Vier sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

„Der Skripniker rappt nicht mehr“

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Die nordbuzz-Kolumnisten (v.l.): Tim Borowski, Tobias Holtkamp, Lars Kranenkamp und Laura Wontorra.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, Sportjournalist Tobias Holtkamp und Werder-Blogger Lars Kranenkamp (im Netz besser bekannt als Burning Bush) spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch. 

In dieser Ausgabe schreibt Lars Kranenkamp.

Hat man diesen Spieler zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich fest verpflichten können, ist das ein echte Ansage, darin besteht kein Zweifel. Sollte aber der FC Bayern München die Rechnung beglichen haben, um den Spieler dann im kommenden Jahr abzugreifen, wäre das vor dem Hintergrund der aktuellen Aussagen von Frank Baumann („Es gibt keine Vereinbarungen mit anderen Vereinen") gefühlt dann doch einigermaßen ernüchternd. Wie auch immer, zum Glück geht es hier heute gar nicht um Serge Gnabry.

Ich erkenne meinen Verein zur Zeit auf vielen Ebenen nicht mehr wieder

Lars Kranenkamp verehrt Thomas Schaaf, überlebte Robin Dutt, interessiert sich vor allem für die Seele seines Vereins und es war seine #Verhandlungsmasse, die Claudio Pizarro erneut nach Bremen holte. Bekannt ist er vielen Werderanern als „Burning Bush" und Autor des Blogs #werder2013 („Unabhängig. Deutlich. Irgendwo zwischen ultimativem Liebesbrief und Stadionverbot.“). Nach vielen Jahren Kunst, Musik und Fußball u.a. in Berlin arbeitet Kranenkamp heute als PR & Kommunikationsberater in Hamburg.

Ich habe Aad de Mos, Dixie Dörner oder auch Robin Dutt überlebt. Letzteren habe ich aus dem offensichtlichen Mangel an Alternativen sogar verhältnismäßig lange befürwortet. Nun steht der Verein mit Werder-Urgestein Viktor Skripnik vor einer erneuten, weit schmerzhafteren Zäsur. Das Problem von „Skrippo” ist nur sekundär ein rein sportliches.
Gut, in München aufzutreten wie eine Truppe lustiger Clowns, die wie angestochen und planlos wild umherläuft, dabei diverse Torschusskarikaturen zum Besten gibt und dank DFL (übertragen wurde in nicht weniger als 210 Länder) mit einem trockenen 6:0 vollständig in seine kraftlosen Einzelteile zerlegt wird, ist die eine Sache. Das Ganze in dieser Art und Weise nur eine Woche nach der desolaten Erstrundenniederlage bei den Sportfreunden Lotte zu präsentieren, ist ebenfalls sehr bemerkenswert – man kann da verlieren, aber mangelnde Spielfreude und fehlenden Einsatz derart plump durch unsympathische Unsportlichkeit zu kompensieren, ist schon hart an der Grenze. Im Großen und Ganzen rücken diese Tiefpunkte der jüngsten Werder-Geschichte aber deutlich ins sekundäre Glied, wenn ich das alles ins Verhältnis zum aktuellen Treiben der sportlichen Leitung und Vereinsführung setze.

Ich erkenne diesen, meinen Verein zur Zeit auf vielen Ebenen nicht mehr wieder. Man hat einen Aufsichtsratsvorsitzenden Marco Bode, der Sportdirektor heißt Frank Baumann, und auf der Bank findet man die Namen Skripnik/Frings und trotzdem: So wenig Werder war man noch nie, was ist hier eigentlich los?

Der Wunsch, es möge bald Erlösung geben – auch für ihn

Aktuell geht es vordergründig mal um den Trainer. Der Skripniker rappt nicht mehr. Das fleischgewordene ukrainische Versprechen auf die Zukunft, eingesetzt nach schmerzhaften Erfahrungen mit Robin Dutt, ist auf’s Höchste angezählt und steht meiner Meinung nach vor dem Aus. Er, der Hardcore-Werderaner, der Double-Held, der tief im Verein verwurzelt, im November 2014 diese schwierige Aufgabe übernahm. Während Dutt die meiste Zeit mit seiner Eloquenz und dem Versuch, einen geerdeten Werderaner dazustellen, verbrachte, war Viktor der lange herbeigesehnte Sonnenschein. Er war die Zukunft, er war Werder, er war „wir”. Viktor Skripnik hat mittlerweile von furiosem Start bis zum knapp verhinderten Abstieg in Bremen alle emotionalen Höhen und Tiefen durchlaufen, einen internen Machtkampf gewonnen und seinen Vertrag zur vorzeitigen Verlängerung gebracht. Werders amtierender Sportdirektor Frank Baumann, der diesen Vertrag nach der Ablösung Thomas Eichins ohne Not direkt einmal verlängerte, sprach Skripnik jüngst sogar eine 8-Spiele-Jobgarantie (live im TV ausgesprochen: A-C-H-T) aus. Skripnik könnte also fest im Sattel sitzen. In Bremen wäre sowas trotz sportlicher Misere alles andere als abwegig. Was ist also das Problem?

Viktor Skripnik ist das Problem. Es ist gemeinhin ziemlich kompliziert, jemanden inhaltlich konstruktiv zu kritisieren, ohne sich gleichzeitig zu einem Teil von vielerorts sehr persönlicher und diffamierender Massenschelte zu machen. Aber es scheint mir offensichtlich, dass der Trainer die Mannschaft auf kaum einer Ebene erreicht. Das soll schon Ende der vergangenen Saison so gewesen sein, aber völlig unabhängig davon wirkt Skripnik auf und abseits des Feldes ratlos und gänzlich demotiviert. Diese Einsilbigkeit (ich beziehe mich hier nicht auf seinen beschränkten deutschen Wortschatz) und Dünnhäutigkeit bewirkt in mir schon länger den Wunsch, es möge bald Erlösung geben – auch für ihn. 
Ich würde mir gerne vorstellen, wie er der Mannschaft Lust und Willen eintrichtert, aus Ihr einen verschworenen Haufen formt und ihr Lösungen für Probleme an die Hand gibt. Es gelingt mir nicht. Viktor Skripnik ist mir über viele Jahre ans Herz gewachsen und er ist ein wahnsinnig guter Typ, aber kann nicht, was er und was wir eigentlich wollten. Das ist keine Schande und den Versuch war es definitiv wert. Aber man muss auch erkennen, wenn der Holzweg vor einem immer breiter wird. Die Führung an der Weser hätte die Pflicht, eigene Eitelkeiten beiseite zu schieben und aktiv zu handeln. Die vorzeitige Vertragsverlängerung diente einzig und allein dem mit großer Hoffnung verbundenen, gemeinsamen Schwur, es zusammen irgendwie zu schaffen. Viktor Skripnik wird seine Ziele nicht mehr umsetzen – seine Ablösung ist für mich daher nur noch eine Frage der Zeit.

Und dann? Ich habe mir diese Frage in den vergangenen Tagen des Öfteren gestellt und in mir festigt sich ein Gedanke. In dieser verfahrenen Situation gibt es natürlich wieder unterschiedliche Ansätze: Wird es der, vor noch nicht allzu langer Zeit sehr hoch gehandelte Trainer mit Aufstiegs- und Entlassungserfahrung, dem aber etwas latent schaumschlägerartiges anhaftet? Oder der „junge Fachmann“ aus den eigenen Reihen? Reaktiviert man gar Thomas Schaaf für eine Zeit?

Fritz und Kohfeldt in den verantwortlichen Positionen

Ich favorisiere eine andere Lösung. Ich bin der festen Überzeugung, dass Werder nur über eine Mischung aus Kompetenz und Emotion wieder zurück auf den Damm kommt. Der Verein sollte an dieser Stelle kreativ und flexibel sein und gängige Konventionen über Bord werfen. In meinen Augen schlägt hier bald die Stunde unseres Kapitäns, und zwar als Spielertrainer des SV Werder Bremen. Ich möchte Clemens Fritz und Florian Kohfeldt in den verantwortlichen Positionen. Fritz (vorerst) auf dem Feld, Kohfeldt daneben – das möchte ich sehen. Hinter einer solchen Lösung stehe ich problemlos, ohne wenn und aber, auch in der 2. Liga.

Auf die Unterstützung seitens des Publikums könnte man sich verlassen , was man momentan nicht unterschätzen sollte. Aktuell verspielt Werder Bremen nämlich genau diese. In meinen Augen grob fahrlässig, da der Support des Publikums das wirklich letzte Pfund ist, das Werder Bremen 2016 noch hat.

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