„Mir ist das Leben lieber“-Ausstellung

Keine Ahnung trifft Kunst der Moderne: Als Banause in der Weserburg

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Ich wiederhole mich, aber auch hier möchte ich gleich zu Anfang deutlich machen, dass ich keine ernsthafte Ahnung von Kunst habe. Weil ich Moderne Kunst trotzdem mag – auch wenn ich sie vermutlich meist nicht verstehe – habe ich mich ziemlich auf die aktuelle Ausstellung „Mir ist das Leben lieber“ in der Weserburg gefreut. Es hat lange gedauert, bis ich tatsächlich den Weg zum Museum auf dem Teerhof gefunden habe. Ob er sich gelohnt hat, erfahrt ihr hier.

Warum erst jetzt?

Mit großen Namen wirbt die Weserburg schon seit Monaten für die Ausstellung „Mir ist das Leben Lieber“. Werke von Gerhard Richter, Cindy Sherman und Anselm Kiefer sind hier zu sehen. Da wird sogar der größte Kunstbanause hellhörig. So hellhörig, dass ich direkt zum vermeintlichen Tag der Eröffnung vor der Weserburg stand, nur um zu merken, dass ich mir ein falsches Datum notiert hatte. Also zog ich schmollend wieder ab. Ich hatte mir zwar fest vorgenommen wiederzukommen, aber daraus wurde nichts. Kennt man ja, man nimmt sich etwas vor, aber dann kümmert man sich halt doch um die Wäsche, Einkäufe, das versiffte Bad oder die neuste Staffel der Lieblingsserie bei Netflix. Und schon ist die heiß erwartete Ausstellung vergessen. Zumindest, bis ich während der Arbeit in der Event-Datenbank nach irgendetwas suchte und dabei bemerkte, dass die Sammlung von Reydan Weiss immer noch gezeigt wird. Der Ausstellungszeitraum wurde sogar verlängert. Also schnell hin da!

Im ersten Raum gibt’s gleich voll auf die Fresse

Die letzten Mahlzeiten von zum Tode verurteilten Häftlingen.

Im ersten Raum gibt’s gleich voll auf die Fresse. „Will I Be Missed?“ prangt dort in großen Leuchtbuchstaben an der Wand. Nichts worüber man sich gerne Gedanken macht, aber wer eine leicht verdauliche Ausstellung erwartet, ist hier eben auch falsch. Also kurz schlucken und weiter geht’s. Direkt um die Ecke hängen drei klassische Stillleben. Kurz frage ich mich, was die hier verloren haben. Merke dann aber, dass hier nicht das übliche Obst in der Schale abgebildet ist, sondern Burger und Gurken. Ein Blick in die Broschüre zur Ausstellung verrät mir, hier hat der Künstler Mat Collishaw die Henkersmahlzeit eines zu Tode verurteilten Häftlings in den USA nachgestellt und fotografiert. Was man sich da wohl selbst wünschen würde? Kurioses Highlight noch im gleichen Raum sind die merkwürdigen Figuren von Linde Ivimey aus Australien. Ihre kleinen Gestalten bestehen aus tierischen Knochen und Haut und wirken auf mich gleichzeitig ziemlich morbide aber auch irgendwie niedlich.

Auch im nächsten Abschnitt ist der Tod Thema. Am meisten Eindruck macht auf mich hier die Fotografie mit dem Titel „The Morgue“ von Andres Serrano. Sie zeigt die nackten Schultern und einen von rotem Stoff umhüllten Kopf eines liegenden Menschen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man eine Naht auf dem Brustkorb und eine Blutlache. Unweigerlich frage ich mich, was dem Toten wohl zugestoßen ist und bin von der Ästhetik überrascht. Würde ich mir trotz des eigentlich schrecklichen Motivs einer Leiche auf dem Pathologie-Tisch sofort aufhängen. Einmal kurz hinsetzen und durchatmen, bevor es zu den Werken geht, die unter dem Titel „Weibliche Inszenierung“ zusammengefasst werden.

Gegen 50 Jugendliche habe ich keine Chance

Im Bereich „Weibliche Inszenierung“ werden auch provokante Werke gezeigt.

Zu Eurer Beruhigung: Ab hier geht es weniger morbide zu. Dafür steht jetzt die soziale Rolle der Frau im Mittelpunkt. Natürlich ist das der Ort, an dem die berühmte Cindy Sherman mit ihren verstörenden Selbstporträts zu finden ist. Sofort fallen auch die großformatigen Fotografien der mexikanischen Künstlerin Daniela Rossell auf oder die Bronzestatue von Olaf Metzel, die eine nackte Frau mit Kopftuch zeigt. Alle Werke hier finde ich ziemlich spannend, leider bin ich gleichzeitig mit zwei Schulklassen in dem Raum, sodass ich mir kein Bild in Ruhe anschauen kann und mich um freie Sicht ziemlich bemühen muss. Gegen 50 Jugendliche habe ich keine Chance. Deshalb gebe ich ziemlich schnell auf und wende mich der Abteilung mit dem Namen „Verwandlung“ zu.

Völlig sachliche Fotos in Schwarz-Weiß sind es, die an jener Stelle dafür sorgen, dass ich innehalte. Zu sehen sind nackte, alte Frauen. Trotz der Schutzlosigkeit der beiden Damen stecken in diesen Bildern Würde, Kraft und Geschichte. Viel mehr, als wir von den makellosen Menschen in unserem Instagram-Feed gewohnt sind. Beeindruckend!

Im Vordergrund ist eine Skulptur von Thomas Lerooy. Links im Hintergrund hängen die Fotos der beiden alten Damen.

Im nächsten Bereich mit dem Titel „Farbwelten“ hängen die Bilder, vor denen Menschen kopfschüttelnd stehen bleiben und behaupten: „Das ist doch keine Kunst! Das könnte ich auch!“ Das ist natürlich absoluter Quatsch, trotzdem sprechen mich die Bilder nicht so recht an. Nur das gesprenkelte Bild von Paul Fägerskiöld fasziniert mich kurz. Denn je nach Standort sieht es ziemlich verändert aus. Einfach mal ein bisschen wahllos davor auf und ab gehen und ausprobieren!

„Das wäre doch eine gute Tapete fürs Kinderzimmer“

Meine persönliche Neuentdeckung der Ausstellung finde ich dann im letzten Abschnitt: Till Rabus, der hier mit zwei Bildern vertreten ist. Das eine zeigt Müllsäcke, und das so detailreich, dass ich die Malerei zunächst für ein Bild hielt. Das Zweite bildet ein Stillleben inklusive Octopus und Toastbrot ab. Finde ich beides großartig – keine Ahnung warum. „Das wäre doch eine gute Tapete fürs Kinderzimmer“, lacht unterdessen eine Dame vor einer riesigen Leinwand neben dem Müllsack-Bild. Zu sehen sind bunte Punkte auf einer hellen Leinwand. Sehr beruhigend, dass hier offensichtlich noch andere Kunstbanausen unterwegs sind.

Fazit: Mir schwirrt der Kopf

Ich schreibe diesen Text direkt nach dem Besuch in der Weserburg. Mir schwirrt der Kopf von den vielen Eindrücken, unterschiedlichen Werken und Fragen, die beim Betrachten aufkamen. Ein finales Urteil habe ich also noch nicht. Genau das finde ich aber ziemlich großartig. Die Ausstellung fordert und wird mich sicher noch ein paar Tage beschäftigen. Ich möchte mehr über einige der Künstler, ihr Leben und ihr Schaffen erfahren. Meine Neugierde ist geweckt. Ich finde, mehr kann man von einer Ausstellung kaum erwarten. Statt Netflix und Bügelwäsche erwartet mich heute nach Feierabend deshalb eine Recherche zum Thema Kunst der Moderne.

Hinweis zum Schluss: Wer wegen der Werke von Gerhard Richter in die Weserburg pilgert, sollte aufmerksam durch die Räume gehen, denn sie sind etwas versteckt.

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Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag 11-18 Uhr Donnerstag 11-20 Uhr
Montag geschlossen

Eintrittspreise:
Erwachsene EUR 8
Ermäßigt EUR 5
Familien EUR 14

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