Schluss mit der weißen Sünde

Bye-bye, süße Sucht! Vier Wochen ohne Zucker – der Selbstversuch

Finger weg! Zucker ist jetzt mal tabu.

Ein kleiner Löffel im Kaffee, eine Prise im Salat-Dressing oder als Topping auf frischen Erdbeeren: Dass wir fast alle zu viel Zucker essen, ist kein Geheimnis. Doch das Zeug ist einfach so lecker… Und gefühlt sorgt Zucker oft für das i-Tüpfelchen in Sachen Geschmacksexplosion. Trotzdem verzichte ich für vier Wochen darauf.

Food-Blogger, Personal-Coaches und und und – mittlerweile gibt es Ernährungsexperten ja wie Sand am Meer. Eigentlich sind diese Blogs mit perfekt drapierten Salaten echt nicht mein Ding. Ich steh einfach nicht auf aufgehübschte Glanzlicht-Fotos mit Rasierschaum-Sahne. Mir geht es auch nicht darum, wie ich möglichst schnell viele Kilos abnehmen kann. Aber beim Thema Zucker habe ich mich schon oft gefragt: Wie viel stopft man sich von dem süßen Zeug eigentlich täglich rein? Sollte ich für eine gesunde Ernährung lieber komplett auf Zucker verzichten? 

Gertraud Huisinga berät Bremerinnen und Bremer bei der Verbraucherzentrale Bremen im Bereich Lebensmittel und Ernährung. 

„Der Körper sollte mit der notwendigen Energie und Nährstoffen versorgt werden“, erklärt mir Gertraud Huisinga von der Verbraucherzentrale Bremen, „das ist der Anspruch einer gesunden Ernährung.“ Auf Zucker zu verzichten, könne ein guter Start für eine dauerhafte Ernährungsumstellung sein. Die weißen Kristalle aus meinem Speiseplan zu streichen, wäre also ein guter Anfang. Und so schwer dürfte einem das doch auch nicht fallen. Also abgemacht: Vier Wochen kein weißer Zucker. 

Los geht's mit der Recherche. Im Netz kursieren hunderte Artikel zum Thema. Der süßen „Droge“ zu entsagen, scheint voll im Trend zu sein. Kein Wunder, wie ich nach kurzer Zeit feststelle: Rund 29 Stück Würfelzucker isst der Durchschnittsbürger am Tag, empfohlen sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) aber nur die Hälfte. Doch: Zucker ist nicht gleich Zucker. „Der normale Haushaltszucker besteht aus Saccharose (Glucose und Fructose)“, erklärt mir Huisinga. Insgesamt gäbe es drei Zucker-Arten: Einfach- (Glucose und Fructose), Zweifach- (Laktose, Saccharose) und Mehrfachzucker (Stärke).

Süße Sucht: Die Wirkung von Zucker wird oft mit der von Kokain verglichen

Viele Experten schreiben, dass das süße Zeug mittlerweile zu einer Art Droge geworden sei, die wir Tag für Tag zu uns nehmen. Und zwar sowohl bewusst als auch indirekt. Oder wusstet Ihr, dass Mortadella eine kleine Zuckerbombe ist? Die Wirkung auf den Körper wird oft mit der von Kokain verglichen, schreiben Experten. Kokain? Wie bitte? Wie bei Alkohol, Nikotin oder eben auch Kokain würde unser Gehirn vom Zucker abhängig werden. Betrachtet man die biologischen Folgen, liegt es auf der Hand: Essen wir Zucker, löst dies die Insulin-Produktion aus. Das wiederum aktiviert einen Botenstoff, der dafür sorgt, dass das Glückshormon Serotonin erzeugt wird – Süßes macht also glücklicher. Wer sich abends auf dem Sofa 'ne Tafel Schokolade gönnt, kennt das wohl aus eigener Erfahrung. 

Grundsätzlich braucht unser Körper Glucose (zur Erinnerung: Einfachzucker) als Energielieferanten, weil unser Gehirn darauf angewiesen ist. Aber Glucose könne auch aus anderen Kohlenhydraten gewonnen und vom Körper selbst hergestellt werden. „Daher ist es auch nicht sinnvoll, gänzlich auf Kohlenhydrate zu verzichten“, warnt Huisinga, „das führt dann zum allseits bekannten JoJo-Effekt.“ Übrigens: Die Vorliebe für diese Geschmacksrichtung entsteht bereits im Säuglings-Alter. „Wir haben einen Urinstinkt, dass Süßes nicht giftig sein kann, denn Muttermilch enthält Laktose“, erläutert mir die Ernährungsexpertin.

Der erste Kaffee ohne Zucker – widerlich! 

Nachdem ich übers Wochenende nochmal reichlich Kuchen geschlemmt, dick belegte Sonntagsbrötchen gefuttert und fein vorm Flimmerkasten genascht habe, ist es dann soweit: Stichtag, der Selbstversuch beginnt. Als erstes stapfe ich zum Supermarkt. Zuckerfreie Lebensmittel müssen her. Dass so ein Einkauf mehr Zeit in Anspruch nimmt als sonst, damit hatte ich gerechnet. Aber hinter welchen Inhaltsstoffen sich das weiße Zeug überall verbirgt, war mir nicht klar. Nur, weil auf einer Packung das Wort Zucker nicht auftaucht, heißt das noch lange nicht, dass er nicht drin steckt. Dextrin, Gerstenmalzextrakt, Glukose, Laktose, Maltose, Polydextrose, Saccharose oder auch Raffinose – Bei allem, was auf „ose“ endet, schrillen die Alarmglocken. Selbst als „zuckerfrei“ deklarierte Produkte dürfen bis zu 0,5 Prozent vom weißen Kristall enthalten. Wer soll da noch durchsteigen?

Mein Alltags-Tipp fürs zuckerfreie Einkaufen: die App „Süßmacher“ von der Verbraucherzentrale Bayern. Hier sind alle Inhaltsstoffe, die auf Zucker hinweisen können, in einem Lexikon erläutert. Übersichtlich, praktisch und nervenschonend. Mit Hilfe des mobilen Nachschlagewerkes wandern nicht wirklich viele Dinge in den Einkaufswagen: Viel Obst und Gemüse liegt neben Fleisch und etwas Käse. Auf dem Heimweg geht's dann noch bei meinen Stammbäcker vorbei. Auf meine vorsichtige Nachfrage bzgl. Backwaren ohne Zucker ernte ich von der Verkäuferin nur einen bemitleidenden Blick – Mist! Von nun an muss ich mein Brot wohl selbst backen.  

Selfmade-Burger mit selbstgebackenem Dinkel-Brötchen und frischem Gemüse.

Eine Woche später hat sich alles ganz gut eingependelt. Zwei Mal wöchentlich backe ich nun ein Dinkel-Vollkornbrot, am Wochenende Dinkelbrötchen. Zu meiner Überraschung schmecken sie mir wirklich gut und sind längst nicht so aufwendig zuzubereiten, wie gedacht. Ein weiterer Vorteil: Das selbstgemachte Brot hält sich viel länger, als das vom Bäcker. 

Vorm Frühstück heißt es erstmal: Mixen, Kneten und Backen.

Zum Mittag bzw. Abend wird täglich frisch gekocht. Auf meinem Speiseplan stehen vor allem Salat, Gemüsepfanne und Fleisch. Und die Lust auf Süßes? Bisher blieb der allseits bekannte Heißhunger zum Glück aus. Der erste morgendliche Kaffee ohne Zucker war zwar ziemlich widerlich, aber nach zwei Tagen hatte ich mich dran gewöhnt. Und statt Schokolade und Co. stehen nun Nüsse oder Trockenfrüchte auf dem Tisch. Tipp: Bio-Apfel-Chips. Eine gute Alternative für alle, die salzigen Snacks einfach nicht widerstehen können. 

Zwischenfazit: Läuft! Ganz ehrlich: Ich hab‘s mir schlimmer vorgestellt. Allerdings erfordert der Zuckerverzicht wirklich eine gute Planung und die kostet Zeit. Nach zwei zuckerfreien Wochen fühle ich mich fit, irgendwie wacher und gesund. Bisher ist der gefürchtete Heißhunger ausgeblieben. So hatte es mir auch die Expertin Huisinga prognostiziert: „Wenn die ersten Tage überstanden sind merkt man, dass der Körper Süßigkeiten gar nicht braucht.“ Aber ich habe auch „nur“ auf den industriellen Zucker verzichtet und daher mittels Bananen, Erdbeeren oder auch Trauben trotzdem „Süßes“ genossen. Die Finger von Schokolade, Chips und Co zu lassen, fiel mir nicht schwer. Probleme gab es eher dabei, Brotbelag wie Frischkäse, Schinken oder Mortadella ohne Zucker zu finden. Ergo: Auf dem Brot landet meist Käse, äh Käse oder auch Käse – Ich bin gespannt, wie lange ich den noch sehen kann. 

So geht‘s weiter

Wie es mir in der restlichen Zeit ergangen ist, lest Ihr im zweiten Teil des Selbstversuchs. 

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