„Bremen Zero“ schmeckt nicht: Demo von Zucker und Irgendwo fordert Freiräume für Subkultur

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Ein lauter und bunter Protest-Zug hat am Samstag ein starkes Zeichen für die Subkultur-Szene in Bremen gesetzt. Unter dem Motto „Freiräume für Subkultur“ hatten Zucker Club, Irgendwo Kollektiv und weitere Initiativen zum Demo-Rave aufgerufen. Nach unterschiedlichen Schätzungen tanzten zwischen 1.000 und 3.000 Menschen durch die Innenstadt und das Viertel. Ein Resümee.

Fotos und Videos von den Dächern der Häuser entlang der Demoroute zeigen, wie sich ein imposanter, fröhlicher Zug seinen Weg durch die Häuserschluchten bahnt. Die Musikanlagen der Demo-Wagen sind aufgedreht, dahinter tanzende Menschentrauben. Immer wieder stoßen Nebelmaschinen Rauch aus. Unzählige Plakate, Schilder und Transparente zeugen von den Anliegen der Demonstranten. „Kulturelle Vielfalt feiern“ steht da bezogen auf das generelle Problem. „Mehr Respekt für Kultur“ oder „Freiräume und Flächen statt lose Versprechen“. Bezogen auf den konkreten Anlass rund um Zucker Klub und Irgendwo Kollektiv wird gefordert: „Endlich mal Zucker bei die Fische“, „Bremen kandieren“ oder „Wir müssen ‚Irgendwo‘ bleiben“.

Es ist ein unmissverständliches Signal 

Angaben zu den Teilnehmerzahlen schwanken. Während in den sozialen Medien von bis zu 3.000 Teilnehmern die Rede ist, gibt der „Weser Kurier“ 1.000 Demonstranten an. Ob die Wahrheit wie so oft dazwischen und bei den von „Buten un Binnen“ genannten 1.500 Teilnehmern liegt, ist letztendlich egal – es ist ein unmissverständliches Signal mit reichlich Durchschlagskraft, das von dem Demo-Rave ausgeht. Zucker und Irgendwo hatten im Vorfeld massive Unterstützung für die Sache erhalten – keine Nebelkerzen, wie die hohe Beteiligung zeigt.

Der Elektro Club aus dem Schoße des künstlerisch-kulturell-kreativen Zucker Netzwerks sucht seit sechs Jahren nach einer Location und sieht sich immer neuen bürokratischen und nachbarschaftlichen Hürden ausgesetzt. Auch das Sommer-Festival namens Irgendwo, irgendwo auf einer Brache beim Flughafen, wäre fast gescheitert. Als Nachfolger des Außerhalb stieg im Vorjahr an selber Stelle das Anderswo. Die Gruppe junger Leute, die hinter den Festivals steckt, hat sich erst kürzlich eine Genehmigung mit strengen Auflagen erkämpft. 

 „Zucker her oder ich zieh‘ nach Leipzig“ 

Beide Initiativen erfahren mittlerweile immer wieder Unterstützung aus der Politik. Selbst dort ist angekommen, dass eine Großstadt eine lebendige subkulturelle Szene braucht – will man nicht eines Tages an Überalterung eingehen, weil Folgegenerationen längst abgewandert sind. „Zucker her oder ich zieh‘ nach Leipzig“, heißt es dementsprechend auf einem Plakat. Ein an die gesamtgesellschaftliche Situation angelehntes Angebot mit Konzerten, Ausstellungen, Kino, Familien-Feste, Workshops und Tanz-Veranstaltungen macht die Stadt – auch abseits der oft verallgemeinerten Techno-Partys – lebenswert und attraktiv für kommende Bewohner. Auch für Auswärtige und sich orientierende Studenten. 

Aus dem gelebten Miteinander entstehen wertvolle Impulse für Bremen und seine Zukunft – und doch scheint alles so unglaublich kompliziert. Für viele der Engagierten klingen Statements der Politiker denn auch nach Lippenbekenntnissen und Hinhaltetaktik, denn die Mühlen malen langsam. „Es geht erstmal darum, dass die politischen Beschlüsse umgesetzt werden“, sagt die Sprecherin für Subkultur bei den Grünen, Kai Wargalla, gegenüber „Buten un Binnen“. Sie findet, das Kulturressort müsse mehr Verantwortung und Federführung übernehmen und sich um Kulturprojekte kümmern, anstatt dies anderen Ressorts zu überlassen.

„Ich glaube, wir werden uns daran gewöhnen müssen als Behörde“ 

Dem Bericht zufolge sieht Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz von der SPD ein „beteiligungsorientiertes Kulturverständnis“ bei jungen Leuten. „Die wollen nicht etwas serviert bekommen, die wollen selber machen. Und ich glaube, wir werden uns daran gewöhnen müssen als Behörde und auch als viele andere Behörden, dass eine junge Generation auch Ansprüche an ein System stellt.“ Als „Stadtentwicklung live“ versteht solche Bestrebungen der Sprecher des grünen Bausenators Joachim Lohse, Jens Tittmann. „Senator Lohse sieht in dieser Szene ein sehr gutes Instrument Junge Leute an die Stadt zu binden, sie hier zu halten, daraus Potenziale zu schöpfen“, fährt Tittmann bei „Buten un Binnen“ fort.

Und Emigholz macht schließlich ein Angebot: „Wir können anbieten, dass sich ein Beirat gründet, der dann ein Verhandlungsmandat auch gegenüber der Verwaltung und gegenüber der Politik hat. Der die Interessen gebündelt vertritt. Dann käme man auch weiter in der Differenzierung, was ist kommerziell und was ist künstlerisch.“ Das klingt erneut nach Reden, wo nun endlich Taten gefragt wären. Zur Erinnerung: Seit sechs Jahren sucht der Zucker Club eine neue Bleibe, seit einem erfolgreichen Crowdfunding vor anderthalb Jahren liegen Geld und Pläne zum Kauf und Umbau eines Bunkers in der Überseestadt bereit. Passiert ist seit dem wenig, Hoffnungen auf eine zügige Umsetzung wurden enttäuscht. Immerhin: zuletzt kam wieder etwas Bewegung in die Sache. Derweil fahren Anwohner dem Irgendwo massiv in die Parade und drohen trotz Kompromissbereitschaft und Lautstärke-Limit mit rechtlichen Schritten und Anwälten.

Von bekannten Sympathisanten wie Jan Böhmermann geteilt 

Sie haben sich mutmaßlich ebenso wenig unter die Demonstrierenden gemischt, wie Vertreter des Unternehmens, das auf dem Nachbargrundstück des Bunkers angesiedelt ist. Dabei hätte eine Anwesenheit vielleicht gewisse Vorbehalte und Vorurteile gegenüber der Szene abbauen können. Stattdessen gingen zwischen 1.000 und 3.000 Menschen auf die Straße und machten ihrem Unmut über die aktuelle Situation Luft, die beispielsweise ebenso „Die Komplette Palette“ in Hemelingen betrifft. Auch Auswärtige waren angereist, um auf die generellen und überregionalen Schwierigkeiten der Szene aufmerksam zu machen. Im Vorfeld war der Aufruf von bekannten Sympathisanten wie Jan Böhmermann oder Sybille Berg geteilt worden, die über eine große Reichweite verfügen.

Bei 30 Grad sammelt sich die Demonstration ab 15 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz und macht sich schließlich mit mehreren Fahrzeugen, lauter Musik und guter Laune auf den Weg über Dobben und Sielwall Richtung Marktplatz. Dort findet gegen 20 Uhr die Abschlusskundgebung statt. Später wird bei einem Open Air am Weserwehr weitergefeiert. Ein Tag, der als eindeutiges Statement zu verstehen ist. Ganz zur Zufriedenheit der aufrufenden Initiativen. 

„Wir haben gezeigt, dass wir viele sind“ 

Bei Facebook schreibt der Zucker Club: „Wir haben mehr als deutlich gemacht, was wir wollen und wir haben gezeigt, dass wir viele sind!“ Und das Irgendwo Kollektiv: „Liebe für die Menschen die gestern auf der Straße waren. Ihr gebt uns das Gefühl alles zu Recht zu machen. Riesen Dank an Zucker Club haltet durch. Unfassbar das ihr nach 6 Jahren immer noch kämpft! Daneben gilt unser Dank den Menschen von Conartism, 4. Dimension, Anderswo, Shut down Gottlieb Daimler Straße Camp, Musikszene Bremen e.V. und der Erika. Alle unterschiedlich, aber zusammen an einem Strang ziehen klappt.“

Versuche mit Anwohnern zugunsten ihrer berechtigten Interessen an einem fairen und respektvollen Ablauf der Veranstaltungen sind immer wieder gescheitert. Offizielle Messungen bei der Auftaktparty vom Irgendwo zeigten, dass die Veranstalter die ohnehin sehr strengen Lautstärke-Limits von 55 bzw. 35 Dezibel unterboten. Dem Vorwurf Dreck zu hinterlassen, stehen die seit einiger Zeit erfolgreichen und kaum beanstandeten Open Air Partys aus den Kreisen der Demo-Initiatoren gegenüber. Dort wird mit Bewusstsein und gemäß Freiluftparty-Gesetz noch stärker auf die Umwelt geachtet und nach den Outdoors aufgeräumt und gesäubert. Eine Lockerung der Politik tragen an dieser Stelle Früchte. 

Wenn Bremen auf lange Sicht nicht aussterben soll 

Dies könnte ein erster Schritt in Richtung der subkulturellen Szene gewesen sein. Damit etwas in Gang kommt und der Vorwurf der Hinhaltetaktik fällt, braucht es nun einen nächsten Schritt. Einen Schritt in Richtung junger Bremer, die mitmachen und nach eigenen Vorstellungen selbst gestalten wollen. Die sich nicht damit zufrieden geben, was der Mainstream ihnen vorsetzt. Das hat eine ernstzunehmende und relevante Masse an Demonstranten gezeigt. Und so lässt sich resümieren: Die Stadt sollte es sich mit seiner Subkultur nicht verscherzen – wenn Bremen auf lange Sicht nicht aussterben soll.

Bilder: Fotojournalist Ben Eichler

Netz-Reaktionen zum Demo-Rave 

 

 

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