Neue Sehenswürdigkeit im Viertel

500 m² Wunderwelt: Johann Büsen gestaltet Kunsttunnel im Streetart-Stil

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Johann Büsen an seinem derzeitigem Arbeitsplatz: Dem Kunsttunnel.

Der Kunsttunnel hinter der Kunsthalle ist schon lange nicht mehr so schmuckvoll, wie es der Name verspricht – im Gegenteil. Dreck, Gestank und Düsterkeit haben viele Bremer einen Bogen um die Abkürzung machen lassen. Doch nun schickt sich Johann Büsen an, dem Tunnel wieder Leben einzuhauchen – und bezieht dabei die mystische Aura des Gewölbes in seinen Streetart-Stil mit ein. nordbuzz ließ sich vorab vom Künstler in seine skurrile Welt entführen.

500 Quadratmeter Gesamtfläche zur freien Gestaltung, damit wurde Johann Büsen belohnt, als er die Ausschreibung zur Neugestaltung des Bremer Kunsttunnels vom Senator für Kultur gewann. „Das im Oktober 2017 eingereichte Konzept enthielt bereits einen Entwurf für ein Drittel der Gesamtlänge“, sagt der 33-jährige Büsen. „Zu gestalten waren zwei Mal einhundert Meter bei einer Höhe von zweieinhalb Metern.“

„Den Tunnel hatte ich schon länger im Blick“ 

Nach vier Jahren Berlin und drei Jahren München, kehrte der Bremer Abiturient und frühere Student der Hochschule für Künste im vergangenen Jahr zu seinen künstlerischen Wurzeln zurück. Diese hatte er mit Atelier und Ausstellungen in der Hansestadt nie ganz aufgegeben. „Toll, dass Ausschreibung und Rückkehr sich überschnitten und dann auch noch die Zusage kam“, freut er sich über das Timing. „Den Tunnel hatte ich schon länger im Blick und mich vor Jahren auch schon um Fördermittel zur Gestaltung beworben.“ Umso passender, dass sich die Jury unter den 33 teilnehmenden Künstlern im Dezember schließlich für ihn entschied.

Digitales Werk per Maus, Tastatur und Grafiktablet

Die Arbeitsschritte umfassten von Januar bis März erstens die Recherche, das Sammeln von Motiven und die Suche nach Themen für die Wand-Geschichten. Als Zweites entstand das digitale Werk per Maus, Tastatur und Grafiktablet. Von April bis Juli setzte Büsen dafür das Material verschachtelt und überlagert am PC zu einer mystischen Welt zusammen – in dieser sehr eigenen, collagierten Bildsprache. „Das Bild verdichtet sich dabei mit der Zeit zusehends und wird immer stärker ausgearbeitet“, erklärt der Künstler.

„Es treffen Menschen, Tiere und Objekte aufeinander“

Vorgaben vom Kultursenator oder dem Ortsamt Mitte hatte er dabei kaum. Nur sollte das Ergebnis nicht zu kleinteilig oder unruhig werden und gewisse Schwerpunkte haben. Themen und Motive fand Büsen in den verschiedensten Bereichen: Natur, Politik, Wissenschaft, Forschung, Technik, Alltag, Medien, Literatur – all das lässt sich an den Wänden des Kunsttunnels entdecken. Oft sind es Anspielungen, Zitate oder Hommagen an die eigenen Interessen des Künstlers. „Mich interessieren besonders mystische, magische und surreale Räume mit skurrilen und rätselhaften Begebenheiten“, beschreibt der 33-Jährige seine Wunderwelt. „Dabei treffen dann Menschen, Tiere und Objekte aufeinander, bei denen das sonst eher unüblich ist.“

„Mehr Fragen als Antworten“ 

Einzelne Szenen reihen sich im Tunnel aneinander und sind außer durch die Ein- und Ausgänge nicht voneinander getrennt. Meist sind es zehn, zwanzig Meter lange, geschlossene Situationen mit fließenden Übergängen. „Ich möchte Geschichten erzählen, ohne dass sie jeder gleich entschlüsseln kann“, so der frühere HfK-Student. „Oft steht man dann mit mehr Fragen als Antworten vor dem Werk. Das ist der Reiz, den ich daran habe.“

Paste-Up-Technik aus dem Streetart-Bereich bekannt 

Die größte Herausforderung war nach eigenen Angaben die Beschaffenheit des Tunnels. Wie sollte er seine digitale Gestaltung hier technisch umsetzen, wie sein Werk an die Wand bringen? Schließlich druckte er alles auf witterungsbeständige Papierbahnen, um sie dann an die Wand zu kleben und mit Klarlack gegen Feuchtigkeit zu versiegeln. „Diese Technik des Anklebens von Motiven ist auch aus dem Streetart-Bereich bekannt und nennt sich Paste-Up“, sagt Büsen. „Damit entsteht auch ein Bezug zum Graffiti-Tunnel, der sich hier in den letzten Jahren verstärkt entwickelt hat.“

Respekt für die Kunst über Identifikation schaffen 

Die Bildsprache sollte laut Jury ohnehin ein junges Publikum ansprechen und Respekt für die Kunst über die Identifikation mit ihr schaffen. „Dass ich selbst in der Streetart-Szene aktiv war, ist mittlerweile länger her, aber früher habe ich mit Freunden legal Wände bemalt – zum Beispiel beim Güldenhaus in Bremen oder auf Bunkern im französischen Le Gurp.“ Da er selbst früher mit Schablonen arbeitete, entwickelte sich seine stilistische, teilweise auf Flächen und Linien reduzierte Optik. „Das war der Übergang zum heutigen Stil, bei dem ich alles direkt am Computer zusammen setze, statt Motive auszuschneiden.“

„Ziel ist, dass es dauerhaft bleibt“ 

Obwohl das Projekt vorerst auf fünf Jahre ausgelegt ist, ist Büsens Ziel ein dauerhafter Verbleib seiner Kunst. „Das lässt sich aber schwer vorhersagen.“ Sollte der Graffiti-Tunnel massiv rückfällig werden, ließen sich einfach neue Bahnen anbringen. Dass es mit den Arbeiten im Tunnel nun erst Mitte August losging, lag laut Büsen auch daran, dass sich die Boden- und Wandreinigung hinzog sowie die Decke neu gestrichen wurde. Zudem hätten mehrere hundert Dübel aus den Wänden entfernt und Löcher gestopft werden müssen. Auch die Beleuchtung soll noch erneuert werden. Die selbst gesetzte Deadline zur endgültigen Fertigstellung, liegt laut Zeitplan im September oder Oktober. Dann hätte sich der 33-Jährige genau ein Jahr lang seit Beginn der ersten Schritte mit der Kunsttunnel-Wunderwelt beschäftigt.

Ende August soll es bereits eine öffentliche Veranstaltung im Tunnel geben.

Einzelheiten zum Projekt 

  • Zur Person: Johann Büsen, 1984 in Paderborn geboren, studierte 2005-2010 an der Hochschule für Künste und lebt in Bremen. 2010 erhielt er den Paula Modersohn-Becker Nachwuchs-Kunstpreis der Kunsthalle Worpswede. Seit 2003 hat er an diversen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland teilgenommen.
  • Entstehung: Der Computer dient Johann Büsen als Archiv für seine Kunst. Durch digitale Bearbeitung werden die ursprünglichen Motive getrennt, verfremdet, überlagert und zu neuen Bildwelten verdichtet. Die Motive stammen aus Politik, Natur, Literatur, Film, Kunst sowie Wissenschaft und Alltagskultur. Durch Techniken heutiger Zeit erstellt, spiegeln die Arbeiten das Leben des 21. Jahrhunderts und dessen Informationsvielfalt wider. Sie stellen Standpunkte ebenso in Frage, wie sie mit der Fantasie und Erinnerung des Betrachters spielen.
  • Technische Daten: Der Druckauftrag für 200 Papierbahnen dauerte 80 Stunden, bei einer Gesamtfläche von 500 qm. 3 Liter lichtechte Pigmenttinte wurden für die „Fine Art Prints“ benötigt. Die Drucke sind mit 130 kg Spezialkleber montiert und mit 40 Liter Klarlack gegen Witterung versiegelt. Die gesamte Tunnellänge beträgt 2,3 Mio. Pixel. Jede Bahn mit den Maßen 250 x 100 cm hat eine Auflösung von 30.000 x 12.000 Pixeln und somit 360 Megapixel. Die Größe der Vektordateien beträgt 1 GB sowie 5 GB für die Druckvorlagen.

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