Diese Rituale kennt (fast) jeder ...

Typisch Oldenburg und Bremen: 12 „bekloppte“ Bräuche aus der Region

+
In Oldenburg und Bremen gibt es allerlei Bräuche und Traditionen. 

Die einen lieben, die anderen hassen sie: Rituale. Besonders in den ländlichen Regionen werden Festivitäten gut und gerne auf besondere Art und Weise zelebriert. Wir haben uns in Bremen und Oldenburg umgesehen und bekloppte, schöne und außergewöhnliche Bräuche zusammengesammelt. 

Mit Bollerwagen und Schnapsglas auf Grünkohltour

„Dr. Grünkohl“ im Interview: Das hat‘s mit der Oldenburger Palme auf sich

Warm eingepackte Grüppchen, die mit einem Bollerwagen an der Hand und Schnapsgläsern um den Hals durch die Dörfer ziehen – gleich zum Jahresanfang beginnt in Oldenburg und Bremen die Grünkohl-Saison. 

Dann geht‘s raus, um bei lustigen Spielchen, Bier und Schnaps durch die Straßen zu ziehen und anschließend in der Gastwirtschaft der Wahl den deftigen Grünkohl zu futtern und zu feiern. Highlight der Tour ist die Wahl des Grünkohl-Königspaares, welches die Ehre innehat die nächste Tour zu organisieren.   

Tipp: Es muss nicht immer Fleisch sein. Auch vegan zubereiteter Grünkohl kann ein Gaumenschmaus sein. Wie es geht, hat uns Stefanie Coors von Veggiemaid in Oldenburg verraten

Kuriose Diebstähle in der Nacht zum 1. Mai

Am letzten Aprilabend bekommen zahlreiche Gärten in der Region einen neuen Mitbewohner: einen Maibaum. Dabei wird nach alter Tradition eine besonders schöne Birke auserwählt und mit einem grünen Kranz und bunten Bändern geschmückt. Doch wer den Neuling im heimischen Garten behalten möchte, muss achtsam sein. Denn bis zum Sonnenaufgang darf der Maibaum von jedem, der selbst einen aufgestellt hat, geklaut werden. 

Je nach Region sind hier verschiedene Regeln zu beachten. Ein Maibaum kann demnach zum Beispiel durch drei Spatenstiche oder drei in den Baum geschlagene Nägel den Besitzer wechseln. Wer sein Exemplar vor dem Diebstahl schützen will, muss ihn mit Hand oder Fuß berühren. Wenn der Spuk vorbei ist, werden gestohlene Bäume mittels einer Kiste Bier wieder ausgelöst. 

In vielen Orten findet das Maibaumsetzen erst am 1. Mai statt. Oft wird ein kleines Fest gegeben, bei dem der Baum auf dem Marktplatz feierlich aufgestellt wird. Die bunt geschmückte Birke soll traditionell böse Geister vertreiben und symbolisiert zudem Fruchtbarkeit und damit auch neues Leben, das im Mai mit dem Frühling auch in der Natur sichtbar wird.     

Party ab den Morgenstunden: Frühtanz

Nicht nur zur Grünkohltour wird sich besonders in Oldenburg aufs Rad geschwungen oder mit dem Bollerwagen durch die Straßen gezogen. Auch an Himmelfahrt, dem 1. Mai und an Pfingsten wird kräftig gefeiert. Los geht es an diesen Tagen aber nicht erst abends, sondern bereits in aller Frühe. Meist wird bereits mit einem Sektfrühstück gestartet, um anschließend zum Frühtanz zu gehen.

Ausnahmezustand im Eggeloger Krug: Bilder vom Frühtanz an Himmelfahrt

30. Frühtanz in Apen: Die Fotos vom Disco Tange Gelände

Legendär sind dabei die Frühtänze beim Drögen Hasen, in Tange, Spohle oder auch Eggeloge. Überall rund um Oldenburg haben an diesen Tagen die Kneipen und Bars geöffnet. So wird entweder von Bude zu Bude getingelt oder auch bei einer der Großveranstaltungen bis in die Nacht getanzt und gefeiert. 

Eine Tüte Mehl zum 16. Geburtstag

Eigentlich ziemlich eklig, aber irgendwie auch recht lustig ist diese Tradition zum 16. Geburtstag: Freunde schütten dem oder der Glücklichen Mehl über den Kopf. 

via GIPHY

Meist findet dieser Brauch auf dem Weg zur Schule statt und sorgt damit regelmäßig für weiße Flecken auf den Schulwegen. In manchen Regionen kommen zum Mehl auch noch Eier dazu, sodass es eine richtig klebrige Angelegenheit wird.    

Ein Kranz für die alte Schachtel oder Flasche

Wer in der Region das 25. Lebensjahr erreicht und noch nicht in den Bund der Ehe getreten ist, wird kurzerhand zur alten Schachtel beziehungsweise zur alten Flasche ernannt. Und damit dies auch jeder mitbekommt, schmücken Freunde die Wohnungstür oder alternativ auch gern den Balkon des Geburtstagskindes mit einem Kranz. Dabei dürfen sich die Frauen über zahlreiche aneinandergereihte alte Zigarettenschachteln und die Männer über eine Kette leerer Schnapsfläschchen freuen. 

Je nach Region muss dieser dann „abgetreten“ werden, wobei das Geburtstagskind vorher die Kranzlänge schätzen muss und mit reichlich Schnaps auf den Wandschmuck angestoßen wird. Nach vier Wochen ist der ganze Spuk dann wieder vorbei und der Kranz wird bei einem Bier wieder abgenommen.

Tipp: Wer keine Lust oder Zeit hat den aufwendigen Kranz zu basteln, kann mit etwas Glück einen gebrauchten kaufen. Oft werden die Schachtel- und Flaschenkränze per Kleinanzeige für einen geringen Obolus verkauft. 

Klinken putzen oder (Domtreppe) fegen

Reine machen zum 30. Geburtstag: Sollte ein Oldenburger oder Bremer Bürger vor dem dritten Nullen noch nicht geheiratet haben, kann er bzw. sie schon mal die Einmalhandschuhe rausholen. Denn zur Feier des Tages wird geputzt. So „dürfen“ die Junggesellinnen an ihrem Ehrentag zahlreiche Türklinken blitzeblank polieren und Junggesellen den Besen schwingen. 

In Bremen wird zum Fegen gern die Domtreppe als Schauplatz gewählt. „Erlösung“ gibt es für den unverheirateten 30-Jährigen nur durch den Kuss einer Jungfrau. 

Erst Polterabend, dann Hochzeit

Auch wenn die Hochzeit ansteht, ist es mit den Bräuchen natürlich nicht vorbei. Bereits bevor die Kirchenglocken läuten, steht traditionell der Polterabend an. Auch wenn viele Paare sich diesem Ritual mittlerweile verwehren, ist sie gerade in dörflichen Regionen noch weit verbreitet. Dort wird er meist am Mittwoch vor der Hochzeit bei den Brauteltern gefeiert. 

Bevor die Party startet, muss sich das Brautpaar ganz schön anstrengen. Denn Familie, Freunde, Nachbarn und Kollegen schleppen altes Porzellan an, um es dem Brautpaar vor die Füße zu werfen. Mit der lautstarken Aktion sollen böse Geister vertrieben werden, sodass dem Liebespaar eine wunderbare Ehe bevorsteht. Scherben bringen eben Glück. Die beiden Hauptakteure bekommen die Aufgabe, das zersplitterte Porzellan gemeinsam zusammenzufegen. Dabei erlauben sich die Trauzeugen oft den Spaß das zukünftige Ehepaar mit präparierten Besen, Zahnbürsten oder anderen unnützen Kehrutensilien auszustatten.  

Ein Hoch auf das eigene Heim: Richtfest

Sobald der Rohbau eines Hauses fertig ist und das Dach errichtet wird, feiern traditionsbewusste Oldenburg und Bremer das Richtfest. Bei Wurst und Bier wird das neue Heim dann von den Handwerkern mit einem traditionellen Spruch geehrt. Dabei hissen die Männer eine gebundene Richtkrone und zerschlagen anschließend eine Flasche Schnaps oder auch Sekt an einem der Dachbalken. Dieses Ritual soll den Bauherren Glück bereiten und für ein lebenslanges schönes Wohnen sorgen. 

In manchen Dörfern geht der Spaß schon vor dem Richtspruch los: Die Bauherren müssen dabei mit einer Wünschelrute ausgestattet einen geschmückten Dachbalken suchen, den (meist die Nachbarn) irgendwo in der Nähe des Hauses versteckt haben. Ist der verschollene Balken gefunden, werden die Bauherren kurzerhand auf den Balken gehoben und darauf zu ihrem Haus getragen. Dort angekommen wird gegen jede Hausecke gestoßen – auch dies soll Glück bringen.  

Hello Baby! 

Ein neuen Menschen auf der Welt zu begrüßen ist wohl für jeden ein ganz besonderes Ereignis. Da versteht es sich einfach von selbst, dass Bräuche hier nicht fehlen dürfen. Je nach Region wird das Neugeborene auf verschiedene Weise willkommen geheißen. So wird vielerorts wenige Woche vor der Geburt der sogenannte „Kinnertöön“ angesetzt – ein Rosinen-Zucker-Weinbrand-Gemisch. Der plattdeutsche Begriff leitet sich von „tönen“ (zeigen) ab. 

Einige Väter laden dann nach der Geburt zum sogenannten Babypinkeln ein. Dabei stößt er mit seinen männlichen Freunden auf die Vaterschaft an, während die Frau mit dem Baby noch im Krankenhaus liegt oder die frisch gebackenen Eltern laden gemeinsam ein, sobald Frau und Kind wieder daheim sind. 

Anderswo bringen Freunde und Verwandte einen „Kilmerstuten“ vorbei. Diese Bäckerskunst  aus Weizenmehl, Butter, Eiern, Hefe, Salz, Wasser, Milch, Zucker und Rosinen geht auch auf eine uralte Tradition zurück. Der Begriff „Kilmer“ bedeutet „Kindstaufe“. So soll das Neugeborene mit dem Stuten begrüßt und in den Familien- bzw. Freundeskreis aufgenommen werden. 

Mit viel Spucke durch Bremen

In Bremen wird regelmäßig gespuckt – und zwar mitten auf dem Domshof. Wie bitte? Was für Bremer selbstverständlich ist, mag dem ein oder anderen Oldenburger sehr fragwürdig vorkommen. Doch diese zugegebenermaßen etwas eklige Tradition geht auf eine uralte Geschichte zurück. Der der Spuckstein auf dem Domshof war einst Tatort für ein schauriges Ereignis: An dieser Stelle wurde Gesche Gottfried hingerichtet. Mit dem Bespucken dieses Steins wird also die Verachtung für die Giftmörderin, die von 1813 bis 1828 insgesamt 15 menschen mit Arsen umbrachte, ausgedrückt. 

Für den guten Zweck: Das Bremer Loch

Neben dem Spuckstein gibt es auf dem Domshof eine weitere Kuriosität auf dem Boden: das Bremer Loch. Die im Pflaster eingelassene Spendenbüchse findet Ihr vor der Bürgerschaft. Wer Geld hineinwirft, wird mit Tiergeräuschen der Bremer Stadtmusikanten belohnt. Mit dem Erlös werden ausgewählte Institutionen, wie zum Beispiel das Deutsche Rote Kreuz unterstützt. 

Bremer Eiswette: Ob „de Werser geiht or steiht“?

Am mancherorts etwas angestaubten Dreikönigstag wird es in Bremen rebellisch. Da zieht ein Schneider die Politik, Kultur und Gesellschaft durch den Kakao. Hunderte strömen dafür um 12 Uhr an den Punkendeich, zum Fähranleger der Hal Över, um einem eigenwilligen Spektakel beizuwohnen. 

Sorgt seit 2016 als Schneider bei der Bremer Eiswette am Punkendeich für Belustigung: Schauspieler Peter Lüchinger.

Anmoderiert vom Zeremonienmeister versucht dann ein exakt 99 Pfund (44,9056 Kilogramm) schwerer Schneider herauszufinden, ob die Weser „geiht“ oder „steiht“. Dabei wird er von etwa fünfzehn ehrwürdig in Frack und Zylinder gehüllten Honoratioren überwacht. Auch die Heiligen Drei Könige sind zugegen und verleihen dem Akt Glanz. Beim öffentlichen Begehbarkeits- oder auch Eiswetttest test soll nun der Schneider versuchen, samt glühendem Bügeleisen trockenen Fußes ans andere Ufer zu laufen.

Um nicht an Reiz zu verlieren, wird die Wette heutzutage per Los entschieden, denn die Verlierer zahlen das große Stiftungs-Festessen am jeweils dritten Januar-Samstag, bei dem Spenden für die DGzRS gesammelt werden – stets die größte jährliche Einzelspende von etwa 450.000 Euro.

Eine Sache noch: Es handelt es sich in diesem Text um subjektive Eindrücke. Bei Euch werden die Bräuche anders gefeiert? Oder Euer Brauch ist nicht dabei? Her damit, nutzt doch einfach die Kommentarfunktion.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare