Woher 12.000 Euro nehmen?

Wie ein Bremer verunglückte und dank Crowdfunding Hoffnung schöpft

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Jonas braucht Unterstützung, um wieder lückenlos lächeln zu können.

Jonas Zimmermann aus Bremen ist etwas passiert, das man keinem wünscht und von dem man hofft, dass es einem selbst niemals zustößt. Bei nordbuzz erzählt er die irre Geschichte, wie er mit dem Rad in die Straßenbahnschienen geriet, schwere Gesichtsverletzungen davon trug und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände nun einem Schuldenberg von bis zu 12.000 Euro gegenübersteht. Er kann wieder lachen, doch die Situation ist düster. Darum hat er eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Eins vorweg, diese Geschichte ist nichts für schwache Nerven. Doch sie muss ausführlich erzählt werden, denn es ist eine Geschichte, wie sie Dir und Mir passieren kann. Und auch eine Geschichte über Hilfsbereitschaft und Solidarität. Eine Geschichte, die Mut in der Not macht. Aber fangen wir vorne an.

Jonas Zimmermann ist 32 Jahre alt, gebürtiger Lübecker, dank Werder Wahl-Bremer seit 2005 und Projekt-Manager bei Interwall vom team neusta. Noch wohnt er im Viertel, wird jedoch bald nach Peterswerder ziehen. An einem Dezemberabend, etwa eine Woche vor Heiligabend besucht Jonas den Weihnachtsmarkt „Lichter der Neustadt“. Im Hinblick auf den folgenden Arbeitstag will er rechtzeitig die Kurve kratzen, wie er sagt. Als er aufbricht knurrt sein Magen, doch die Döner-Bude an der Domsheide ist zu voll. Also soll es ein Burger auf der Discomeile richten. Doch so weit kommt der 32-Jährige nicht.

Jonas bremst mit dem Gesicht auf dem harten, kalten Boden

Als Jonas mit seinem Rad die Schienen Richtung Dom überqueren will, passiert es. Drei der vier Spalten überquert er mühelos, in der letzten verfängt sich sein Reifen und bleibt stehen. Eine Strecke, die er nach eigenen Angaben schon locker 200 Mal gefahren ist, wird ihm zum Verhängnis. Jonas steigt buchstäblich voller Schwung über den Lenker ab, hat keine Chance sich zu schützen und bremst mit dem Gesicht auf dem harten, kalten Boden. Sofort ist er weg. Dunkelheit. Irgendwann wird er wach, weil ihn ein Ersthelfer aufrüttelt. Sein Sichtfeld ist schmal und wolkig, wie man es aus Filmen kennt. „Der Krankenwagen ist unterwegs“, dringt an sein Ohr. Jonas baut sofort Vertrauen zu den Umstehenden auf, als er aus dem KO erwacht. Mehrfach stellt er benommen die gleichen Fragen. „Was ist passiert? Was ist hier los?“ Später stellt er fest, dass bei diesem Sturz auch kein Helm geholfen hätte und er quasi Glück im Unglück hatte. Zwanzig Zentimeter weiter hätte die Bordsteinkante auf ihn gewartet. Doch zum jetzigen Zeitpunkt sind die ohnehin dramatischen Folgen nicht abzusehen. Erstmal ist da einfach nur der Schmerz.

Der Krankenwagen ist schnell vor Ort. „Drinnen habe ich gemerkt, dass mit meinem Gesicht etwas nicht stimmt“, erzählt Jonas. Das realisiert er, als ihm der Sanitäter einen Beutel vors Gesicht hält. „Einen haben wir gefunden“, sagt der und zeigt auf den Zahn in der Tüte. Einen von den drei verlorenen Zähnen meint er. Die erste Einschätzung: „Das kriegen wir schon alles wieder zusammengebastelt.“ Mitnichten, wie sich später herausstellt. Noch aus dem Rettungswagen ruft Jonas seine Freundin an. Die ist ausgebildete Krankenschwester und kümmert sich während der endlosen 45 Minuten Wartezeit weiter um ihn. Dann endlich kommt ein Assistenzarzt und untersucht Jonas. Der Kiefer wird geröntgt, CT und eine Schädel-Hirn-Trauma-Untersuchung folgen. Die Zwischendiagnose lautet: Leichte Gehirnerschütterung, eine gerissene Lippe, drei fehlende Zähne. Ein weiterer Zahn ragt schräg in den Mund hinein – und bricht beim Versuch ihn zu richten endgültig ab. Doch es kommt noch mehr auf ihn zu.

Der Oberkiefer ist viermal gebrochen, dreimal senkrecht, einmal waagerecht

„Um 23 Uhr passierte der Unfall, gegen 3.30 Uhr war ich fürs Erste mit allem durch.“ Ein ewiges Martyrium. Doch noch immer ist das Ausmaß seiner Verletzung nicht klar. Am Morgen folgt eine genauere Diagnose. Der Oberkiefer ist viermal gebrochen, dreimal senkrecht, einmal waagerecht. Bei der Operation werden zunächst die Splitter entfernt. Der behandelnde Arzt hat die Hoffnung, dass sich die größeren Stücke kitten, also mit Kollagen kleben lassen und wieder zusammenwachsen. Metallplatten müssten demnach nicht verschraubt werden. Gesagt, getan und wieder ordentlich zugenäht. „Die Maßnahme wurde von der Chefärztin abgesegnet und sicher nach bestem Wissen und Gewissen getroffen“, sagt Jonas. Eine folgenschwere Fehlentscheidung.

Vier Tage lassen sich die Blutungen nicht stoppen. Nach sechs Tagen im Krankenhaus lässt sich Jonas von seinen Eltern abholen und mit nach Lübeck nehmen, um sich dort über die Weihnachtstage auszukurieren und wieder auf die Beine zu kommen. Bereits am ersten Feiertag lassen sich die Schmerzen jedoch nicht mehr aushalten. Jonas‘ Vater ist Zahnarzt im Ruhestand. Er ruft einen Bekannten an. Der ist Implantologe und schaut sich das Desaster an. Erster Verdacht: Ein fünfter Zahn stellt sich quer und muss raus. Doch was folgt ist wesentlich dramatischer. Der Kiefer wird in dessen Praxis am Feiertag abermals geöffnet, Jonas‘ Vater assistiert dabei. Nach der Not-OP und dem zweiten Eingriff ist es die dritte Operation. Dabei stellt sich heraus, dass sich die Hoffnung des Arztes im Bremer Krankenhaus nicht bestätigt. Die Knochen sind mobil, alles ist wackelig und fragil. Teile des Oberkiefers sind abgestorben und müssen tot entfernt werden. „Das wäre wohl nicht passiert, wenn man sich direkt für eine Behandlung mit Metallplatten entschieden hätte, das war mein großes Pech.“ Ein Teil des Knochens hängt am seidenen Faden und wird ohne Betäubung mit einer Zange herausgerissen. „Das war wohl mit der schlimmste Schmerz, den ich jemals gespürt habe.“

Die Gesamtkosten werden auf bis zu 12.000 Euro geschätzt

Zwei Tage später kann Jonas das erste Mal wieder halbwegs feste Nahrung zu sich nehmen. Das Ausmaß des Unglücks wird immer klarer. Der Kiefer muss komplett neu aufgebaut, dann Implantate eingesetzt und hoffentlich eines Tages Zähne verschraubt werden. Für dieses Prozedere gibt es kaum Spezialisten. Ein sehr schwerer Fall, weil viel Oberkiefer verloren gegangen ist, bis fast zur Nase ist alles weg. Dann folgt der nächste Schock. Die Gesamtkosten werden auf 10.000 bis 12.000 Euro geschätzt und beinhalten viele Unbekannte. Ob sich seine Unfallversicherung beteiligt ist unklar, eine Zahnzusatzversicherung wird wohl nichts, maximal jedoch 500 Euro beisteuern. Als sei das alles nicht schon schlimm genug, stellt sich heraus: Die Implantate werden von der Krankenkasse wohl nicht übernommen. Die zahlt nur Brücken, welche jedoch auf Dauer die Nachbarzähne angreifen. Keine Option für Jonas. „Die Folge wäre dann ein komplett neues Gebiss, wie man es von Oma aus dem Wasserglas kennt.“ Ebenfalls keine Option wäre eine Operation in der Türkei, in Tschechien oder Polen, wie ihm manch einer rät. Da vertraut er seinem Zahnarzt, der ihm einen Experten in Kassel empfiehlt.

Es ist Anfang Januar, mittlerweile ist Jonas wieder im Büro. Wenn seine Kollegen nachmittags Kuchen essen, kann er nicht mithalten. Er bunkert Messer und Gabel im Schreibtisch, um seinen Berliner in kleine Häppchen zu schneiden. So geht es. Was hingegen nicht geht sind Obst, Gemüse oder Brötchen. Alles kein Zustand. Jonas jammert. Sein Chef sagt, er soll sich keine Sorgen machen, könnte zur Not einen Unternehmenskredit bekommen. Eine Kollegin empfiehlt: „Mach doch was mit Crowdfunding.“ Jonas wiegelt ab, da hilft doch eh keiner. Doch dann besinnt er sich auf ein altes Notizbuch, in dem er Ideen sammelt. Dort hat er schon vor einiger Zeit notiert, man müsse sowieso mehr Dinge über Crowdfunding finanzieren. Also beschäftigt er sich mit Thema.

Schon nach wenigen Stunden kommen 600 Euro zusammen

Er landet auf der Plattform Leetchi. Dort muss er keine Gegenleistung anbieten und kann auch bei verfehltem Ziel den gesammelten Betrag einstreichen. Probieren kann man es ja mal. Salopp und ohne sich eingehender zu informieren startet er die Aktion. Er versucht ein fröhliches Lächeln aufzusetzen, schreibt ein paar Zeilen und postet den Aufruf abends um 20 Uhr bei Facebook. Jonas rechnet mit vielleicht 50 Euro, müsste dann einen kleinen Euro-Betrag an Provision abgeben. Doch es kommt anders. Drei Stunden später, um 23 Uhr, sind bereits 400 Euro beisammen. „Die Großzügigkeit im Netzwerk ist Wahnsinn“, sagt Jonas begeistert. „Viele, von denen ich es nie erwartet hätte, haben viel gegeben, einige zu viel für ihre Verhältnisse.“ Einer steuert sogar 200 Euro bei, das meiste kommt aus dem erweiterten Freundeskreis. Am Morgen sind es 600 Euro. Jonas beginnt Hoffnung in die Aktion zu setzen.

Als nächstes versucht er sie humorvoll in der Firma zu verbreiten. Die hat insgesamt 850 Mitarbeiter, mehrere Hundert Kollegen sitzen in Bremen und empfangen sein Gesuch. Durch Einzelschenkungen im Wert von fünf bis fünfzehn, aber manchmal auch 50 Euro kommen allein aus diesem Kreis weitere 800 Euro zusammen. Manche der Kollegen kennt er gar nicht. Während dieses Gesprächs steht der Zähler bei 2.798 Euro. „Ein unglaublicher Betrag und längst kein Tropfen auf den heißen Stein mehr. Zehn Euro tun keinem weh, aber machen den Kohl für mich richtig fett.“ Zu dem Zeitpunkt sind es 110 Wohltäter, davon viele anonym. Manche Namen kann er nicht zuordnen, darunter auch einer aus Düsseldorf. Vielleicht fühlen sich auch fremde Leidensgenossen angesprochen? Nun hat Jonas eine neues Problem, ein Luxusproblem: „Wie soll ich damit umgehen und meine unendliche Dankbarkeit äußern?“ Von insgesamt 14 Tagen läuft die Aktion nun noch vier Tage, der Endspurt ist angebrochen. Eigentlich hätte er das Funding über einen längeren Zeitraum laufen lassen sollen, denkt er inzwischen.

#mutzurlücke und „Netter Kontakt, schneller Versand, top eBayer“

Auch die befreundete Band „Still Abbie“ teilt seinen Aufruf und gibt etwas dazu. Jonas selbst ist Sänger der Post-Rock-Band „The Migrant Bird“, die derzeit einigermaßen auf Eis liegt. An Gesang ist für ihn nicht zu denken. Die Sperre der Zähne für den Luftausstoß fehlt, er kann den Speichel nicht halten, den Luftausstoß nicht regulieren und hat Schwierigkeiten Laute zu formen. Jonas freut sich über gute Zahnwitze, wovon es jedoch nur wenige zu geben scheint. Freudsche Versprecher kommen hingegen häufiger vor. Bei der letzten Probe sagt der Drummer aus versehen, man müsse die Songs nochmal auf Lücken prüfen. Über Kommentare auf seiner Crowdfundingseite kann sich Jonas amüsieren: „Netter Kontakt, schneller Versand, top ebayer! Gerne wieder“ oder „Für einen lückenlosen Lebenslauf“ oder „Hol dir aber auch mindestens 1 Goldzahn“. Bei Facebook haben Freunde mittlerweile den Hashtag #mutzurlücke etabliert. Sie sind es auch, die nach dem Sturz die Fahrradhelmkonjunktur in Bremen ankurbeln. Jonas wird sich ebenfalls einen besorgen, wenn er mal wieder aufs Rad steigt. Momentan hat er dazu aber noch keine Lust.

Bei Kunden-Terminen trägt er ein Provisorium, doch das hilft nur beim Lächeln, nicht beim beißen. „Damit ich mich mal wieder unter Leute traue. Derzeit meide ich Menschenansammlungen, habe ständige Angst vor Unfällen, auf Treppen, hinter Ecken“, sagt Jonas. „Mein Vertrauen zur Umwelt ist in der Krise.“ Die Übergangszähne hat er sich spaßeshalber eine Stufe heller bestellt. Er lächelt nun mit Stufe 3 statt 3,5. „Mein Tipp statt Bleeching“, sagt er augenzwinkernd. Seine Freundin findet es den Umständen entsprechend lustig. „Was sie stört: Seit dem Unfall gab es keinen richtigen Kuss mehr.“ Die Lippe war komplett taub, momentan fühlt sie sich wie eingeschlafene Füße an, kribbelt und brennt.

„Wenn ihr Ersthelfer das lest: Vielen Dank!“

Das ist die Geschichte von Jonas, der schlimm stürzte, viel Unglück erfuhr und dann von einer unerwarteten Welle der Hilfsbereitschaft getroffen wurde. Doch noch hat er einiges zu meistern und freut sich bis Dienstag über jeden Kleinstbetrag. Dann endet die Aktion bis auf Weiteres. Sein Schlusswort: „Zu den Ersthelfern von der Domsheide habe ich leider keinen Kontakt. Wenn ihr das hier lest: Vielen Dank!“

Jonas unterstützen: Hier geht es zum Crowdfunding.

Ein positives Crowdfunding-Beispiel aus Bremen ist das des Zucker-Netzwerks.

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