Vier sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Bode, Baumann & Konsorten – Warum ich von Werders Machern mehr erwarte

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Die nordbuzz-Kolumnisten (v.l.): Tim Borowski, Tobias Holtkamp, Lars Kranenkamp und Laura Wontorra.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, Sportjournalist Tobias Holtkamp und Werder-Blogger Lars Kranenkamp (im Netz besser bekannt als Burning Bush) spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch.

In dieser Ausgabe schreibt Lars Kranenkamp.

„Wir wollen den besten Trainer für Werder Bremen finden. Vielleicht ist das Alexander Nouri."

Mit diesem O-Ton (im NDR Sportclub) entließ Werder-Sportchef Frank Baumann seinen amtierenden Trainer am Sonntag in die neue Arbeitswoche. Seine Aussage ist auf so vielen Ebenen unangemessen, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Baumann treibt den Pegel fragwürdiger Zitate aktuell katapultartig in Frequenzbereiche, die mich restlos ratlos zurücklassen. Erst jüngst schenkte er uns Hitsingles wie „Skripnik hat viele Spieler weiterentwickelt“ oder „Auch wenn wir die nächsten acht Spiele nicht gewinnen, bleibt Viktor Skripnik Trainer“ und interpretiert die Rolle als Sportchef in Sachen Außendarstellung in den letzten Wochen damit auf seine ganz eigene Weise.

Lars Kranenkamp verehrt Thomas Schaaf, überlebte Robin Dutt, interessiert sich vor allem für die Seele seines Vereins und es war seine #Verhandlungsmasse, die Claudio Pizarro erneut nach Bremen holte. Bekannt ist er vielen Werderanern als „Burning Bush" und Autor des Blogs #werder2013 („Unabhängig. Deutlich. Irgendwo zwischen ultimativem Liebesbrief und Stadionverbot.“). Nach vielen Jahren Kunst, Musik und Fußball u.a. in Berlin arbeitet Kranenkamp heute als PR & Kommunikationsberater in Hamburg.

Die Situation, die Frank Baumann zu stemmen hat, ist zweifellos eine sperrige, nicht eben einfache. Ich möchte nicht mit einem Mann tauschen, der nach Dutt- und Skripnik-Episoden nun den dritten Trainer der Post-Schaaf-Ära bestimmen und dabei in jedem dritten Satz auf die Notwendigkeit von Kontinuität hinweisen muss. Aber: Sollte man sich nicht gerade als Sportchef des selbsternannten „etwas anderen“ Vereins gerade machen und selbstbewusst den Takt vorgeben? Immerhin den Takt des Vereins, der sich zumindest bei seinen eigenen Anhängern offensichtlich keinerlei Sorgen um seine Reputation machen muss. Warum diese Unsicherheit? Warum diese augenscheinliche Angst und wovor?

In der aktuellen Herangehensweise von Baumann & Co. sehe ich große Gefahren

Ich mag Frank Baumann – ich schätze ihn als bodenständigen, kompetenten Fachmann, der sich einst in seiner dezenten Art aus dem Wirkungskreis des dominanten Machers Eichin von Werder verabschiedete, um dann in seiner eigenen, unprätentiösen Art wieder zur Stelle zu sein, als es brannte. Frank Baumann ist Werderaner, was man nach meinem Dafürhalten nicht allein durch kürzere oder längere Vereinszugehörigkeit ist oder wird. Im Grunde gibt es an der Person Frank Baumann in verantwortungsvoller Position bei Werder Bremen rein gar nichts auszusetzen. Wir wollen diese Typen, die besonnen handeln, ohne Aktionismus. Und doch sehe ich in der aktuellen Herangehensweise von Baumann & Co. große Gefahren.

„Wir wollen den besten Trainer für Werder Bremen finden. Vielleicht ist das Alexander Nouri" ist die Aussage eines Mannes, der selber zutiefst verunsichert wirkt. Sportlich verunsichert, von den Anforderungen verunsichert, von der Gesamtsituation. Eine Wurzel des Übels sehe ich in der Tatsache, dass er einen Großteil dieser vermeintlichen Unsicherheit in Eigenregie herbeigeführt hat. Den Vertrag mit Viktor Skripnik im Juli dieses Jahres vorzeitig bis 2018 zu verlängern, ist für mich und sehr viele andere nicht im Geringsten nachvollziehbar und personell eine der größten Fehlentscheidungen der letzten Jahre. Aber sind Baumann diese Fehler allein anzulasten?

Der Geschäftsführer Sport wirkt alleingelassen

Der Geschäftsführer Sport wirkt alleingelassen. Die passive Riege um ihn herum erscheint in der Öffentlichkeit noch defensiver als gewohnt. Klaus Filbry und Marco Bode treten kaum in Erscheinung, nehmen Baumann in der Öffentlichkeit gefühlt nichts ab. Baumann versucht zu reagieren, hier und dort, auf alles, was geflogen kommt. Selbst zu agieren, davon ist er gefühlt meilenweit entfernt. Klaus Filbry überzeugte in der Vergangenheit mit seinen sportökonomischen Kompetenzen immer eher im Stillen. Der Geschäftsführer Finanzen des SVW steht für die wirtschaftlichen Interessen und Zwänge des Vereins. Er ist kein Mann, der einen Sportchef für das Auge sichtbar entlastet, wenngleich seine Stimme intern erhebliches Gewicht hat. Meine Erwartungen diesbezüglich sind da sehr überschaubar.

Als besonders bemerkenswert empfinde indes schon seit einiger Zeit die Rolle meines einstigen Lieblingsspielers Marco Bode. Bei seiner Amtsübernahme 2012 war ich begeistert. „Bode im Aufsichtsrat, das ist überragend – jeder Klub der Welt könnte so einen gebrauchen“, lautete nicht nur mein damaliges Urteil. Auch als jemand, der bei aller Kritik um die Verdienste und Leistungen Willi Lemkes weiß, war ich 2014 erneut absoluter Unterstützer der Idee, Bode solle das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden übernehmen. Der Mann war für mich im Grunde über sehr lange Zeit mehr Werder Bremen als die meisten anderen – die personifizierte Zukunft, nicht weniger.

Bode kämpft den Kampf der Kontinuität um jeden Preis

Diese Hoffnungen wichen einigermaßen harter Enttäuschung. Bode kämpft den Kampf der Kontinuität um jeden Preis. Der Begriff der „Kontinuität“ wurde in diesem Verein wohl strapaziert wie sonst nur „Familie“. Sie war über viele Jahre ein wichtiger Begleiter der Verantwortlichen an der Weser. Rehhagel, Fischer, Lemke oder Schaaf – jeder Werderaner liebte das. Während andere die Verantwortlichen wechselten, wechselte man bei Werder nur die Verträge. Bode hält offensichtlich fest – fest an der Vorstellung, diese Verhältnisse unter allen Umständen in die Neuzeit zu retten. Es scheint, als ordne er alle anderen Aufgaben dieser Sache unter. Die Vertragsverlängerung mit einem Trainer, der zum damaligen Zeitpunkt schon kaum noch ein einziges Kriterium des aktuellen Anforderungsprofils erfüllte, ist der jüngste radikale Beweis für das zwanghafte Festhalten am „Alten“. „Werder war immer stark, wenn man eine gewisse Kontinuität auf dem Posten hatte", sagte Frank Baumann im Juli anlässlich der Vertragsverlängerung mit Skripnik.

Werder braucht nicht mehr Konsens, sondern einen Ausgleich zur Fraktion „Stallgeruch“

Es ist vermutlich zu viel verlangt, vom Aufsichtsratsvorsitzenden zu erwarten, er sollte in Zusammenhang mit derart eklatanten Fehlern auch seine Funktion hinterfragen. Von einem derart intelligenten und eloquenten Menschen wie Marco Bode erwarte ich allerdings tatsächlich mehr, als die aktuell doch schwierige Situation einem im Naturell zurückhaltenden, passiven Sportchef-Novizen zu überlassen. Ich hielt es unabhängig von allen mir bekannten Begründungen für einen Fehler, den zielstrebigen, semi-extrovertierten, klaren und mit Außenblick ausgestatteten Eichin gegen ein weiteres „Familienmitglied“ auszutauschen. Aktuell fühle ich mich in vieler Hinsicht bestätigt. Werder braucht nicht mehr Konsens, sondern einen Ausgleich zur Fraktion „Stallgeruch“. Menschen, die aus anderer Perspektive auf unseren Verein schauen und Mut zu einem klaren Wort haben. Die Kontroverse ein Stück weit abzuschaffen steht Werder ganz und gar nicht.

„Wir wollen den besten Trainer für Werder Bremen finden. Vielleicht ist das Alexander Nouri“ ist kein klares Wort, sondern das Hinhalten eines Trainers, der mit seinem Co-Trainer keine Sekunde gezögert hat, um in dieser schwierigen Situation auf die Brücke zu gehen. Ich habe Verständnis dafür, dass einem der Gedanke zusetzt, die teils beeindruckenden Leistungen des von Nouri und Bruns angetriebenen Teams seien nur ein Sturm im Wasserglas, der sich in Kürze auf Skripnik-Art abschwächt und danach alles zum Erliegen kommt.

Jeder Trainer hat eine andere Situation verdient als diese – Das ist nicht Werder-Art

Auch ich kann nur mutmaßen, ob das aktuelle Trainerteam den anstehenden Aufgaben in der Bundesliga gerecht werden kann. Aber – und das ist vermutlich meiner auf den Profifußball und meinen Verein bezogenen Restromantik geschuldet: Jeder Trainer hat jederzeit eine andere Situation verdient als diese. Ich halte die Ansage von Frank Baumann für nichts anderes, als ein unausgesprochenes Ultimatum. Das ist nicht Werder-Art und kann nicht die zukünftige Art und Weise sein. Auch nicht, wenn ich bei der Wahl eines neuen Trainers vielleicht leichtsinnigerweise auf das falsche Pferd gesetzt habe (Herr Gisdol zog es vor, sich einem „wahnsinnig geilen Klub“ anzuschließen) und nun notgedrungen Alternativen finden muss oder möchte. Dieser Verein benötigt aktive und selbstbewusste Führung. Die kann ich aktuell nur sehr bedingt erkennen.

Ich wünsche dem Tandem Nouri/Bruns, dass sie Darmstadt 98 in spielerisch überzeugender und mental gefestigter Manier schlagen. So, wie es zuletzt gegen Wolfsburg der Fall war. Sportchef und Aufsichtsratsvorsitzender sind vielleicht spätestens dann von irgendwas oder irgendwem überzeugt – und verzichten bei der Verkündung sogar mal auf das Wort „Kontinuität“. Denn bei aller Priorität, die Trainerposition betreffend, kann man momentan nur zurückhaltend feststellen: Wir wollen die besten Verantwortlichen für Werder Bremen. Vielleicht sind das Marco Bode und Frank Baumann.

Hier findet Ihr die weiteren Ausgaben der nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ von Lars Kranenkamp, Laura Wontorra, Tim Borowski und Tobias Holtkamp. Und noch mehr Infos zu Werder Bremen gibt es hier.

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