Dreizehn Grad Festival: Drei Tage Utopie in verlassener Wollkämmerei

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In der Fliegerhalle fanden beim Dreizehn Grad Festival tagsüber Lesungen und Kunst statt, nachts wurde das Fabrikgemäuer zum Techno-Club.

Das erste Dreizehn Grad Festival in und um die morbiden Fabrikhallen der früheren Wollkämmerei in Blumenthal ist passé – drei Tage Kultur und kritische Utopie in einzigartiger Location, um die Bremen beneidet werden dürfte. Eine gelungene Premiere, nicht ohne Anlaufschwierigkeiten.

Dreizehn Grad Festival: Mix aus Musik, Theater, Kino, Techno-Club und mehr 

Mit dem Dreizehn Grad Festival ging auf dem Fabrikgelände der ehemaligen Wollkämmerei eines der beeindruckendsten Festivals über die Bühne, das Bremen je gesehen haben dürfte. Ohne allerdings, dass es allzu viele Bremer selbst gesehen hätten. 108 Programmpunkte mit über 250 Künstlern in einer anspruchsvollen Mischung aus Musik, Literatur, Theater, Kino, Ausstellungen, Installationen, Diskussionen, Workshops sowie nächtlichem Tanzvergnügen. Rings herum eine Kulisse aus Lost Places, morbiden Großstadtruinen, verfallenen Backsteinbauten, Türmen mit zersplitterten Fenstern und von Pflanzen bewachsenen Hallen. Nachts illuminiert und mit verwunschenen Animationen angestrahlt. Um dieses Festivalgelände dürfte Bremen jede Stadt beneiden, die kulturell auch nur ansatzweise etwas auf sich hält. Und das alles ohne Ablenkung durch Großsponsoren, Werbung und Promotion, wie heutzutage gängig.

Dreizehn Grad Festival in Bremen: Fotos vom zentralen Platz

Dreizehn Grad Festival von Haikultur e.V., Zucker, Anderswo, ZwischenZeitZentrale und anderen

Die Veranstalter, eine Truppe junger Menschen rund um den eigens gegründeten Verein Haikultur, in Kooperation mit alten Bekannten, wie den Kollektiven Zucker und Anderswo oder der ZwischenZeitZentrale, hatten reichlich Herzblut und Liebe, Mühe und Aufwand investiert – stets mit gewissem konsum- und gesellschaftskritischen Ansatz. Mehr als 1.000 zahlende Besucher sowie um die 200 Helfer und ehrenamtliche Mitwirkende bevölkerten das Gelände drei Tage lang. Kein so schlechter Wert für eine Premiere, dennoch deutlich hinter der möglichen Kapazität von bis zu 5.000 Menschen. Das weitläufige Gelände mit den hohen Bauten, in dem sich das Publikum leicht verliert, verstärkt diesen Eindruck.

Täglich mehr Besucher beim Dreizehn Grad Festival in der Wollkämmerei

Doch immer, wenn man den Organisatoren über den Weg läuft, wirken sie entspannt, geradezu beseelt. Ohne allerdings einen Hehl aus einer gewissen Enttäuschung über die überschaubaren Besucherzahlen zu machen. Im Laufe des Wochenendes werden es jedoch täglich mehr Neugierige, die den Weg nach Blumenthal finden. Hippies und Hipster, Anwohner und Alternative, Alte und Junge flanieren auf Entdeckungsreise durch die Fabrikschluchten, entlang ausgewählter Essensstände und Workshop-Jurten. Familiär geht es hier zu. Nach zwei, drei Runden hat man das Gefühl, die Hälfte der Besucher und Mitwirkenden zu kennen und kommt wie selbstverständlich ins Gespräch.

Dreizehn Grad Festival in Bremen: Fotos vom Freigelände

Dreizehn Grad Festival: Wie Burning Man, Fusion, Dockville oder Melt 

Nur wenige Minuten dauert es von der Kino- und Theater-Halle, vorbei an der Live-Bühne und verschiedenen Bars, umweltfreundlichen Komposttoiletten und Ecken für Zirkusexperimente, Ausstellungen und Outdoor-Tanzflächen, bis zur sogenannten Fliegerhalle am anderen Ende. Hier gibt es Vorträge, Kunstinstallationen und nachts einen Techno-Club. Trotz der Kompaktheit hat das Dreizehn Grad proportional etwas vom Burning Man Festival, wenn Menschen sich mit dem Fahrrad über die zentrale, sandige Fläche fortbewegen. Selbstgebaute Bars erinnern an die Fusion. Dass Industriekulissen und Festivalkultur zusammen passen haben schon Dockville und Melt bewiesen. Und auch in der ehemaligen Wollkämmerei in Bremen-Blumenthal funktioniert das bestens.

Kritischer Blick auf Politik und Gesellschaft beim Dreizehn Grad Festival

Während Besucher Lesungen lauschen oder barfuß im Sand vor der Bühne tanzen, sieht man im Hintergrund Leute beim Yoga oder im Selbstversuch mit Zirkuswerkzeug. Eine Live-Painting-Performance wird per Saxofon begleitet. Im Theater baden sie in einem improvisierten Pool. Workshops werden zum Beispiel vom bekannten „Peng!“-Kollektiv angeboten, frischgebackene Preisträger des Aachener Friedenspreises. Überall stehen zusammengezimmerte Telefonzellen, mit denen man auf gut Glück an anderen Orten auf dem Gelände anruft und sich mitunter unbekannterweise auf ein gemeinsames Bier verabredet. Dieses Happening lädt zum Mitmachen ein. Besucher sollen Teil des Dreizehn Grad Festivals werden. Es herrscht eine Wohlfühlatmosphäre, wenngleich stets irgendwo der Finger in irgendeine gesellschaftliche Wunde gelegt wird. Denn das Angebot will informieren, über die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation.

Dreizehn Grad Festival in Bremen: Fotos aus der Theater und Kino Halle

Organisatoren hoffen auf Dreizehn Grad Festival Fortsetzung

Insgesamt wurde das Programm sehr gut angenommen, resümieren die Veranstalter. Vor allem auch in der Theaterhalle, wo es mitunter ziemlich ernst zung: „Drei von vier Vorstellungen waren bis auf den letzten Platz besetzt, das Publikum und die Künstler waren begeistert“, berichtet Kuratorin Katharina Wisotzki. „Insgesamt sind wir sehr glücklich mit der ersten Ausgabe des Dreizehn Grad Festivals“, sagt Katrin Windheuser von der Festivalleitung. „Obwohl die Besucherzahlen hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben sind und sich das natürlich auch finanziell auswirkt, sind wir zufrieden und hoffen, dass sich herumspricht wie schön es war. Wir glauben, dass das Dreizehn Grad Festival 2018 eine gute Grundlage für die kommenden Jahre ist und hoffen, dass wir das Festival 2019 wieder auf dem Gelände durchführen können.”

Dreizehn Grad Festival als Alternative zur überlaufenen Breminale? 

Es wäre Bremen im Sinne dieses etwas anderen Ansatzes und dieses außergewöhnlichen Geländes zu wünschen. Der Ort ist wachgeküsst und aufgeweckt, er müsste in Zukunft bloß mit noch mehr Leben gefüllt werden. Das Wachstumspotenzial ist enorm. Wenn alle beteiligten mitspielen, die Veranstalter Durchhaltevermögen und langen Atem beweisen, dann könnte das Dreizehn Grad Festival zu etwas werden, das von vielen auf der teils überlaufenen Breminale am Osterdeich vermisst wird. Mit Kleinkunst, Entdeckungen abseits von Stars und Mainstream sowie Momenten der Besinnung. Ein etwas anderes Kulturfestival, mit Kreativität und nicht alltäglichen künstlerischen Ansätzen.

Dreizehn Grad Festival in Bremen: Fotos von der Crew Love Bühne

Eine andere kleine Utopie direkt an der Weser ist Die Komplette Palette, wir trafen Initiator „Flowin“ Immo Wischhusen zum Interview. 

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