Lemwerder-Bremen-Kooperation

Farbflut Urban Arts Festival mit Graffiti & Co.: 1.000-Meter-Wand wird zur Weser-Side-Gallery

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„Man kommt an der Weser in Lemwerder an und denkt: Alter, was für eine Wand! Das lässt sich auf einem Bild gar nicht wiedergeben“, sagt Farbflut-Festival-Initiator Thorsten Brockmann.

Das wird groß! Beim Farbflut Urban Arts Festival vom 15. bis 17. Juni gestalten über 200 Street-Art-Künstler die Weser-Side-Gallery – damit entsteht in Lemwerder bei Bremen-Nord die längste Freiluft-Galerie Deutschlands. Ein soziokulturelles Happening voller Kunst und Kulinarik, Musik und Miteinander. Direkt am Fluss und bei freiem Eintritt. Wir haben mit dem Initiator über Entstehung, Programm und die Graffiti-Szene gesprochen.

Um die Geschichte des Farbflut Urban Arts Festival mit Szene-Größen und Newcomern der Street-Art- und Graffiti-Szene von Anfang an zu erzählen, muss man drei Jahre zurück schauen. „Ich schipperte frisch mit Bootsführerschein ausgestattet die Weser runter, da fiel mir als alter Sprüher diese Wand am Airbus-Gelände auf“, erinnert sich Thorsten Brockmann an den Anblick der 1.000 mal drei Meter Kolosses in Lemwerder. Der 39-Jährige Grafikdesigner ist mit der Materie bekannt, lebte lange in Berlin-Kreuzberg und im Bremer Viertel. „Ich dachte: Was für eine geile Wand, dort legal sprühen zu dürfen wäre der Hammer!“, fährt er fort und sinniert über das trostlose Bauwerk: „Sie zeigt zum Wasser, stört niemanden, in ihrem Rücken werden Windkrafträder von einem chinesischen Milliardär produziert.“

„Wie wäre es, wenn wir die Mauer zur längsten Kunstgalerie machen?“ 

Farbflut-Initiator Thorsten Brockmann

Die Firma hat sicher kein Interesse an einer künstlerischen Nutzung, dachte er sich und wandte sich an Bürgermeisterin Regina Neuke: „Hallo, ich bin Grafikdesigner und Kunst-Interessierter. Wie wäre es, wenn wir die Mauer in einem Event zur längsten zusammenhängenden Kunstgalerie machen?“ Neuke fand die Idee spannend und teilte mit, es handele sich um Hochwasserschutz, der mitnichten zum Firmengelände gehöre. Zufällig habe sie in diesem Zusammenhang auch etwas zu sagen. Was folgte, war eine Vernetzung mit dem örtlichen Jugendhaus und seiner Graffiti-Gruppe sowie der Begegnungsstätte Lemwerder – kurz Begu – rund um Dieter Seidel. Seineszeichens mit Knowhow als Veranstalter des bekannten Drachenfestes ausgestattet. 

Line-Up mit 200 Artists aus völlig verschiedenen Richtungen 

Es kam zu einem Treffen und die Sache ins Rollen. Förderanträge wurden geschrieben, um Materialien und Verpflegung für die Künstler stellen zu können. Die Idee Stars der Szene als Zugpferde anzufragen, wurde verworfen. „Aus Kosten- und Konzeptgründen ist es spannender die Region einzubeziehen“, sagt der Initiator. Schließlich startete eine dreimonatige Ausschreibung. Jeder konnte sich bewerben, ohne Augenmerk auf Renommee oder Bekanntheitsgrad. Genauso, wie beim Festival alle Besucher aufgerufen sind, sich einzubringen und den Entstehungsprozess der Werke vor Ort zu begleiten. Am Ende stand das Line-Up mit 200 Artists aus völlig verschiedenen Richtungen.

„Keiner sollte die klassische Hüpfburg erwarten“ 

„Die Protagonisten können zelten und unterschiedlich große Mauer-Abschnitte bekommen“, erklärt Brockmann. „Eine Gruppe kommt beispielsweise mit zehn Sprühern. Klar, dass die mehr Platz brauchen.“ Auf der Wiese am Aussichtsturm unweit der Mauer wird es ein Rahmenprogramm geben, das es in sich hat. Neben Kinder-Aktivitäten, Airbrush-Tattoos, Siebdruck und Action-Painting, gibt es Konzerte, DJs und leckeres Essen. „Keiner sollte die klassische Hüpfburg erwarten, das wird ein bisschen alternativer“, so der 39-Jährige. Abseits der herkömmlichen Bratwurst wird auch Ausgefallenes, Veganes und Streetfood sowie Deichbier der Union Brauerei aufgetischt. Gleichzeitig legen die Veranstalter Wert auf einen bewussten und respektvollen Umgang aller Teilnehmer untereinander und mit der Umwelt. „Nachhaltigkeit ist uns als Thema ganz wichtig“, sagt der Initiator. „Das Festival soll nichts hinterlassen, was Schaden verursacht. Es soll nicht so laufen, wie anderswo, wo Müll egal ist.“

 

Alexander von Rothkirch, Grillmaster Flash, Brennholzverleih und mehr 

„Die Zusammenarbeit mit den Beteiligten vor Ort läuft sehr harmonisch ab, wenn nötig werden gute Kompromisse gefunden“, meint Brockmann. Der Förder-Bescheid kam schließlich an Weihnachten. Förderer sind u.a. das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die LAGS-Soziokulturstiftung und die Spedition Bremen. Ab da herrschte Zeitdruck. Drei, vier Monate blieben dem Team das Farbflut-Festival final aus der Taufe zu heben. In der Zwischenzeit konnte Kerstin Kimmerle als Kuratorin gewonnen werden. Die freie Kulturschaffende hat Erfahrung mit der Organisation von Veranstaltungen, beispielsweise in Zusammenarbeit mit der Spedition im Güterbahnhof. Das musikalische Aufgebot wächst seitdem stetig. Bisher an Bord: Akustischer Rock‘n‘Roll von Alexander von Rothkirch aus Hamburg, Singer-Songwriter-Rock von Grillmaster Flash aus Bremen-Nord, Lyrisches von Suzannah Karenina, Reggae made in Bremen von Brennholzverleih und Hip Hop von Microphone Mafia Rapper Mutlu aus Köln. An den Plattentellern finden sich die Spinbros und DJ Lekko ein.

„Eigens angefertigte Farbflut-Konzepte, teils humorvoll, teils politisch“ 

Street Art, Graffiti, Kalligrafie, Malerei – das bunte Line-Up kommt aus allen Ecken von nah und fern. Künstler aus Leipzig, Hamburg, Berlin, Oldenburg, Köln, Dortmund, Hannover und natürlich Lemwerder. Aber auch Holland, Frankreich, Kolumbien oder Neuseeland sind an der Wand dabei – ebenso wie der lokale Stedinger Shanti Chor. Aus Bogota reist das Kollektiv Toxicómano Callejero an, aus Paris Chercheur De Phrases, aus Bremen kommen Künstler wie Thoe, Marok, Skion, Dee One oder Kaber One von den Funkjunx. „Viele der Artists haben eigens angefertigte Farbflut-Konzepte im Gepäck, teils humorvoll, teils politisch“, so Brockmann. Er freut sich außerdem die Battlebox auf dem Farbflut-Festival begrüßen zu dürfen, betrieben von einem Urgestein der Bremer Graffiti-Szene. Vier Künstler treten dabei vor Publikum im kreativen, zehnminütigen Wettkampf an. Im Sinne der alten Schule vom DJ musikalisch angefeuert, während der MC mit dem Publikum kommuniziert, das das Thema vorgibt und den Sieger kürt.

„Heute macht jeder ganz selbstbewusst sein Ding“ 

Als Aktiver Grafitti-Sprüher ist er raus, hat aber immer noch ein Auge auf die Szene. „Ich bin begeistert von dem, was jüngere machen“, sagt er. „Das ist nicht mehr so festgefahren, offener, von Regeln gelöst.“ Im Vergleich zu seiner Zeit sei heute alles erlaubt, angestoßen von Street Artists, die mit Schablonen und geklebter Kunst neue Wege gingen. „Schön, dass sich das heute vermischt, dass man das nicht mehr trennen muss“, sagt der 39-Jährige. „Heute macht jeder ganz selbstbewusst sein Ding“, beschreibt er die etablierte Toleranz und Offenheit. So auch zu erleben beim Farbflut Urban Arts Festival.

Aktuelle Infos unter www.farbflut.info und hier.

Farbflut Urban Arts Festival, Flughafenstraße 9, 27809 Lemwerder (beim Aussichtsturm) 

  • Freitag, 15. Juni: 17 bis 0 Uhr 
  • Samstag, 16. Juni: 13 bis 0 Uhr 
  • Sonntag, 17. Juni: 11 bis 17 Uhr

Die Wand ist jederzeit „geöffnet“, Eintritt ist frei

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