Schluss mit der weißen Sünde

Nie wieder? Vier Wochen ohne Zucker – Fazit eines Selbstversuchs

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Die WHO empfiehlt maximal acht Stück Würfelzucker pro Tag.

Ganze 28 Tage habe ich auf das süße Zeug verzichtet. Vier Wochen voller Back-Experimente, kulinarischer Entdeckungen und gut überlegter Speisepläne. Das war ganz schön anstrengend und gleichzeitig irgendwie sehr erholsam. Denn ich hätte nicht gedacht, dass ich mich ohne Zucker so viel besser fühlen würde. Trotzdem werde ich es wohl nie wieder durchziehen.  

Um eins vorweg zu nehmen: Ja, ich habe mir nach dem Selbstversuch erstmal einen Abend lang tütenweise Chips, Weingummi und Schokolade gegönnt, um mir diese Leckereien besinnlich auf der Zunge zergehen zu lassen. Was man eben so macht, nach vier zuckerfreien Wochen. Aber ich muss zugeben, dass es mir gar nicht mehr so gut geschmeckt hat. Ehrlich. Während ich vor dem Verzicht besonders einer Tüte Chips nur selten widerstehen konnte, reicht mir nun vielleicht eine Handvoll, wenn überhaupt. Und der Schlickerkram in Bärenform schmeckt irgendwie süßer, zu süß. Bin ich nach vier Wochen etwa abgehärtet? Jein.

Gertraud Huisinga berät Bremerinnen und Bremer bei der Verbraucherzentrale Bremen im Bereich Lebensmittel und Ernährung.

„Unser Belohnungssystem reagiert auf den süßen Geschmack. Je mehr Süßes wir gewohnt sind, desto mehr wollen wir auch“, erklärt mir Ernährungsexpertin Gertraud Huisinga von der Verbraucherzentrale Bremen. Kein Wunder also, dass mein Verlangen nach Zucker abgenommen hat. Meistens zumindest. Denn an bestimmten Tagen fiel es mir durchaus schwerer dem weißen Zeug aus dem Weg zu gehen. Davor hatte mich die Expertin bereits gewarnt: „Wir verbinden süße Speisen häufig mit bestimmten Situationen. Zum Beispiel das Stück Kuchen am Nachmittag oder der Keks zum Kaffee.“ Ohja, Kuchen. Ich liebe Kuchen. Und Torte. Mit Sahne. Für den sonntäglichen Kaffeegenuss musste also zwingend eine Alternative her. Denn ganz ohne geht’s einfach nicht. Zu meiner Überraschung schmeckte mir mein selbstgebackener Dattel-Kuchen aber ziemlich gut. Für ein paar Wochen ist das auch ganz okay, aber ersetzen kann die zuckerfreie Variante ein ordentliches Stück Torte nicht.

Die zuckerfreie Beilage zum Kaffee: Dattel-Kuchen.

Apropos ersetzen: Was ist denn eigentlich mit Xylit, Stevia, Agavensaft und Co.? In meinem Selbstversuch habe ich die Finger von diesen Süßmachern gelassen. Doch wären sie gute Alternativen für einen langfristigen Verzicht auf Zucker? Solche Zuckeraustauschstoffe täuschen nur etwas vor, was nicht da ist, meint Huisinga. Außerdem seien diese Lebensmittel mit Vorsicht zu genießen. So könne Xylit in größeren Mengen abführend wirken. „Natürlich tragen Honig, Agavensaft oder brauner Zucker zur Verfeinerung von Speisen bei“, erklärt sie mir, „aber genauso sorgen sie für einen schnellen Insulinanstieg und haben keinen ernährungsphysiologischen Nutzen.“ Die einzig wahre Alternative – Überraschung – Obst.

Fruchtjoghurt, Brot und Kakao stehen nun auf meiner roten Liste 

Zum Mittagessen gab's häufig Melone. 

Das kann ich nur bestätigen. Mein Verlangen nach süßem Geschmack wurde in den vier Wochen oft durch Obst gestillt. Ob eine Banane zwischendurch, Erdbeeren zum Nachtisch oder getrocknete Pfirsiche als abendlicher Snack – gefühlt musste ich zumindest nie wirklich auf die Geschmacksrichtung verzichten. Im Alltag konnte ich mit meinem neuen zuckerfreien Speiseplan gut leben. Allerdings nur, solange ich Zuhause geschnibbelt, gekocht, gebacken und gebrutzelt habe. Denn wer zum Beispiel im Restaurant nach zuckerfreien Gerichten fragt, wird schon seltsam beäugt. War zumindest bei mir so. Sprich: Mein Mittagessen habe ich stets vorgekocht und mit zur Arbeit geschleppt. Mal eben in der Stadt was essen gehen war nicht drin. 

Fazit: Allein um diese Freiheit genießen zu können, würde ich auf Dauer nicht gänzlich auf Zucker verzichten wollen. Denn im Alltag kostet dies viel Zeit und Flexibilität. Gerade beim Einkaufen muss jeder Inhaltsstoff studiert und gecheckt werden. Dennoch hat sich der Aufwand gelohnt. Ich fühlte mich gesund, fit und war (meistens) ziemlich gut gelaunt. Ein paar Pfunde sind gepurzelt und auch die befürchteten Heißhunger-Attacken sind auch ausgeblieben. Manche Lebensmittel werde ich trotzdem auch in Zukunft vermeiden: Fertigprodukte, Frucht- bzw. Sahnejoghurt aus dem Kühlregal, Kakao oder auch Brot vom Bäcker stehen mittlerweile auf meiner roten Liste. Bei Kuchen mache ich selbstverständlich eine Ausnahme. 

Mein ständiger Begleiter in den vier Wochen: selbstgebackenes Dinkel-Vollkorn-Brot.

Eine Frage bleibt: Wie viel Zucker ist denn nun in Ordnung? „Ein Erwachsener benötigt mindestens 180 Gramm Glucose am Tag“, sagt Huisinga. Denn unser Gehirn sei auf den Energielieferanten angewiesen. „Es ist vollkommen in Ordnung ab und zu etwas Süßes zu essen“, so die Ernährungsexpertin. Aber natürlich in Maßen. Die WHO empfiehlt zum Beispiel maximal zwölf Teelöffel freien Zucker am Tag. Noch besser wären nur bis zu sechs Teelöffel, also 25 Gramm. Wer sich das nicht so recht vorstellen kann: Dies entspricht etwa acht Stück Würfelzucker, einem Glas Limonade oder auch einer Schale Kellogg's. Klingt wenig, ist es auch.

Tipp: Wenn Ihr Euch für eine zuckerfreie und gesunde Ernährung interessiert, aber noch etwas Hilfe benötigt, könnt Ihr Euch an die Verbraucherzentrale Bremen wenden. Hier wird eine kostenlose Ernährungsberatung angeboten. Auch viele Krankenkassen haben zum Thema Kurse und Beratungen im Angebot. Online erfahrt Ihr bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, dem Bundeszentrum für Ernährung oder auch der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mehr.

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