Max, Artan und der Trip ihres Lebens

Freeworldrider-Interview – Teil 1: Zwei Bremer, zwei Räder, eine Weltreise

+
Die Freerider Artan Krasniqi (links) und Max Magura mit ihrem Equipment am Werdersee.

Von Bremen per Rad um die Welt. Zwei Bremer machen das, wovon viele träumen. Als Freeworldrider starten sie von der Hansestadt aus zu einer Weltreise. Einfach mal los, die Welt, neue Kulturen und Naturwunder entdecken. Abenteuer und Freiheit erleben. Aber auch auf Missstände hinweisen und Menschen verbinden. Wir haben Max Magura und Artan Krasniqi vor der Abreise zum Interview getroffen. In Teil 1 stellen sie sich vor und berichten von ihrer Idee, der Message sowie Planung und Finanzierung des Trips ihres Lebens.

Am Samstag, 19. August, starteten Max und Artan ihr Abenteuer vom Bremer Viertel aus. Keine Woche vorher trafen wir die beiden Weltenbummler zum ausführlichen Interview am Werdersee. In Teil 2 berichten die beiden von den Ländern, die sie bereisen wollen, ihren persönlichen Highlights, der Dauer ihres Trips, körperliche Vorbereitung und mögliche Krisen unterwegs. Außerdem geben Max und Artan einen Einblick in ihre Fahrradtaschen, die Sponsorensuche und den Reiseblog www.freeworldrider.com, der sich auch auf Facebook abonnieren lässt. Teil 3 handelt vom nötigen Fahrrad-Wissen für diese besondere Radtour, davon, was sie an Bremen vermissen werden, ihrer Gefühlswelt vor der Weltreise, Last-Minute-Mädchen-Bekanntschaften sowie Vorbilder und dem aktuellen Reise-Doku-Trend.

Etwa zwei Wochen nach ihrer Abreise erreichten wir die Freeworldrider zu einem ersten Update. Nach etliche Stationen innerhalb des Landes, sitzen beide zu dem Zeitpunkt in der Nähe von Rastatt in Süddeutschland.

Artan und Max bei ihrer Abreise im Bremer Viertel.

Artan berichtet: „Der Sonnenuntergang ist rot, der Himmel brennt. Wir haben eine gute Zeit und schon viele nette Leute getroffen. Der Abschied in Bremer Viertel war schön. Es war eine Gruppe aus Freunden, Familie, Unterstützern und Interessenten da. Auch einer, der selbst mal eine drei- oder vierjährige Radtour gemacht hat. Er hat ein paar nette Worte gesagt, andere hatten ein Plakat dabei. Dann wurde es emotional, es wurde auch geheult. Ein paar Leute sind noch ein Stück mitgefahren, als wir uns auf den Weg gemacht haben.“

nordbuzz: Moin Jungs, stellt Euch doch erstmal kurz vor. Wer sind die beiden Freeworldrider?

Max: Ich bin Max Magura, 28 Jahre alt, gebürtiger Bremer und habe hier auch meine Ausbildung zum Brauer und Mälzer gemacht. Ich war immer schon an der Natur interessiert und von ihr begeistert.

Artan: Ich bin Artan Krasniqi, 28 Jahre alt, komme gebürtig aus dem Kosovo, bin mit drei Jahren nach Langeoog gezogen und über Wilhelmshaven irgendwann nach Bremen, das ich durch die Leute hier lieben gelernt habe. Weil es eine bunte Stadt ist und kulturell so vielfältig. Da konnte ich mich selbst so ein bisschen finden, was auf einer Insel echt schwierig ist. Ich habe hier auch mein Studium der angewandten Freizeitwissenschaft beendet.

„Etwas Extremeres als das, was man kennt“ 

nordbuzz: Woher kam die Idee zu Eurer Tour?

Max: Vor zwei Jahren habe ich eine längere Tour Richtung Norden gemacht. Dabei bin ich von Bremen aus nach Dänemark gelaufen, dort aufs Rad umgestiegen, mit der Fähre nach Schweden und dann entlang der norwegischen Küste zum Nordkap geradelt. Von da aus 800 Kilometer nach Nord-Finnland – wo der Weihnachtsmann herkommt – und dann mit dem Kajak bis nach Bremen zum Café Sand zurück gepaddelt. In sieben Monaten. Und jetzt ist mir der Gedanke gekommen, nochmal in die Welt hinaus zu starten, um mir das ganze Ausmaß der Natur anzuschauen.

Artan und Max beim Zeltaufbau.

Artan: Während der Bachelor-Arbeit fingen die Gedanken mit Max an, dass wir eine große Reise machen wollen. Etwas Extremeres als das, was man kennt. Wir haben dann zügig angefangen zu planen, wollten eigentlich mit dem Segelboot fahren, aber das wurde zu teuer. Wir brauchten also etwas günstigeres und haben das Fahrrad gewählt. Seit einem halben Jahr haben wir uns dran gesetzt, den Blog aufgesetzt, sehr intensiv versucht Sponsoren zu finden. Was schwer ist, einfach weil die großen Unternehmen so viele Anfragen bekommen, dass die schnell sagen: „Nein, is‘ nicht.“ Aber wir sind dran geblieben, haben Glück gehabt mit ein paar Leuten. Aus einem Sponsoring muss sozusagen auch eine kleine Freundschaft werden, das ist ein Geben und Nehmen.

„Leute begeistern, Kulturen verbinden, Freundschaften schließen“ 

nordbuzz: Woher kommt denn der Drang und die Motivation, so etwas auf die Beine zu stellen? Was steckt dahinter?

Artan: Also mein Anliegen war es, im Leben, gerade wo ich noch so frei und ungebunden bin, kein Haus besitze, keine Kinder habe, eine extreme Reise zu machen und davon auch das ganze Leben zu zehren. Mich im Alltag gerne daran zurück zu erinnern und zu sagen: „Ey, du hast viel Schlimmeres mitgemacht als du unterwegs warst.“ Und wirklich in der Natur zu sein, aus der Stadt raus zu kommen, andere Kulturen kennen zu lernen. Da stecken ja ganz viele Sachen dahinter. Vielleicht auch durch Begegnungen Leute zu begeistern, Kulturen zu verbinden, Freundschaften zu schließen. Vor allem geht es aber auch um dieses Nachhaltigkeits-Ding. Aus eigenem Antrieb und aus eigener Kraft zu reisen. Das Auto hinter sich zu lassen und weltweit auch ein bisschen auf Umweltprobleme hin zu weisen. Das ist auch eins unserer Ziele. Und einfach frei zu sein. Wenn es einem heute da nicht gefällt, morgen woanders hin zu fahren. Einfach diese Möglichkeit zu haben. Das sehen wir auch als großes Privileg, das überhaupt machen zu können. Viele Menschen können das nicht, die haben nicht die Mittel. Wenn die nicht zu uns kommen können, dann kommen wir zu denen und können vielleicht auch einen Austausch dadurch kreieren. Wir freuen uns total, dass wir das machen können.

Innerhalb weniger Minuten steht die Behausung, in der Max und Artan auf der Reise immer wieder Unterschlupf finden.

nordbuzz: Da sind wir schon beim Stichwort: Finanzierung. Wie läuft das denn?

Artan: Wir haben hart dafür gearbeitet.

Max: Ich habe bis vor Kurzem für 16 Monate bei einem Mercedes-Zulieferer gearbeitet und teilweise in sehr mühseligen Dauernachtschichten Sitze gebaut. Das war ein krasser Kontrast zu dem, was ich vorher so erlebt habe. Das war hart. Da muss echt die Politik zusehen, dass sich so etwas nicht vermehrt. Die andere Seite ist, dass man echt gute Nacht-Zuschläge bekommt. Mein Startkapital beträgt dadurch nun ungefähr 18.000 Euro. Aber man muss dazu sagen, dass ich auch alles verkauft habe, was ich mir vorher an Besitz angeschafft hatte. Ich glaube das schmerzhafteste darunter war mein Ducati-Motorrad. Wenn ich wieder komme, habe ich den Besitz von einem Kleiderschrank und einem Bett. Die Reise ist gerade mein Lebensinhalt, da gebe ich alles für.

Artan: Ich habe schon vorher gespart und hatte schon mein Budget zusammen. Habe aber auch meinen T3 VW-Bulli und generell viel materielles Hab und Gut dafür verkauft. Außerdem sehr einfach gelebt, mich bis aufs Minimum runter reduziert, mein Bett aus Bierkisten gebaut und so weiter. Ich habe fast nur noch persönliche Sachen, wenig Möbelstücke, sodass ich ein WG-Zimmer einrichten könnte. Das ist total angenehm. Man fühlt sich frei statt an so vielen Sachen zu hängen, von denen man denkt sie zu brauchen. Würde man seinen ganzen Kram hinlegen und überlegen, was man eigentlich täglich benutzt und braucht, dann würde man vielleicht auf zehn Prozent kommen. Während der Spar-Zeit hatte ich eigentlich kaum Ausgaben. Ich habe gut gelebt, ich habe gegessen und mich mit Freunden getroffen. Aber keine größere Reise unternommen oder so. Gearbeitet habe ich auf dem Theaterschiff, nebenher den Blog aufgebaut und die Planung in Angriff genommen.

Artan und Max reisen mit zwei identischen Zelten, um Platz fürs Gepäck und den eigenen Freiraum zu haben.

„Uns war es wichtig, den Trip so sicher wie möglich zu planen“ 

nordbuzz: Schon wieder ein gutes Stichwort: Planung. Wie geht man so ein Projekt konkret an?

Max: Einigermaßen naiv. Wir haben uns ganz objektiv die Welt angeschaut und uns mit der Route beschäftigt, haben überlegt, wo wäre es cool lang zu fahren? Natürlich in die Überlegungen auch Kriegsgebiete und politisch instabile Gegenden einbezogen. Es ist jetzt nicht unbedingt ratsam nach Syrien zu reisen. Wäre aber auch super interessant, weil Damaskus zum Beispiel eine der am durchgängigsten bewohnten Städte der Welt ist. Auch Pakistan wäre interessant gewesen. Kann man auch machen, es gibt Reisende, die sich da hin trauen. Aber das ist als Europäer super gefährlich. Uns war es wichtig, den Trip so sicher wie möglich zu planen. Es gibt natürlich immer mal wieder Krisengebiete oder Regionen, wo es gefährlich ist. Auch im Norden Thailands oder im goldenen Dreieck (Grenzgebiet der Staaten Laos, Thailand und Myanmar, Anm. d. Red.), da gibt es Drogen-Kartelle und für Ausländer und Touristen manchmal große Gefahren. Aber, wenn man sich rechtzeitig informiert und weiß, wie die Regionen einzuschätzen sind, dann kann man das eigentlich ganz gut umfahren. Und dann war es für uns wichtig, dass man irgendwie um die Welt herum kommt. Aber auch die Länder mit einzubauen, auf die wir richtig Bock haben. Wir waren beide noch nie in Indien und bei der indischen Kultur. Das Gleiche gilt für Südost-Asien. Wir haben auf unserem Blog miteinander ausgemacht, dass wir das alles abdecken.

nordbuzz: Wie kamt Ihr überhaupt auf den Namen und was hat er zu bedeuten?

Max: Wir hatten erst eine etwas kuriose Domain, weil für uns das Thema einer eigene Website ziemlich neu war. Als wir uns überlegten, wie wir das Ganze eigentlich nennen, kamen wir auf die Idee: „boneshaker.com“. Vor dem Hintergrund, dass das allererste Fahrrad umgangssprachlich so genannt wurde – ein Stahlrad mit Holzreifen.

Artan: Weil es einen halt so durchgerüttelt hat.

Max: Dann haben wir einem kanadischen Kumpel von dem Namen erzählt. Er war einfach nur fassungslos und amüsiert wegen der Doppeldeutigkeit von „boneshaker.com“. Daraufhin haben wir das dann nochmal überdacht und sind zu Freeworldrider gekommen. Es ist wirklich schwer, weil viele Domains einfach gekauft und wieder verkauft werden.

Artan: Wir hatten echt Glück, weil Freeworldrider auch bei Facebook noch frei war.

Auf der Weltreise werden es die Freeworldrider auch immer wieder mit extremem Wetter zu tun bekommen. Anders, als an diesem sonnigen Tag am Bremer Werdersee.

„Freeworlrider symbolisiert die freie Welt, die wir uns wünschen“ 

Max: Genau und Freeworlrider symbolisiert die freie Welt, die wir uns wünschen. Dass jeder die Möglichkeit hat, das zu machen, worauf er Bock hat, ohne dem anderen dabei auf den Schlips zu treten. Und das Rider selbst, klar, dass wir halt fahren. Wir hoffen, dass die Message viele aufnehmen und, dass es viele begeistern wird. Wir alle sind gleich, es gibt keine Unterschiede. Mich ärgert es immer, dass so viel Potenzial unterdrückt wird. Es gibt sicher viele Genies, die von Kindesalter an in Bergwerken oder Nähereien arbeiten müssen. Die nicht mal ansatzweise die Chance bekommen, sich zu entfalten. Überhaupt nicht an so etwas denken können, was wir jetzt gerade vor haben. Was im Verhältnis nicht einmal so kostenintensiv ist, wie die Anschaffung eines Neuwagens.

nordbuzz: Was nehmt Ihr sonst noch an Message mit auf die Reise?

Artan: Die Message ist auch, weniger materialistisch zu sein. Nicht zu sehr darauf zu gucken, was andere haben, sondern mit dem zufrieden zu sein, was man ist. Aber das ist ja auch eine Entwicklung, das kann man den Leuten ja nicht einfach so sagen. Das muss man irgendwie spüren, diesen zu krassen Kapitalismus, diesen Konsum einzuschränken. Mehr auf seine Umwelt zu achten. Auch den einzelnen Menschen wieder mehr in den Vordergrund zu stellen. Ich finde industrialisierte Riesen-Unternehmen, wo der Mensch zu Maschine wird, sind ein Problem. Das einfache Leben, der Mensch, die Natur, Spaß an den kleinen Dingen, nicht zu materialistisch sein, mit wenig zufrieden zu sein. Vielleicht mal ausmisten, anderen Leuten zu helfen, Sachen die man nicht braucht, nicht weg zu scheißen, sondern zu spenden. Also diese einfachen Sachen in den Vordergrund zu rücken. Ich weiß nicht, ob das unsere Reise wirklich umsetzen kann. Aber vielleicht werden die Leute hier und da, durch kleine Eindrücke denken: „Ey, warum mache ich das nicht einfach so?“ Die Leute auf neue Ideen bringen, das wäre cool.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare