Da hat was aufgemacht

Wein, Kumpir, Traum-WG: Das ist neu in Bremens Gastro-Szene

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Die Bremer Gastro- und Genuss-Szene ist stetig in Bewegung und bringt neue wie innovative Angebote hervor. Mit dem „Café Friedrich Nietzsche“ in der Neustadt, „Lucy‘s Kitchen“ in der Überseestadt, „Coban Kumpir“ im Viertel und der „Weinheimat“ in der Innenstadt sind kürzlich vier vielversprechende Läden hinzugekommen. Wir stellen sie und die Gesichter dazu vor.

Ein uriges Liebhaber-Café, eine gesunde Küche mit Mittagstisch und Catering, eine Kartoffelbäckerei, die Tradition und Kulturen kombiniert und eine Weinhandlung von und für junge Leute – alle haben sie in den vergangenen Tagen und Wochen in Bremen neueröffnet. Wir haben den Geschäften einen Besuch abgestattet und mit den Menschen hinter dem Tresen gesprochen.

„Café Friedrich Nietzsche“: Charlotte + Friedrich + Janine + Jule – Die temporäre Traum-WG in der Neustadt 

Julia und Janine sind mit Friedrich bei Charlotte eingezogen.

Im überaus aufstrebenden Stadtteil Neustadt gibt es eine neue WG. Friedrich ist bei Charlotte eingezogen, der Denker Friedrich Nietzsche bei der Schauspielerin Charlotte Gainsbourgh um genau zu sein. Die beiden 30-jährigen Baristi Janine de Laar und Julia Witt haben sich mit ihrem „Café Friedrich Nietzsche“ kurzer Hand für ein halbes Jahr in die gemütliche Weinbar „Charlotte Gainsbourgh“ in der Friedrich-Ebert-Straße einquartiert. Winter-Bleibe oder auch Pop-Up-Café nennen sie es. 

Die Wohngemeinschaft gilt deshalb erstmal für ein halbes Jahr, weil die beiden Kaffee-Expertinnen schnellstmöglich ihrer Leidenschaft nachgehen wollten, ihre Spezialitäten im Sommer jedoch wieder draußen und mobil anbieten möchten. „Das ist ganz spontan und zum ausprobieren entstanden“, erklärt Julia. „Friedrich und Charlotte sind quasi ineinander gelaufen.“ Eher zufällig seien die beiden mit den Jungs hinter der Weinbar ins Gespräch gekommen und hätten sich gefragt, ob sie nicht einziehen und tagsüber Leben in die Bude bringen könnten. 

Nun gibt es mittwochs bis samstags von 11 bis 19 Uhr hausgemachte Limonade, Kaffee und Kuchen. Selbstgebackener New York Cheesecake zum Beispiel, aber auch wechselnde Angebote. „Wir hatten schon am zweiten Tag Stammgäste“, sagt Julia und freut sich. Wen wundert‘s, die Mädels sind vom Fach und gehen mit viel Liebe für ihre Profession sowie fairen Preisen zu Werke.

Café Friedrich Nietzsche
Friedrich-Ebert-Straße 33, 28199 Bremen
Mittwoch bis Samstag: 11 bis 19 Uhr

„Lucy‘s Kitchen“: „Gesunde Küche ist die Zukunft“ 

Güngör und Mitarbeiterin Ploy in „Lucy‘s Kitchen“.

„Wir bieten eine generell gesunde Küche an, nicht nur veggie und vegan. Da wollen wir uns nicht einschränken lassen, eine nahrhafte Ernährung soll übergreifend im Fokus stehen.“ So beschreibt Konzeptentwickler Güngör Cerrah das, was „Lucy‘s Kitchen“ seit kurzem am Europahafen und als Catering anbietet. Lecker, energie- und abwechslungsreich, kreativ, bewusst. „In Hamburg und Berlin eröffnet momentan jeden Tag so ein Laden, wie dieser hier“, sagt der 42-Jährige. Kein Ernährungsbüro mit erhobenem Zeigefinger, aber ein Bistro, das Wert auf Werte legt. „Wir wollen dafür sorgen, dass sich die Leute gesund ernähren“, so Güngör weiter. Kohlehydratarm zum Beispiel oder mit Quinoa und Vollkornreis. „Es gibt so viel anderes, das satt macht, als die Standard-Varianten.“ 

Vor allem setzt „Lucy‘s Kitchen“ auf regionale, biologische und saisonale Zutaten. Das Fleisch kommt von einem Bauern aus der Umgebung, der erst auf Bestellung schlachtet, der Fisch stammt aus Wildfang ohne Massenabfertigung und wird unverfälscht serviert: „Wir wollen keinen Soßen-overload sondern pure Produktqualität.“ Als Hauptgericht gibt es zum Mittagstisch drei Sorten warme Bowls, die individuell mit Fisch und Fleisch kombinierbar sind, außerdem gibt es Suppen, Salate, Sandwiches und Smoothies. „Wir sind in der Überseestadt, um die Büro-Leute weg vom Pausenbrot zu holen und mit hochwertigem Frühstück zu versorgen, mit Couscous zum Beispiel oder Chia und Porridge.“ 

Auch eine Ernährungsberaterin ist bei „Lucy‘s Kitchen“ an Bord, außerdem werden im Laden Kochkurse angeboten: „Wir wollen Leuten unter die Arme greifen, die denken gesundes kochen wäre sehr viel Arbeit – das stimmt nicht.“ Vor einigen Jahren war der Überflieger-Trend noch veggie und vegan, nun heißt das Stichwort healthy. „Gesunde Küche wird in Zukunft einen Stellenwert haben, wie heute die italienische“, da ist sich Güngör sicher. Darum ist es auch gut denkbar, dass irgendwann weitere Ableger von „Lucy‘s Kitchen“ hinzukommen, in der Innenstadt etwa.

„Lucy‘s Kitchen“
Konsul-Smidt-Str. 8u, 28217 Bremen
Montag bis Freitag: 10 bis 16 Uhr

„Çoban Kumpir“: Regionale Kartoffeln mit multikulturellem Inhalt 

Selcan Uzuner in seiner „grünen Ecke im Viertel“.

Schon als Neunjähriger hatte Selcan Uzuner die Idee eine Kartoffelbäckerei zu aufzumachen, 25 Jahre später eröffnet der inzwischen 34-Jährige mit „Çoban Kumpir“ im Viertel sein zweites Geschäft. Als Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters ging es in der Kindheit jeden Sommer nach Istanbul. Dort war Selcan schnell der traditionellen Mahlzeit Kumpir – zu deutsch Kartoffel – verfallen, zu Hause in Bremen vermisste er die spezielle Zubereitung. Ersteinmal begann er ein Bauingenieurwesen-Studium, widmete sich dann aber doch der Kartoffel. Vor zehn Jahren hatte er bereits ein Geschäft im Viertel angemietet, die heutige Kunstbar am Sielwall. Letztlich baute er die Kartoffelbäckerei als Quereinsteiger ohne Gastro-Erfahrung jedoch zunächst in Walle auf und gab ihr den Beinahmen Çoban – benannt nach den orientalischen Hirten, die ihre Kartoffeln traditionell über dem Lagerfeuer rösteten. Nun schafft er endlich den Sprung in Viertel. 

Kumpir, die leckere und gesunde Alternative zum Döner.

„Bei all dem, was heute so passiert, will ich zeigen, was sub- und multikulturell so geht“, sagt der Waller Junge. Damit meint er die Kombination verschiedener Kulturen und Küchen. Das Rezept-Konzept ist so einfach wie genial: deutsche 400-Gramm-Kartoffeln aus der Lüneburger Heide, halbiert und mit Zutaten aus aller Welt gefüllt – gleich ob Oliven, Spinat, Schafskäse oder Couscous. Als es vor einigen Jahren die Debatten um Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ gab, wollte Selcan zeigen, dass es besser geht und überlegte, was er beitragen könnte. Für das Bremer Grünkohl-Kind war das Ergebnis naheliegend: Die „Thilo-Sarrazin-Gedächtnis-Kartoffel“ – gefüllt mit Grühnkohl und Sucuk statt Pinkel. 

Es sind diese Synergie-Effekte, die Selcans Philosophie ausmachen. Zehn Varianten hat „Çoban Kumpir“ im Angebot. „Jeden Tag wird ab sieben Uhr alles frisch für den Tag vorbereitet“, sagt Selcan. „Das ist nicht einfach nur ein Slogan.“ Alle Soßen sind nach eigener Rezeptur hausgemacht, im Sortiment entdeckt man auch mal verrückte Ideen. „Das findet sich so nicht in der Hamburger Schanze“, sagt Selcan über einen der bisherigen Kumpir-Hotspots. „Im Viertel ticken die Uhren anders, aber das ist cool. Die Leute brauchen Alternativen zu Döner-Buden, Bäckereien und Pizzerien. Jetzt bekommen sie etwas ganz anderes, ohne Mikrowelle, Friteuse und Schnickschnack.“

Çoban Kumpir
Ostertorsteinweg 30a, 28203 Bremen
Montag bis Samstag: 12 bis 21 Uhr
Sonntag: 14 bis 21 Uhr

Weinheimat: „Wer keinen Wein mag, hat wohl bisher die falsche Sorte getrunken“ 

Katharina tauschte Online-Marketing gegen „Weinheimat“.

„Wir haben hier eine Reihe deutscher Nachwuchs-Winzer und Schnaps-Startups vereinigt, die es sonst nicht bis in den Nordwesten schaffen“, sagt Katharina Borgmann von Weinheimat im Citylab über ihren Laden. „Oft scheint bei Hamburg mit den Weinen Schluss zu sein.“ 25 Winzer, alle unter 35 und teilweise noch Studenten, zählt das Angebot momentan, darunter viel Riesling, der den deutschen Erzeugern besonders liegt, wie Katharina sagt. Es ist der Generationswechsel vor und hinter der Flasche. „Bremen scheint beim Wein eingefahren zu sein, die alten Liebhaber haben ihre Winzer und machen sich einmal im Jahr das Auto voll. Das macht unsereiner nicht mehr, dazu sind junge Leute viel zu neugierig“, so die Feststellung der 31-Jährigen. Darum entschied sie sich im vergangenen Jahr ihren Job im Online-Marketing aufzugeben und das Hobby zum Beruf zu machen – mit einer eigenen Weinhandlung. 

„Ich war schon immer fasziniert davon, was aus so einer Traube entstehen kann und wie unterschiedlich die Ergebnisse sind, je nachdem, wer sie in die Hände bekommt“, beschreibt Katharina ihre Leidenschaft. Vermittelt von der Zwischen Zeit Zentrale wurde sie schließlich mit entsprechenden Räumlichkeiten im Citylab fündig und unterschrieb einen Vertrage bis Ende 2017. Eine gute Möglichkeit das Konzept auszuprobieren. Bisher ist der Zuspruch ihrer jungen Zielgruppe groß. Häufig kämen Kunden herein und sagten: „Hallo, ich habe keine Ahnung, aber brauche eine leckere Flasche Wein.“ Dann findet die Weinhändlerin, die auch Seminare im Laden und als Hausbesuch anbietet, gemeinsam mit den Interessenten heraus, was sie mögen. Das gilt auch für die Spirituosen-Abteilung, die vor allem mit auswärtigen Bränden bestückt ist. Denn Bremer Schnäpse gibt es nebenan bei „Nur Manufaktur“, bloß den neuen Korn „Nork“will Katharina mit aufnehmen, wenn er wieder verfügbar ist.

Wein hat eine Heimat im Citylab gefunden.

Gerne schlendern die Kunden dann entspannt mit dem Weinglas durch das Angebot und probieren hier und da. „Die Qualität ist wahnsinnig hochwertig, oft, aber nicht immer, im Einklang mit ihren alteingesessenen Erzeuger-Familien. Die wenigsten unserer Generation haben diese Entwicklung mitbekommen und holen sich beispielsweise südafrikanischen Wein, wenn es mal was schickes sein soll“, so Katharina. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? „Wir haben zwei, drei Premium Weine, sonst liegen die meisten aber bei zehn, zwölf Euro. Man kann also in eine Weinhandlung gehen und ist anschließend nicht arm, außer man kauft extrem viel.“

Weinheimat
Hanseatenhof 3-9, 28195 Bremen (Citylab)
Montag bis Freitag: 11 bis 19 Uhr
Samstag: 11 bis 17.30 Uhr

Noch mehr junge Unternehmer aus Bremen und umzu gibt es in unserer Startup-Serie. Gesichter der Stadt haben wir hier und hier vorgestellt.

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