Buddhismus in Bremen

Meditation, Wein und der ganz normale Alltag: Zu Besuch im Buddhistischen Zentrum Bremen

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Buddhafigur und Sitzkissen im Meditationsraum im Buddhistischen Zentrum Bremen.

Geburtstagsgesang und das Jubeln über ein neues Mitglied hallen durch den Raum. Es wird angestoßen, die Musik aufgedreht und gefeiert. Alle sind fröhlich und unterhalten sich angeregt. Dass ich mich gerade im Buddhistischen Zentrum Bremen befinde, würde man so schnell wohl nicht vermuten. Von Sabrina Leser

Zwei Stunden zuvor: Ich suche das Buddhistische Zentrum Bremen auf, um mir einen Eindruck von dieser mir noch unbekannten Welt zu verschaffen. Schon immer habe ich mich gefragt, was sich hinter diesem pompösen, weißen Haus am Bremer Stern befindet. Als ich zum ersten Mal davon hörte, dass sich Buddhisten dort versammeln, war meine Neugierde sofort geweckt. Schon seit Längerem interessiere ich mich für diese Lehrtradition. Im Meditieren sowie einer achtsamen Lebensweise hab ich mich bereits geübt.

Ich will mehr über die Lebensweise der Mitglieder erfahren

Ich stelle mir vor, wie die Menschen in dem Haus mönchartig durch das Haus schreiten – eher in sich gekehrt sind. Wie sie sich meditativ verschiedenen Aufgaben hingeben und nur das Nötigste miteinander reden. Jeden Donnerstag gibt es einen Einführungskurs für Interessierte und wer möchte, kann anschließend noch an einer gemeinsamen Meditation teilnehmen. Ich nutze also die Chance, mich näher mit der Thematik zu beschäftigen: Ich will mehr über die Lebensweise der Mitglieder erfahren. Zu diesem Zeitpunkt kann ich noch nicht ahnen, dass sich diese gar nicht so sehr von der meinen unterscheidet.

Gleich an der Tür werde ich freundlich von Stephan*, einem langjährigen Mitglied, empfangen. Anschließend werde ich gebeten, im Eingangsbereich Platz zu nehmen und zu warten, bis der Einführungskurs beginnt. Jetzt fühle ich mich doch etwas verloren. So allein auf meinem Stuhl, während sich die anderen Wartenden miteinander unterhalten. Umso erleichterter bin ich, als sich Stephan zu mir setzt und zu plaudern beginnt. Er erzählt, dass er schon seit Langem der Sangha angehört. Dies ist die buddhistische Bezeichnung für die Gruppe. *Name geändert

Als die Bahn direkt vor dem Gebäude eine Störung hatte, erschien ihm das wie ein Zeichen

Die Sangha bei der Meditation auf den 16. Karmapa.

Ihm ging es ähnlich wie mir. Auch er hat das Gebäude auf dem täglichen Weg zur Uni wahrgenommen, wobei es ihn schon immer gereizt hat, es auch einmal von innen zu sehen. „Ich wollte was in meinem Leben verändern und irgendwo muss man ja anfangen“, sagt Stephan. Er hatte das Gefühl, dass der Buddhismus dabei der richtige Weg sei. Als eines Tages die Bahn direkt vor dem Gebäude eine Störung hatte, und alle Fahrgäste gebeten wurden auszusteigen, erschien ihm das wie ein Zeichen. So nutzte er den Moment und betrat zum ersten Mal das Zentrum. Schnell wurde er dann zum beständigen Mitglied der Gemeinschaft.

Zurück zu mir: Endlich geht’s los. Birgit fordert uns auf, ihr in den Meditationsraum zu folgen. Sie ist eine der Bewohnerinnen und gibt heute die Einführung. Es wird sich hier gegenseitig geduzt, was ich als sehr angenehm empfinde. Wir nehmen uns jeder ein Sitzkissen und bilden einen gemeinsamen Kreis. Der helle Teppich und die spirituellen Dekorationen lassen den Raum sehr freundlich erscheinen, hier und da eine farbenfrohe Abbildung Buddhas in dem sonst sehr leeren Zimmer. Ich bin beeindruckt von den vielen Bildern, zu denen mir erklärt wird, dass es sich dabei um die verschiedenen Lamas, also buddhistische Lehrer, handelt.

Das Buddhistischen Zentrum Bremen wurde von Lama Ole Nydahl gegründet und geweiht

Dieses Zentrum wurde von Lama Ole Nydahl gegründet und geweiht, wie mir Gerald, ein weiteres langjähriges Mitglied, später erläutert. Er wirkt auf den ersten Blick so gar nicht wie jemand, der die Lehren Buddhas vermittelt, was wahrscheinlich daran liegt, dass man eher einen Tibeter erwarten würde. Er aber ist Däne und war mit seiner Frau Hannah Ende der 1960er Jahre der erste westliche Schüler des 16. Karmapa. Auch von ihm hängt ein Foto an der Wand. Seit 1970 hat Ole Nydahl weltweit über 650 Buddhistische Zentren gegründet. Den Mittelpunkt des Raumes bildet eine goldene Buddhafigur auf einem erhöhten Tisch.

Birgit führt uns in die Lebensgeschichte Buddhas ein und erklärt, dass er als sehr behüteter Prinz aufwuchs. In seinem 29. Lebensjahr entschied er sich aber hinaus in die Welt zu gehen und kam so zum ersten Mal in Kontakt mit leidvollen Situationen wie Alter, Krankheit und Tod. Von diesem Zeitpunkt an war er bestrebt, diesem Leid ein Ende zu setzen und suchte zunächst berühmte Lehrer auf. Anschließend meditierte er tagelang, bis er zur Erleuchtung kam. Dabei habe er erkannt, dass alles Entstandene auch vergänglich und der Glaube an ein abgetrenntes Ich ein Irrglaube ist. Demnach gilt es, Anhaftung zu vermeiden und das Universum und seine Geschehnisse als etwas Spielerisches wahrzunehmen. Mit 35 Jahren wurde er so schließlich zu Buddha, dem Erleuchteten.

Der Rücken soll stets gerade und die Augen geschlossen sein

Anschließend gibt es eine kurze Pause und der Raum füllt sich allmählich mit den Mitgliedern. Die meisten scheinen sich untereinander zu kennen und unterhalten sich, während sie auf den Beginn der Meditation warten. Zunächst erklärt Birgit uns, in welche Sitzposition wir uns begeben sollen. Die Beine über Kreuz im Schneidersitz und die Hände entspannt auf den Knien. Der Rücken soll stets gerade und die Augen geschlossen sein.

Und dann geht es schon los: Birgit beginnt mit der Einleitung der Meditation: Wir sollen auf den 16. Karmapa meditieren oder uns einfach eine goldene Buddhafigur vorstellen, wenn wir damit noch nicht vertraut sind. Ich entscheide mich für Letzeres. Ich begegne ihr in einem friedvollen Ort der Natur und sitze ihr direkt gegenüber. Nun beschreibt Birgit weiter, wie nacheinander verschiedenfarbige Strahlen aus der Buddhafigur hinein in unterschiedliche Bereiche unseres Körpers führen. Dies soll zur Heilung von Körper, Geist und Rede führen. Plötzlich geben alle Teilnehmer die Silbe „Ooommm“ von sich. Ich erschrecke kurz. Der vibrierende Ton füllt für eine gefühlte Ewigkeit den Raum. Jeweils zu den farbigen Strahlen weiß die Sangha genau, wann es Zeit ist, die Meditation mit verschiedenen Silben zu unterstreichen. Als nächstes folgt ein summendes „Aahhh“.

Ich bleibe entspannt, als ein lautes „Hung“ durch den Raum schallt

Mahakala, eine buddhistische Gottheit Tibets – steht für Schutz und Mitgefühl

Mittlerweile habe ich mich an die ungewohnten Laute gewöhnt und bleibe entspannt, als ein lautes „Hung“ durch den Raum schallt. Ich meine wahrzunehmen, wie sich der Raum voll Energie füllt, und frage mich, ob ich mir dies bloß einbilde. Nachdem wir Körper, Rede und Geist gereinigt und den Segen des Lamas bekommen haben, flüstert jeder wiederholt und in seinem eigenen Rhythmus die gleiche Wortverbindung vor sich hin. Das ist mir fremd und ich verstehe sie akustisch nicht genau. So verweile ich verunsichert und stumm in meiner Meditationshaltung und versuche weiter zu entspannen.

Allerdings fällt mir das, durch die Ablenkung der Gruppe, etwas schwer. Später erklärt mir das Mitglied Christopher, dass es sich dabei um das Mantra „Karmapa Chenno“ handelt, das den Meditationszustand vertiefen soll. Dabei verwenden sie ihre Mala, eine Art Kette mit Kugeln, als Zählwerkzeug, um sich noch besser auf den Prozess konzentrieren zu können.

Nun wird nicht mehr meditiert – es wird gesungen

Nach der Meditation verkündet Stephan, dass er heute jedem ein Getränk ausgeben möchte. Der Grund ist ein simpler: Er hat Geburtstag. Nun wird nicht mehr meditiert. Es wird für Stephan gesungen. Es folgen laute Musik aus der Anlage, Gelächter sowie Unterhaltungen. Ich bekomme die Gelegenheit, mich mit zwei der 15 Bewohner des Hauses zu unterhalten. Christopher und Sonja sind ein Paar und haben sich gemeinsam entschlossen, in die Wohngemeinschaft einzuziehen. Als Vorteil empfinden sie das „gemeinsame Ziel“, das in der Gruppe vorherrscht. Zudem seien sie so „mittendrin“. „Man ist direkt an der Schnittstelle. Man muss nur einmal die Treppe herunterfallen und schon ist man da“, sagt Christopher.

Er meint den Meditationsraum, den sie jeden Abend pünktlich um 20 Uhr zur Gruppenmeditation aufsuchen. Er erklärt mir, meditieren sei wie ein Akku für ihn, den man an der Steckdose wieder auflädt. Sonja fällt es mit der täglichen Meditation leichter, die buddhistischen Sichtweisen im Alltag anzuwenden und beizubehalten. Dabei spielt der Umgang mit Zorn eine zentrale Rolle. Diesen erkenne man dadurch eher und lerne, Wut einfach vorbeiziehen zu lassen oder durch produktive Aktivitäten abzubauen, anstatt sie unkontrolliert herauszulassen.

In der Wohngemeinschaft findet jeder seinen Platz

Sonja findet vor allem die Verbundenheit sehr schön, weil sie weiß, dass alle Zentren zur selben Uhrzeit gemeinsam meditieren. In der Wohngemeinschaft findet jeder seinen Platz bei täglichen Hausarbeiten, wie dem Putzen oder der Gartenarbeit. Auch außerhalb des Gebäudes werden gemeinsame Unternehmungen, wie zum Beispiel Fahrradtouren, geplant. Auf meine Frage, ob die beiden an Wiedergeburt glauben, zitiert Sonja Buddha: „Glaubt nichts, was ich euch sage, prüft es selbst nach“. Buddha war stets darauf bedacht, dass Raum für Zweifel erlaubt sei und nichts einfach für gegeben hingenommen werden soll. Demnach stehe es jedem Buddhisten selbst frei, wie er diesen Weg für sich interpretieren möchte.

Auch Gerald berichtet positiv über den Zusammenhalt: „Es ist wie eine Familie hier.“ Auch wenn Buddhisten weniger nachtragend seien, wie Sonja und Christopher erklären, bleiben Unstimmigkeiten nicht aus. „Dann findet man Zuflucht beim Lehrer oder in anderen Gruppen“, erzählt Gerald aus eigener Erfahrung. Für ihn war der Weg zum Buddhismus seine Rettung aus einer schwierigen Lebenslage. Zu Lama Ole habe er durch ein spirituelles Erlebnis eine besondere Bindung, das für ihn als Beweis diene, dass es mehr gibt, als das, was wir wahrnehmen.

Ich denke, ich werde wiederkommen

Aufgrund der interessanten Geschichten bleibe ich länger als geplant und fühle mich ein wenig als Teil der Gruppe. Alle sind sehr freundlich und geben mir das Gefühl, willkommen zu sein. Ich spiele mit dem Gedanken auch die nächste Bahn vorbei fahren zu lassen, doch entscheide mich dagegen, weil ich am nächsten Morgen früh aufstehen muss. Zum Abschied werde ich von allen herzlich umarmt. Auf dem Weg zur Haltestelle wird die Musik hinter mir leiser. Ich drehe mich noch einmal um: Ich sehe die Menschen lachend und mit Wein in der Hand auf der Terrasse stehen. Es ist wirklich nicht das, was ich erwartet hätte. Ich denke, ich werde wiederkommen.

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