Ausstellung „Vierteljahre“

„Herrscher der Nacht“ im Porträt: Bilder aus und in Viertel-Kneipen

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Fotograf Nico Hinrichs vor seinem Chris-Barfly-Porträt im Lagerhaus.

Anziehungskraft und Charme des Bremer Viertels, sie gehen zu einem guten Teil vom Nachtleben aus. Verantwortlich dafür sind vorwiegend seine Protagonisten. Viertel-Originale, hinterm Tresen oder vor der Tür von Kneipen, Bars und Clubs um das Wohl der Nachtschwärmer bemüht. Jeder, der zumindest gelegentlich von Theke zu Theke zieht, erkennt die 16 Gesichter wieder, die derzeit in Litfass, Lagerhaus und Kunstbar auf Acrylglas zu sehen sind. Noch bis zum 31. Oktober läuft die Ausstellung „Vierteljahre“.

Die Aufnahmen stammen von Nico Hinrichs. Der 34-jährige Bremer hat es sich zur Aufgabe gemacht, Barkeeper und Türsteher zu porträtieren. „Oft geht ihre Arbeit unter“, sagt Nico. „Sie sind nicht immer gut bezahlt, aber immer vor Ort und bemüht. Das wird von vielen nicht so wahrgenommen. Gerade von denen, die nur kurz zum feiern kommen.“ Die Idee kam dem Fotografen vor zwei Jahren, als er als gut gelaunter Gast im Viertel unterwegs war, wo er selbst nie wohnte. „Eigentlich müsste man mal die Kneipen und die Menschen, die darin arbeiten, fotografieren“, sagte er damals zu einem Kumpel. „Da sind echt coole Leute dabei.“

Gesagt, getan. Seine eigene Vorgabe: Aufnahmen mit 50-Milimeter-Festbrennweite, später auch mit Weitwinkel-Objektiv, als Beleuchtung nur die vorhandenen Lichtquellen und eine kreativ eingesetztes Ringlicht. Jedes Bild sollte anders sein und nicht nur die Protagonisten vor dem Laden stehend abbilden. Los ging es mit Johanna vom Rum Bumpers im Bermudadreieck. Als nächstes bot sich Felix vom Heartbreak Hotel schräg gegenüber an. 

„Der Start war witzig und nett, aber dann wurde es teilweise schwierig“ 

Nachdem der Stein ins Rollen gebracht war, sprach sich das Projekt herum. Allerdings nicht weit genug. „Der Start war witzig und nett, aber dann wurde es teilweise schwierig“, erinnert sich Nico. Bei vielen Kandidaten herrschte zunächst Skepsis. Schräge Blicke waren nicht selten. Eine spannende Situation für den selbstständigen Berufsfotografen („Rockstein Fotografie“). „Sonst kommen die Leute zu mir, um fotografiert zu werden, diesmal musste ich sie mir selber suchen und hinterhergehen.“

Frank Eric, Barkeeper im Eisen.

Vor zehn, zwölf Jahren machte der Fachabiturient der Bremer Wilhelm Wagenfeld Schule seine Ausbildung zum Fotografen in Findorff, wo er aufwuchs. Zuvor hatte er eine Lehre im visuellen Marketing zugunsten der Fotografie aufgegeben. Im Alltag beschäftigt er sich mit Passbildern oder Porträts. Mit allem, wofür die Menschen Geld bezahlen. Früher war er auf roten Teppichen unterwegs, fotografierte schon mal Sky Dumont oder knipste im Umfeld von „Germanys Next Topmodel“. Doch wenn man beruflich fotografiert, wiederholt sich viel. Wie gerufen kam da die Idee, Viertel-Persönlichkeiten bei Nacht einzufangen. Düsterkeit und Schroffheit als Kontrast.

Leute, die das Nachtleben leben, die davon und dafür leben 

Nico wollte die „Herrscher der Nacht“ in den Vordergrund rücken. Leute zeigen, die hinterm Tresen oder vor der Tür stehen. Leute, die das Nachtleben leben. Die davon und dafür leben. Klar, die gibt es nicht nur im Viertel. Aber hier scheint die Szene besonders ausgeprägt und alteingesessen. Allein schon wegen der hohen Kneipendichte. Im Laufe der zwei Jahre wurde er auf der Suche nach Kandidaten schließlich 16 Mal fündig. Das älteste Bild ist zwei Jahre alt, das jüngste erst ein paar Wochen. Die Shootings dauerten meist eine halbe bis ganze Stunde, je nach Lust und Laune der Modelle. Posen war erlaubt, aber kein Muss. „Seid, wie ihr seid“ war die Vorgabe, denn ehrliche Bilder sind Nicos Ansicht nach am schönsten. Nur möglichst leer sollten die Läden sein. „Das ging nicht überall“, sagt der Fotograf. „Im Haltepunkt war zum Beispiel immer Kundschaft.“

Nick, Türsteher der Lila Eule.

Der 34-Jährige wollte die Persönlichkeiten in ihrem Arbeitsumfeld abbilden und auch dort ausstellen. Die Bilder sollten hängen, wo sie spielen. Kneipen zur Galerie machen. Die Wahl fiel auf Litfass, Lagerhaus und Kunstbar. Zentrale Orte mit genug Platz und Publikum. Er hätte gerne noch mehr Bilder gemacht. Zum Beispiel im Wohnzimmer, wegen der Location. Auch das Hegarty‘s wäre fast dabei gewesen. Am Ende musste er sich jedoch auch nach der Ausstellungsfläche richten. Allerdings hängen die Porträtierten nie in ihren „eigenen“ Läden. Frank Eric aus dem Eisen hängt beispielsweise in der Kunstbar, zusammen mit Eddie – als einziger außerhalb des Viertels fotografiert, nämlich in der Lightplanke. Nortbert vom Litfass ist im Lagerhaus zu sehen, genauso wie Elvira vom Haltepunkt oder Pedy aus dem Haifischbecken. Sieben Aufnahmen sind es dort, vier im Litfass, fünf in der Kunstbar.

Exklusive Führung am Freitag, 13 Oktober 

Vorläufig bis zum 31. Oktober ist „Vierteljahre“ geplant. Verkäufe der Porträts hingegen nicht, auch wenn es schon Anfragen gab. Darum ging es Nico diesmal nicht, der ansonsten von seinen Bildern lebt. Alle Protagonisten haben ihre Bilder bekommen, aber keine Gage, denn „Vierteljahre“ ist ein freies Kunstprojekt. Darum hat Nico auch fast alles selbst finanziert. Ob er sich soetwas beispielsweise auch in der Neustadt vorstellen kann? Warum nicht, sagt er.

Am Freitag, 13. Oktober, gibt es eine exklusive Tour, bei der Nico Hinrichs durch die drei Ausstellungskneipen führt. Die Stationen: 19 Uhr Lagerhaus, 20 Uhr Kunstbar, Ausklang im Litfass.

  • Lagerhaus: Norbert (Litfass), Elvira (Haltepunkt), Pedy (Haifischbecken), Chris Barfly (Bistro Brazil), Eric (Schänke), Carsten (Weserterrassen), Martin (Kunstbar)
  • Litfass: Janina (Rum Bumpers), Felix (Heartbreak Hotel), Kike (Lagerhaus), Nick (Lila Eule)
  • Kunstbar: Frank Eric (Eisen), Larissa (Malenchen), Olli (Calavera), Eddi (Lightplanke/Römer), Gunnar (Capribar)

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