Vier sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Holtkamp: „Wäre Werder eine Aktie, würde ich jetzt investieren“

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In dieser Woche schreibt Tobias Holtkamp die nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, Sportjournalist Tobias Holtkamp und Werder-Blogger Lars Kranenkamp (im Netz besser bekannt als Burning Bush) spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch. In dieser Ausgabe schreibt Tobias Holtkamp.

Den Winter in Deutschland finde ich grausam. Weil er kein echter Winter ist, sondern nass, farblos, fast dauerdunkel. Also zähle ich schon im November die Tage bis zum Frühling, sehnsüchtig. Und in diesem Jahr sogar noch ungeduldiger als sonst. Denn wenn im Fußball die Winterpause vorbei ist, wenn im Februar die ersten Krokusse sprießen, dann, würde ich wetten, blüht auch Werder Bremen auf.

Im Ernst, wäre Werder eine Aktie, würde ich jetzt investieren, der Kurs ist unten, die Stimmung mau. Ich bin mir aber ziemlich sicher, es ist nicht alles grau, was da im Moment nicht glänzt, im Gegenteil: Ich glaube, dass der Verein, nach dem Wechsel auf das Team Nouri, seinen Fans im Laufe der Saison noch einige goldene Augenblicke schenken wird und den Klassenerhalt nicht erst im Schlussspurt sichert. Diese Hoffnung, ja, hier schreibt auch mein Herz, treibt mich an. Für mich ist sie gut begründet.

…dann hat Werder eine andere Qualität als in der Hinrunde

Tobias Holtkamp (38) ist Digitalchef bei _wige Media in Köln. Vorher war er in der Chefredaktion von Sport Bild, bei Transfermarkt und leitete den Sport bei Bild.de. Seine ersten Fußball-Berichte schrieb er mit 15 als Freier Mitarbeiter beim Weser-Kurier.

Lasst doch mal den eisernen Philipp Bargfrede wieder die immer besser eingespielte Defensive absichern, neben Thomas Delaney, dem konstantesten Spieler des FC Kopenhagen, dort auch Kapitän, der im Januar nach Bremen kommt. Und lasst gemeinsam mit Serge Gnabry mal Max Kruse, den vermeintlich stärksten und torgefährlichsten Fußballer im Werder-Kader, sowie einen schmerzfreien und austrainierten Claudio Pizarro in der Offensive spielen. Dann hat Werder eine andere Qualität als in der Hinrunde, dann werden die momentanen Zugmaschinen Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic entlastet, was auch sie wieder aufwerten wird. Eine Angriffsreihe wie im ersten Halbjahr 2017 hat Werder Bremen seit vielen Jahren nicht gehabt. Ich klopfe auf Holz.

In der Vorrunde, zehn Spieltage waren es bisher, sieben in der neuen Zeitrechnung, mussten bisher regelmäßig Männer in die Verantwortung, die im Grunde vorher nie Bundesliga-Fußball gespielt hatten. Manneh, Velkjovic, Petsos, Moisander oder Sané flogen ins saukalte Wasser. Klar, die Innenverteidiger waren schon für große Vereine im Ausland aktiv, aber eben noch nie in der mittlerweile sehr anspruchsvollen und schnellen Bundesliga. Jedes Stadion, jeder Gegner ist neu für sie, und: sie spielen gerade ihre erste Halbserie zusammen, kennen sich und ihr Verhalten in Drucksituation alles andere als blind. Dennoch, vor Sanés Verletzung im Freiburg-Spiel war die Abstimmung der zwei Neuen Woche für Woche besser geworden, und der Prozess wird sich fortsetzen. Die Güteklasse haben sie.

Werder schöpft weder aus einer prallvollen Energy-Dose, noch vom Fließband eines Automobilkonzerns

Ich halte es den Bremer Verantwortlichen, allen voran Trainer Alex Nouri, in hohem Maße zugute, dass keiner nörgelt oder jammert. Nichts ist schlimmer als darüber zu klagen, was alles besser sein könnte, was alles nicht geht. Wer für Werder Bremen arbeitet, muss auch wissen, was das bedeutet. Dass zum Beispiel keine zweite gleichwertige Mannschaft auf der Ersatzbank sitzt, sondern dass sehr direkt Qualität fehlt, wenn sich einer der wenigen Leistungsträger verletzt.

Werders Potenzial ist endlich, der Verein schöpft weder aus einer prallvollen Energy-Dose, noch vom Fließband eines Automobil-, Pharma- oder Softwarekonzers. Und einen gönnenden Milliardär, mit allen Vor- und Nachteilen, gibt’s an der Weser auch nicht. Finde ich klasse. Werder ist Werder, und das ist auch gut so.

Entwicklung, tausendfach bewiesen, war noch nie eine Frage von Wochen

Zu viel Euphorie? Mag sein, für den einen oder anderen. Aber mal ehrlich, warum nicht mal das Gute sehen? Werder ist gesund, wieder schuldenfrei und hat die Weichen gestellt. Intern wird gefeilt und analysiert, Fehlentscheidungen ergründet, die Ansprüche sind höher als die meisten denken. Ich bin überzeugt von den ersten Ansätzen und der Philosophie des neuen Trainer-Teams. Die Jungs haben einen Plan und arbeiten sehr akribisch. Jetzt braucht es Zeit und Geduld, die vielen schwer fällt, gerade im emotionalen Fußball. Doch Entwicklung, tausendfach bewiesen, war noch nie eine Frage von Wochen.

Ich schau schon mal nach den Krokussen! Hier findet Ihr alle bisherigen Ausgaben der nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ – und hier gibt‘s weitere Werder-News.

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