Es geht auch ohne: Mit „Füllkorn – unverpackt & bio“ den Konsumkreislauf durchbrechen

+
Neu im Einzelhandel dabei: der Umweltwissenschaftler Ulf Sawatzki

Komplett bio und das auch noch günstig. Der Unverpacktladen „Füllkorn – unverpackt & bio“ in der Bremer Neustadt verzichtet auf Plastik und setzt auf Nachhaltigkeit. Wieso, weshalb, warum, haben wir Inhaber Ulf Sawatzki gefragt.

Hier kommt Fietje: kostenlose Leih-Lastenräder gehen in Bremen an den Start

Lange schlendert eine Kundin durch den Laden, sieht sich um: „Darf ich das selber abfüllen? Ich habe mir ein Glas mitgebracht. Kann ich das verwenden?“ Noch merkt man der Kundschaft im neuen unverpackt Laden Füllkorn die fehlende Routine des Geschäftsmodells an. Statt ziellos in die Regale zu greifen und Konserven und Plastikpackungen in einen Einkaufswagen zu werfen, gibt es hier Spender, aus denen man die Ware „abzapfen“ kann. Inhaber Ulf Sawatzki lächelt, erklärt freundlich und geduldig. Nicht zum ersten mal antwortet er auf diese Fragen. Einfach Glas unter den Spender halten, drehen. Wie bei einem Kaugummiautomaten. Gar nicht schwer. Haben wir schon als Kinder geschafft.

Seit Ende April 2018 ist Ulf Inhaber von Bremens neuem Unverpacktladen. Eine treffendere Adresse hätte er sich für sein Geschäft, angefüllt mit Hülsenfrüchten und Körnern jeder Art, nicht suchen können: die Kornstraße. Ein gepflegter Holzfußboden, eine kleine Sofaecke mit Wachsmalstiften, Holzregale, ein Tresen aus alten Obst- und Weinkisten. Hier hat der Biologe mit dem Schwerpunkt Umweltschutz seinen Grundstein zur Verbesserung der Welt gelegt.

Im Gespräch mit dem 36-jährigen wird schnell klar: Er folgt einer Mission. Und die dreht sich nicht nur um den Verzicht von Plastik, sondern vor allem um die Erzeugungsweise der Produkte, egal ob Lebensmittel oder Hygieneartikel. „Es gibt kein Zero-Waste. Alle haben ihre Auswirkung auf die Welt. Da kannst du machen, was du willst. Wir müssen essen und die Lebensmittel müssen erzeugt werden. Aber wir können selber an den Stellschrauben drehen“, ist sich der Wahlbremer sicher, „und mit einem Verkaufskonzept wie bei Füllkorn kann der Endverbraucher direkt Einfluss darauf nehmen. Sofort.“

Das Konzept: Warum ein Unverpacktladen?

Natürlich kommt der Reis in Säcken zu Füllkorn, die Weine sind in Pfandflaschen, die Seifen im Karton. Komplett ohne Verpackung geht es nicht. Aber unverpackt im Verhältnis, das geht. Füllkorn erreichen die Waren in möglichst großen Gebinden. Säcke mit bis zu 25 Kilogramm. Direkt im Laden befüllt Ulf seine Gefäße und Spender mit den verschiedenen Lebensmitteln wie Mehl, Sojaschnitzel und Kidneybohnen.

Damit spart er den letzten Verpackungsschritt der Industrie aus – die Abfüllung in viele kleine separat abgepackte Tütchen und Schächtelchen – und der ist nicht nur unnötig umweltbelastend, sondern auch teuer. Somit schlagen Unverpacktläden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie vermeiden überflüssigen Plastikmüll und können Nudeln, Hirse und co. kostengünstiger anbieten. Das erfreuliche Ergebnis für die Käufer: Sie verringern ihren ökologischen Fußabdruck und sparen dabei sogar Geld. Durch den Verzicht des letzten, teuren logistischen Schritts kann Füllkorn die Waren preiswerter als in gängigen Bio-Supermärkten anbieten. Gewürze, erzählt Ulf stolz, seien bei ihm sogar weitaus billiger als in herkömmlichen Supermarktketten.

Ihre Verpackungen können die Kunden selber mitbringen. Schraubgläser sind perfekt. Damit ist direkt das Problem mit dem Altglas zuhause gelöst. Und wer zu viele Behältnisse hat, kann diese gerne in Füllkorns Spendenbox abgeben. Darüber freuen sich diejenigen, die ohne Behältnisse zum Einkauf kommen.

Das Sortiment wächst stetig

Noch ist das Angebot bei Füllkorn mit 270 Artikeln überschaubar. Aber es wächst stetig. Im Kundendialog stellt Ulf fest, welche Bedarfe es noch gibt. Überrascht war er etwa von der hohen Nachfrage nach Dinkelnudeln oder roten Linsen. Brot und Tee kommen demnächst ins Programm. Und er ist auf der Suche nach Pflanzenmilch um sein Müsliangebot abzurunden.

Langfristig soll Füllkorn dem Sortiment eines Supermarktes entsprechen – natürlich weniger vielfältig. „Es sind die Kaufroutinen der Konsumenten, die zum Überangebot in den Supermärkte führen“, erklärt Ulf, „aber auch mit einer kleineren Varianz ist es möglich, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Und die Vollständigkeit in der kleinen Auswahl, die möchte ich verkörpern.“

Neben Lebensmitteln führt Füllkorn Hygieneartikel. Klopapier, Zahnpasta-Tabletten, Haarseife. Alles da. Wer unverpackt sauber werden möchte, ist hier richtig.

Warum Bremen der perfekte Ort für alternative Geschäftsideen ist? „Bremen ist eine Experimentierstadt. Wir sind weit vorne, wenn es darum geht, Dinge auszuprobieren und zu testen.“ Und wer sich für Hintergründe der Verpackungsindustrie, Landwirtschaft und Tricksereien in Supermärkten und Drogerien interessiert, bekommt hier noch eine Portion Info gratis dazu. Völlig unverpackt.

Geöffnet montags bis freitags 9 bis 19 Uhr | samstags 9 bis 15 Uhr Kornstraße 12 | 28201 Bremen | info@füllkorn.de | www.füllkorn.de | facebook.de/biokonsum

Noch mehr unverpackt und nachhaltig:

  • Kaffee? Gerne – aber ohne Müll!

Studenten starten Test für Becher-Pfandsystem in Bremen

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare