Vier sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Royal Flush, Benzin im Blut und echte Gefühle – Vorfreude auf Max Kruse

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Diese Woche: Lars Kranenkamp in der „Vier Sind Werder Bremen“-Kolumne.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, Sportjournalist Tobias Holtkamp und Werder-Blogger Lars Kranenkamp (im Netz besser bekannt als Burning Bush) spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch.

In dieser Ausgabe schreibt Lars Kranenkamp.

„Ich bin mit großer Lust und Euphorie nach Bremen gekommen und wollte der Mannschaft helfen, wieder einen positiveren Weg einzuschlagen als den der letzten Jahre. Ich habe mir persönlich viel vorgenommen“, lies er am Montag via Vereinswebsite verlauten. Er, der endlich wieder auf dem Platz steht. Nur zum Training und mit wenig Vollkontakt zwar, aber dennoch auf dem Platz. Bei weiterem positiven Heilungsverlauf steht dem SV Werder in ein paar Wochen eine aus meiner Sicht entscheidende Rückkehr bevor. In jüngerer Vergangenheit hat kein Transfer eines Spielers (ohne Lila Pullover) solche eine Begeisterung in mir ausgelöst.

Der 28-Jährige Offensive, den Sportchef Frank Baumann im Sommer für 7,5 Millionen Euro aus der spaßfreien Zone an die Weser lotsen konnte, ist in jeglicher Hinsicht ein „besonderer Fall“. Gilt der gebürtige Norddeutsche doch von jeher als schwer erziehbar und vor allem: schwer belehrbar. Sowohl seine nebenberufliche Passion des erfolgsorientierten Kartenspiels, als auch sein Engagement als ambitionierter Filmemacher für echte Gefühle im Bereich „Heim-Erotik für die moderne Frau“ trugen erst jüngst wieder gut zur Zementierung des erworbenen Images bei. Wie auch immer man das sieht oder dazu steht, Max Kruse hat ein Leben abseits des Fußballs, soviel kann man sagen.

Vielleicht ist es sogar nicht weniger als Kruses letzte Chance

Lars Kranenkamp verehrt Thomas Schaaf, überlebte Robin Dutt, interessiert sich vor allem für die Seele seines Vereins und es war seine #Verhandlungsmasse, die Claudio Pizarro erneut nach Bremen holte. Bekannt ist er vielen Werderanern als „Burning Bush" und Autor des Blogs #werder2013 („Unabhängig. Deutlich. Irgendwo zwischen ultimativem Liebesbrief und Stadionverbot.“). Nach vielen Jahren Kunst, Musik und Fußball u.a. in Berlin arbeitet Kranenkamp heute als PR & Kommunikationsberater in Hamburg.

Die Reaktionen auf den Transfer fielen entsprechend drastisch aus. Fußballfans und Medienmenschen (und seien sie noch so jung und „open minded“) neigen meinen Beobachtungen nach immer regelmäßiger dazu, überhaupt keine Schmerzen zu zeigen, wenn es darum geht, sich bestmöglich weit über wertkonservative Maßstäbe hinaus irgendwie spießig oder engstirnig zu zeigen. Da ist wie aus der Pistole geschossen von „total unprofessionell“ oder „soll sich schämen“ die Rede. Leute, die im Leben nur mit sehr viel Glück noch dazu kommen werden, Kinder zu haben, ziehen unverhohlen die „Vorbildfunktion für die Kids“ heran und sogar gestandene Bundestrainer greifen durch, verstoßen und drohen mit längerfristigem Liebesentzug (Merke: Im direkten Vergleich mit Kruses Verfehlungen ist jahrelanges Fahren ohne Führerschein natürlich zu vernachlässigen). Spieler mögen bitte authentisch sein, „Typen“ eben. Das wird ja wohl irgendwie ohne Ecken und Kanten gehen, also bitte!

Max Kruse spielt fortan für Werder Bremen und man sollte fairerweise zugeben, dass sich gute Leistungen in Grün-Weiß nach zurückliegenden „persönlich schweren“ Monaten (Verlorene Geldkoffer nach harten Pokernächten oder eigener, aber ungewollt veröffentlichter Soft-Erotik-Content gehen an keinem spurlos vorbei) natürlich auszahlen können und werden. Früher oder später bestünde die realistische Chance auf einen weiteren großen Vertrag bei einem Spitzenklub oder die Rehabilitation in der Nationalmannschaft. Es handelt sich hier also mitnichten um den selbstlosen Akt eines „Großen“, der die Liebe zu seinem alten Verein wiederentdeckt hat. Das sollte man nicht positiv verklären. Vielleicht ist es sogar nicht weniger als Kruses letzte Chance.

Werder hatte einmal ein Händchen für „Problemfälle“ – das fand ich sehr geil, jeder fand das

Aber: Werder hatte einmal ein Händchen für „Problemfälle“ – Ailton oder Özil wurden hingebogen, wie Suppenlöffel von Uri Geller. Das fand ich sehr geil, jeder fand das. Diese Gabe kam den Bremern in der späten Phase der Ära Schaaf/Allofs spürbar abhanden und genau hier wird es für mich spannend: Ich habe nach Transferunfällen wie Carlos Alberto oder der in Bremen völlig deplatzierten Egozange Elia/Arnautovic im Fall Kruse das Gefühl, dass man einen der Kategorie „schwierig“ endlich mal wieder hinbekommen könnte. Nun, ich gebe zu, ich gefalle mir ein bisschen in der Rolle des Fans eines Vereins, der sich solchen Aufgaben stellt und die „harten Nüsse knackt“, der die Priorität bei solchen Personalien vermeintlich auf das Sportliche lenkt und sich von einem aktuell temporär kommunizierten fragwürdigen Image nicht abschrecken lässt. Das hat sowas Soziales, Verantwortungsvolles. „Wir, die Guten“, Ihr wisst schon.

Über Qualität lässt sich ja sowieso kaum streiten. Viktor Skripnik und Claudio Pizarro zeigten sich bereits nach den ersten Trainingseinheiten mit Kruse begeistert – von „Weltklasse“ war da die Rede. Gut, ein Peruaner und ein Ukrainer haben den Stempel „Achtung, Hanseatisches Understatement!“ sicher nicht direkt ganz vorn im Ausweis, aber trotzdem unterstreichen diese O-Töne meine Hoffnungen und Vorstellungen immens. Kruses Spielweise und seine Interpretation der offensiven Rolle gefallen mir schon lange und das in fast jedem Klub unter so gut wie jedem Trainer. Ich denke, dass mir da in dieser sportlichen Betrachtung nur wenige widersprechen würden. Selbst Thomas Schaafs einstige Entscheidung, Kruse auszusortieren, fußte weniger auf dessen spielerischer Perspektive, als vielmehr auf bereits angedeuteten Interessen wie camouflagefarbene, übermotorisierte Nobelrenngeschosse, die samt Image so gar nicht nach Bremen passen wollten. Kruse ist ein Stürmer überragender Klasse und würde Werder im aktuellen Stadium zweifellos weiterhelfen. Was allein Serge Gnabry mit ihm oder/und dem Kollegen Pizarro im gesunden Zustand veranstalten würde, ist für mich kaum auszudenken. Eine vielversprechendere Offensive hätte Werder Bremen sicher lange nicht am Start gehabt.

Ohne Zweifel: Max Kruse ist nicht ohne

Max Kruse ist und bleibt ein eigenwilliger Typ. Unmittelbar nach Testspielen meldet er sich via Facebook LIVE bei seinen Fans. Die mögen diese lockere und ungezwungene Art. Auch Poker-Ausflüge nach Tschechien in Ausfallzeiten werden seitens der Fans in Bremen nicht moniert. Alles scheint hier wunderbar zu passen und der Spieler selbst strahlt dies ebenfalls aus. Ohne Zweifel: Max Kruse ist nicht ohne. Nicht als Typ und damit verbunden sicher auch nicht als Spieler oder Teamkollege. Charaktere wie er bringen immer die Notwendigkeit der besonderen Kommunikation mit sich und sie brauchen ihren Raum. Ob man ihnen diesen gewähren kann, auch und vor allem gegenüber den anderen Spielern, muss jeder Verein für sich entscheiden. Ich jedenfalls bin froh, dass Max Kruse da ist und ich freue mich darauf, ihn endlich in unserem Trikot spielen zu sehen. Für mich völlig unstrittig: Liefert er auf dem Rasen ab, gönne ich ihm auch einen neuen Koffer oder den nächsten deutschen Filmpreis – da bin ich großzügig.

Hier findet Ihr alle bisherigen Ausgaben der nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ – und hier gibt‘s weitere Werder-News. Infos über die Knie-Verletzung von Max Kruse und seine Rückkehr ins Mannschaftstraining könnt Ihr hier nachlesen.  

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