Vier sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

„Blind vor Liebe zu Werder? Nee, bin ich nicht mehr!“

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Die nordbuzz-Kolumnisten (v.l.): Laura Wontorra, Tim Borowski, Tobias Holtkamp und Lars Kranenkamp.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW: Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, Sportjournalist Tobias Holtkamp und Werder-Blogger Lars Kranenkamp (im Netz besser bekannt als Burning Bush) spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch.

In der ersten Ausgabe legt Tobias Holtkamp vor.

Meine erste Werder-Kolumne. Schon mal vorab: Hier schreibt mein Herz, es kann gefühlsbetont werden. Offen und ehrlich. Was ich denke über meinen Lieblingsverein, wie ich ihn sehe, Entwicklungen einschätze, Entscheidungen bewerte.

Bin Fischkopp seit ich denken kann

Tobias Holtkamp (38) ist Digitalchef bei _wige Media in Köln. Vorher war er in der Chefredaktion von Sport Bild, bei Transfermarkt und leitete den Sport bei Bild.de. Seine ersten Fußball-Berichte schrieb er mit 15 als Freier Mitarbeiter beim Weser-Kurier.

Ich bin Fischkopp seit ich denken kann. In Bremen geboren, in Weyhe aufgewachsen. Mein Dad hat mich infiziert, mit dem Werdervirus, Mitte der 80er, als ich 7 war oder 8. In meinem Zimmer gab's eine Werder-Ecke, mit Wimpeln und allen Autogrammkarten, die ich auswendig lernte, jede Zahl, jeden vorherigen Verein, jede Anschrift. Zum Fasching ging ich als „Fan aus der Ostkurve", mein größter Stolz war ein T-Shirt mit einem Schwarz-Weiß-Foto von Dieter Burdenski vorne drauf. Wenn es aus der Waschmaschine kam, hatte ich immer Angst, dass Buddes Gesicht weggespült war. Ins Weserstadion sind wir meist mit dem Rad, in Dreye auf den Deich, Werdersee rüber, Erdbeerbrücke, durch die Kleingärten, Platz 11, Stadionbad. Ziemlich genau eine Dreiviertelstunde. Genug Zeit, die Partie vorzubereiten, gefüttert mit den letzten Infos vom Trainer. Heute kaum noch vorstellbar, aber Otto Rehhagel gab samstagvormittags immer ein längeres Telefoninterview im Radio, Hansawelle. Ich saugte jedes Wort auf, saß in der Küche, keiner durfte reden, wenn Rehhagel sprach. Ich wollte alles wissen, der bestinformierte Junge im Werderland sein. Jeden Morgen las ich den Weser-Kurier, oft sehr früh, weil mein Vater den Sportteil dann mit ins Büro nahm.

Viel passiert seitdem. 3x Deutscher Meister, 5x Pokalsieger. Unbeschreibliche Europapokalnächte. Bratseth, Rufer, Micoud, Diego, Ailton. Aber auch Neubarth, Borowka, Eilts. Und immer wieder Pizarro. Werder ist mein Verein und wird es immer bleiben, auch wenn sich viel getan hat. Im Fußball sowieso, aber auch in Bremen.

Es geht viel Zauber verloren

Und blind vor Liebe? Nee, bin ich nicht mehr. Komplett begeisterungsfähig, ja, definitiv, aber auch kritisch. Geworden. Macht vielleicht das Alter, die Erfahrung, aber sicher auch die Arbeit. Wenn du im Profisport unterwegs bist, beruflich, ganz egal in welcher Form, dann geht viel Zauber verloren. Dann erlebst du schnell, wie Romantik gespielt und verkauft, aber nur noch selten gelebt wird. Diese Ausnahmen verehre ich. Dass es vor allem ums Geld geht, in erster, zweiter und dritter Linie, ist nicht zu ändern. Das stört mich auch nicht, so ist die Entwicklung. Was mich stört, ist, wenn jemand abhebt, glaubt, er sei ein Besonderer, mit besonderen Rechten, nur weil er gut kicken kann und viel Geld verdient.

Für gute und packende Spiele lass‘ ich alles liegen, für Werderspiele auch. Ich geh super gern ins Stadion, war das Wahnsinn, was in Bremen zum Saisonende wieder los war! Sauwichtig, dass Werder die Kurve gekriegt hat. Der Verein war dem Kollaps nah. Klaus Allofs hatte in seinen letzten Bremer Jahren oft hoch gepokert und viel zu häufig falsch gelegen. Werder wankte wirtschaftlich stärker, als tatsächlich bekannt wurde.

Thomas Eichin hat einen großen Teil zur Rettung beigetragen, er kam als Sanierer und hat seine Aufgabe übererfüllt. Dass Werder plötzlich wieder Geld hat, eine positive Bilanz, das ist im wesentlichen Eichins Verdienst. Dass seine klare Linie und direkte Art nicht die Herzen der Werder-Familie erobert, sollte nur Unkluge überraschen. Eichin musste liefern, nicht kuscheln und Kumpel sein.

Applaus für Baumann

Jetzt hat Frank Baumann übernommen, vielleicht zur richtigen Zeit. Für die harten Entscheidungen der letzten Jahre wäre er nicht der Richtige gewesen. Doch wie viele andere auch klatsche ich Applaus für die ersten Werder-Wochen unter Baumann. Er hat das Unternehmen im Griff, auf seine Art, ganz anders als Eichin.

Sonntag in Lotte ist der erste Ernstfall. Ab sofort werden Baumann und sein Wunschtrainer Viktor Skripnik an Ergebnissen gemessen. Ich war zunächst skeptisch. Doch wenn mich die Saison genauso überrascht wie die Aktivitäten auf dem Sommer-Transfermarkt, dann hält Werder souverän die Klasse. Fänd ich gut!

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