Vier sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Klagelied zum Nordderby – Fußballfest war gestern

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, Sportjournalist Tobias Holtkamp und Werder-Blogger Lars Kranenkamp (im Netz besser bekannt als Burning Bush) spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch. In dieser Ausgabe schreibt Lars Kranenkamp.

Am Samstag ist es wieder soweit: „Nerdderby“, „Notderby“ oder auch ganz einfach „Nordderby“, wie es nur noch von jenen mit dem nötigen Ernst betrachtet wird. Der SV Werder Bremen tritt beim Hamburger Sportverein an. In der Bundesliga. Letzteres ist angesichts der Situation beider Vereine eigentlich schon die gute Nachricht.

Es folgt übrigens kein HSV-Verriss. Zum einen hat dieser Verein keinen Hobbysatiriker nötig, der die Latte der ungläubigen Faszination täglich ein Stockwerk tiefer legt. Dafür hat man ja die eigenen Leute – ich schlage ja auch keine Kinder. Zum anderen hält sich der spürbare Spaß daran, den buckligen Nachbarn zu veralbern, während der eigene Keller knietief unter Wasser steht, sehr in Grenzen.

„Das hier ist das geilste Spiel der Welt, dafür machst du das alles“

Lars Kranenkamp verehrt Thomas Schaaf, überlebte Robin Dutt, interessiert sich vor allem für die Seele seines Vereins und es war seine #Verhandlungsmasse, die Claudio Pizarro erneut nach Bremen holte. Bekannt ist er vielen Werderanern als „Burning Bush" und Autor des Blogs #werder2013 („Unabhängig. Deutlich. Irgendwo zwischen ultimativem Liebesbrief und Stadionverbot.“). Nach vielen Jahren Kunst, Musik und Fußball u.a. in Berlin arbeitet Kranenkamp heute als PR & Kommunikationsberater in Hamburg.

Es geht hier lediglich um ein einst sehr besonderes Fußballspiel. Im Hamburger Volksparkstadion (oder wie auch immer das aktuell gerade heißt) kommt es zu dem Duell, dass mich und unzählige andere Fans beider Seiten Jahre und Jahrzehnte lang elektrisierte. Per Definition „Das Spiel des Jahres“ eines jeden von uns, bei dem von jeher zwei Welten aufeinander trafen. Das hanseatische Schwergewicht aus Hamburg auf der einen Seite, dessen grundsätzliche Voraussetzungen allseits als unbestritten galten und dem die Bundesliga eigentlich immer schon zu klein schien. Und Werder Bremen auf der anderen Seite, dem kleinen Konkurrenten aus der Nachbarschaft, der gefühlt so viele Jahre in Sachen Meisterschaft oder Champions League über dem eigenen Niveau agierte und dem Hamburger Rivalen immer ein grün-weißer Dorn im Auge war. Nordderby, für viele wichtiger als die Meisterschaft.

Spannende Duelle, die sich vor Jahren mit Fug und Recht eigentlich immer wie ein Stück traditionellster Bundesliga-DNA anfühlten. Da hast du manchmal nach drei Niederlagen in Folge dagestanden und warst trotzdem der vollen Überzeugung: „Das hier ist das geilste Spiel der Welt, dafür machst du das alles." Und dann gab’s einen großen Fight, ein Spiel zweier Mannschaften, in dem jeder Akteur genau zu wissen schien, welche Bedeutung die Sache gerade hat. Das war Feuerwerk, völlig unabhängig von der Qualität oder der Tabellensituation... das hat geknistert und war jeden Pfennig wert.

Das Etikett „Not gegen Elend“ wurde schon anlässlich weit ansehnlicherer Veranstaltungen benutzt

Mittlerweile haben wir 2016. Das „Nordderby“ gibt es noch und wie gesagt: Sogar in der Bundesliga. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wieder einmal treffen zwei fast chronisch leidende Patienten aufeinander, zwei wankende Traditionsvereine. Das Etikett „Not gegen Elend“ wurde schon anlässlich weit ansehnlicherer Veranstaltungen benutzt. Gut, ich gucke ja alles. Am Vergangenen Sonntag war ich erst am Millerntor und dann direkt im Weserstadion zu Gast. Früher ist man einfach irgendwo hingegangen und hat sich auspeitschen lassen. Ich bin also relativ schmerzfrei, aber wir bewegen uns doch in fiesen Zeiten, wenn dein Verein durch den Abstieg von Hannover 96 und einem augenscheinlich sehr hartnäckigen Kolbenfresser des VfL Wolfsburg ganz schnell mal die „Nummer 1 im Norden“ sein kann – und das auf dem Relegationsplatz! Kurz: Trotz Nordderby kein Glanz, keine Euphorie, nur Sorgen und Bedenken. Trägheit und Angst greifen um sich, Fußballfest war gestern.

Ich vermisse die Scharmützel im Vorfeld, die Frotzeleien im Freundeskreis, dem bei mir zugegebenermaßen auch viele arme Irre aus dem Umfeld des Dinos angehören. Diese Sticheleien konnten was. Zum Beispiel auch geil: Man freute sich zweimal jährlich wie ein kleines Kind, konnte man wieder mal den überragenden „HSV-Opa" bei Facebook teilen. Hier echauffiert sich ein älterer Herr in den besten Jahren mit unnachahmlicher Hingabe (und zehn Eierlikör) ob der Leistung seines HSV und über die Reizfigur Tim Wiese: „Dieser Chaooooot!" Apropos Wiese, der ist heute Wrestler und Werder-Kolumnist bei den Kollegen der BILD. Für beides benötigt er keinen Funken Fußballsachverstand – gute Wahl. Im Rahmen eines Nordderbys fehlt er aber an allen Ecken und Kanten. Es waren gerade auch Persönlichkeiten wie er, die diesem Duell zum angemessenen Rahmen verhalfen.

In Zeiten, in denen die Bundesliga von Markenmutanten dominiert wird, ist mir das „Notderby“ trotz allem so lieb wie nie

Ich gehe am Samstag natürlich ins Stadion. Trotz allem. Da ist eine Restfaszination im Blut, die mich immer wieder an diesen Ort grün-weißer Triumphe (Die Derbywochen 2009, in denen Werder und der HSV innerhalb von 19 Tagen viermal aufeinander trafen, bleiben für immer unvergessen) ziehen. Interesse und Spannung werden sich auch im Laufe dieser Woche wieder bis in die Nähe des Unerträglichen steigern und spätestens Freitag kommt dann sicher auch der „HSV-Opa" wieder aus der Kiste. So ist das und so bleibt das, egal wann und in welcher Liga.

Um mein Klagelied an dieser Stelle einmal verstummen zu lassen – auch wenn das ein vermutlich eher hässlicher Samstag wird und unter den gegebenen Umständen aus Werdersicht richtig nach hinten losgehen kann, ist mir doch eines klar: In Zeiten, in denen die Bundesliga auf die aktuelle Art und Weise von Markenmutanten, Produktbesessenen und Investamokläufern penetriert und dominiert wird, ist mir das „Notderby“ trotz allem so lieb und teuer wie nie.

nordbuzz-Kolumne

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