vor fünfeinhalb Jahren saßen wir mit Leuten bei einem Bier im Grünen Zweig. Heute sitzen die gleichen Leute mit ihrem Nachwuchs bei uns in der Kinderecke. Es settelt sich also alles parallel.

Sandra: Es sind die Kleinigkeiten. Nach einem Hip Hop Konzert im Kukoon war ich zum Beispiel einmal ganz beflügelt, weil das alles so sympathische Menschen waren. Dabei ist Hip Hop überhaupt nicht meine Musik. Hier kann also jeder den Raum für sich selbst öffnen. Toll, dass Experimente so gut funktionieren.

„Wir bieten eine Anlaufstelle für alle Menschen“ 

nordbuzz: Bei Kulturprojekten in Bremen gab es immer wieder Schwierigkeiten mit den Nachbarn. Wie ist die Situation beim Kukoon?

Artur: In Vorgängerprojekten oder auch parallel in der Bar Zukunft im Viertel gab es immer Nachbarn, die einen auf dem Kieker haben. Hier im Kukoon trinken wir stattdessen mit unseren Nachbarn Wein.

Sandra: Wir sind authentisch in dem, was wir tun und bieten eine Anlaufstelle für alle Menschen.

nordbuzz: Was bedeutet Euch das Kukoon?

Artur: Der Kauf ist mit der größte Schritt, den wir in unserem Leben gegangen sind. Es war eine Mammutaufgabe und ein paar Mammuts stehen auch noch vor der Tür. Besonders freuen wir uns über den unerwartet großen Support von allen Seiten. Alle, die wir gefragt haben, ob sie dabei sind, haben zugestimmt. Immo wollte zuerst sogar seinen Urlaub verlegen.

 

 

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