Erhitzte Gemüter in den Weserterrassen

„Ballermannisierung“ des Viertels? Anwohner, Wirte und Stadtvertreter diskutieren

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Geschäftsmann Christian Siemer, Anwohner Werner Scharf, Wirt Felix Grundmann, Moderatorin Julia Meichsner, Stadtplaner Reinhard Viering und Ortsamtsleiterin Hellena Harttung diskutierten in den Weserterrassen.

Das Viertel erhitzt die Gemüter. Das war immer so und das wird immer so sein. Denn der Stadtteil lebt von seiner bunten Mischung: Wohnen, Feiern, Freizeitvergnügen. Bei so unterschiedlichen Interessen kann es Konflikte geben. Momentan äußert eine Anwohnerinitiative schwere Kritik. Am Mittwoch kam es zum Schlagabtausch verschiedener Vertreter des Viertels.

Die einen nennen es abfällig die „Ballermannisierung“ des Viertels, die anderen sprechen von Mediterranisierung und schlicht Cornern. Gemeint ist das Leben, das im Oster- und Steintor auf der Straße stattfindet. Einige Anwohner haben sich zur Bürgerinitiative „Leben im Viertel“ zusammengeschlossen, weil sie sich von Lärm, Müll und Ignoranz gestört fühlen. Dem gegenüber steht das Argument: Ins Viertel ziehen und sich über Lautstärke beschweren, ist wie an den Flughafen ziehen und über den Fluglärm meckern. Um die teils verhärteten Fronten zusammenzubringen, hatte das Nordwestradio am Mittwoch zu einer Diskussion in die Weserterrassen geladen.

Im Bürgerhaus ist es rappelvoll, viele müssen stehen 

Im großen Saal des Bürgerhauses ist es rappelvoll, viele müssen stehen. Die Anhänger der Initiative sind auffälliger, aber nicht unbedingt in der Überzahl. Es sind auch jede Menge Menschen gekommen, die sich nicht gestört fühlen und die Freiheiten des Viertels erhalten wollen. Das Thema bewegt. Bereits Anfang 2016 entstand die Bewegung #bremenlebt, die am 8. Mai in einem großen, spontanen Happening gipfelte. Tausende solidarisierten sich mit Wirten im Viertel, die von Nachbarn verklagt worden waren und stellten sich gegen die drohende Einschränkung kultureller Angebote, ernannten das Viertel kurzerhand zum „Kulturschutzgebiet“. Anschließend wurde es wieder etwas ruhiger, auch, weil etwa die Lila Eule recht bekam und weiterhin ohne Sperrstunde Veranstaltungen ausrichten kann. Doch im Februar – unmittelbar nach dem überraschenden und im Viertel viel betrauerten Tod des engagierten Litfass-Betreibers Norbet Schütz – gab es einen Vorstoß der Bürgerinitiative. Diese hat sich auf die Fahne geschrieben, mehr Lebensqualität ins Viertel zu bringen – aus ihrer Sicht. Für die Gegenseite fühlt sich Lebensqualität anders an, nämlich nach der Freiheit sich auszuleben.

Die Fraktion der empörten Anwohner hat sich an diesem Abend in den ersten Reihen eingefunden. Auf den hinteren Stühlen sitzen die, die sich scheinbar nicht eingeschränkt fühlen. Das wird anhand von Wortmeldungen, Reaktionen und Zwischenrufen während der laufenden Live-Sendung deutlich. „Die, die gekommen sind, treibt die Sorge“, ruft einer aus dem vorderen Bereich. Von hinten entgegnet eine Frau: „Ich fühle mich im Viertel sehr wohl und überhaupt nicht gestört.“ Werner Scharf steht für die Bürgerinitative auf dem Podium und versucht es mit einem moderaten Einstieg: „Die wichtigsten Eigenschaften des Viertels sind positive, Toleranz und Lebendigkeit zum Beispiel.“ Doch die Anwohner machen die Wirte, vor allem aber auch die Kioske und Supermärkte für die „Ballermannisierung“ des Viertels verantwortlich.

Keine neuen Kneipen? Erneute Konzessionssperre gefordert 

Einer von ihnen sagt, 300 Leute würden von Donnerstag bis Sonntag abends im Bermuda Dreieck durchfeiern, jeder Laden, der schließt, werde eine Kneipe. Er fordert: Es muss eine Konzessionssperre her und erntet Applaus aus den vorderen Reihen. Eine Frau, die sich als Anwohnerin des Ostertorsteinwegs vorstellt, sagt, sie bekomme da zwar einen Wandel mit, aber fühle sich absolut nicht beeinträchtigt, im Gegenteil, das Gesäusel von der Straße sei angenehm. Anfang der 2000er wurde die Konzessionssperre fürs Viertel von der Stadt aufgehoben, die Geschäfte vor der Verdrängung durch Gaststätten schützen sollte. Viele Läden standen leer, Bremen erhoffte sich dadurch eine Wiederbelebung. „Man dachte in den 80ern, Kneipen müssten begrenzt werden, damit sich der Einzelhandel ausbreiten kann“, sagt Reinhard Viering, Stadtplaner beim Bausenator, auf dem Podium. „Das tat er nicht, stattdessen gab es viel Leerstand, also wurde die Regelung wieder geöffnet.“

Seitdem sind auch viele der kritisierten Kioske entstanden, wo sich die Feiernden nachts mit günstigen Getränken versorgen und das Straßenleben genießen. Viering sagt: „Bei Kiosken können wir nichts machen, wenn Einzelhandel zulässig ist, dann auch Kioske.“ Das erntet Pfui- und Buh-Rufe aus der Ecke der Anwohnerinitiative. „Bei gestörter Nachtruhe muss sich die Polizei kümmern.“ Gelächter im vorderen Bereich. Eine Dame im Publikum moniert das niedrige Niveau der Gastronomie. Raunen im hinteren Teil des Saals. Stichwort hochwertige Neueröffnungen wie Honigdachs oder Twobeers. Der Wirt des Heartbreak Hotels, Felix Grundmann, erklärt, dass die Mediterranisierung oder das Cornern, wie er die sogenannte „Ballermannisierung“ lieber nennt, ein europaweites Phänomen ist und nichts mit den Wirten zu tun hat. Außerdem seien die Flaschen auf der Straße auch ein Problem, weil Kioske sie nicht zurück nehmen würden. Viering ergänzt, eine erneute Konzessionssperre wäre zwar möglich, aber er betont nochmal, dass sich Kioske damit nicht steuern lassen.

Das Freizeitverhalten der Leute hat sich verändert 

Später rückt auch Initiativenvertreter Scharf vom Begriff „Ballermannisierung“ ab, besteht jedoch weiterhin darauf, dass es nun Zeit wäre zu handeln. Ortsamtsleiterin Hellena Harttung findet hingegen, dass sich schon viel bewegt hat. „Ich wohne seit den 90ern im Viertel, damals war es eine völlig andere Szenerie mit Drogenelend und Leerstand. Seitdem hat es sich positiv entwickelt, auch eine Aufwertung erfahren.“ Sie könne Kritik verstehen, aber weist auch auf das insgesamt veränderte Freizeitverhalten hin. Auch Viering meint, vor allem hätten sich die Leute und die Gesellschaft verändert. Stichwort Junggesellenabschiede. Ein Zurückdrehen der Regelung stelle zudem nicht automatisch den Zustand aus der Vergangenheit wieder her.

Klar ist, dass nach der Auflösung des Stadtamtes zum 1. April ein Ordnungsdienst auf den Weg gebracht werden soll, der dann Kontrollen im Viertel übernehmen könnte. Doch auch dabei ist die Initiative skeptisch und befürchtet, es gebe nicht ausreichend Personal zur Überwachung. Im Bereich der Verschmutzung hat Bremen bereits reagiert. Behördenvertreterin Insa Nanninger erklärt, die Kapazität der Mülleimer sei von 40 auf 70 Liter erhöht worden, zudem seien zwölf zusätzliche Behälter aufgestellt worden. „Wir müssen Angebote machen, ob sich Menschen daran halten, liegt nicht am Mülleimer alleine.“

Nicht lange her, dass noch über schützenswerte Kultur diskutiert wurde 

Unlängst äußerte sich Oliver Mommsen vom Bremer Tatort im Interview zum Viertel, ohne das er es nach eigener Aussage nicht so lange in Bremen ausgehalten hätte. Für ihn besteht die Qualität des Viertels darin, „dass du wahnsinnig schnell Anschluss findest. Und am Ende des Tages landet man auch gerne mal im Heartbreak. Das ist nicht immer gut für den Schädel, aber gut für die Seele.“ Und weiter: „Das ist ein schönes Gemisch an Charakteren, an Ener­gien, mit einer großen Freiheit. Und als das Viertel auf die Straße gegangen ist, weil die Leute sich über Lautstärke be­schwert haben, dachte ich: Boah, das müsste man in Berlin auch sofort machen und sagen: Ja, das ist halt so, hier ist es ein bisschen schriller und bunter! Das ist für mich Kultur und gehört unbedingt dazu.“

Auf einen Nenner kommen die beiden Fraktionen an diesem Abend nicht. Doch die Ortsamtsleiterin sichert den aufgebrachten Anwohnern zu, die Beiräte befänden sich in der Diskussion zum weiteren Vorgehen. „Wir werden immer wieder gucken, wie die Interessen in Einklang zu bringen sind.“ Stadtplaner Viering gibt noch zu bedenken: „Es ist nicht lange her ist, dass diskutiert wurde, wie Kultur, die aus dem Umfeld der Kneipen entstand, zu schützen ist.“ Lauter Applaus aus den hinteren Reihen.

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