Kommentar: Nordderby ohne Zampano

Der Wiese-Weg führt nicht zu Werder – schade

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Beim Kung-Fu-Tritt gegen HSV-Stürmer Olic schoss Wiese 2008 deutlich über das Ziel hinaus.

Derbytime, geil! (An)Spannung, Vorfreude, Knistern – es ist angerichtet. Was fehlt: Werder Bremen in guter Verfassung und Tim Wiese… irgendwie. Wiese ist einer von diesen Typen, nach denen heute vielerorts gerufen wird, die dem Fußball angeblich gänzlich abgehen. Die Diskussion, ob dem tatsächlich so ist, will ich an dieser Stelle gar nicht führen, doch Wiese – das dürfte unbestritten sein – war und ist einer, der polarisiert. Das passte aus meiner Sicht nicht immer zu Werder, aber vor den Duellen mit dem Hamburger SV hat mir das stets gefallen.

„Fußball ist auch Show, das sind pure Emotionen“, sagte Wiese kürzlich in der „Sport Bild“. „So wie 2009, da hatten wir mit Werder vier Spiele innerhalb von wenigen Tagen gegen den HSV in der Bundesliga, im DFB-Pokal- und Uefa-Cup-Halbfinale. Da habe ich in einem Interview gesagt: ,Wir müssen dem HSV einen auf den Sack geben.‘ Und was haben wir mit Werder gemacht? Genau das! Wir haben den HSV damals komplett zerstört – und seitdem ist er auch nicht mehr hochgekommen." 

Da war er wieder, der Wiese, der mir gefehlt hat. Der ehemalige Keeper der Bremer weiß, das kommt bei den Werder-Fans noch immer gut an, genauso weiß er, andere hassen ihn für die Aussagen – in dieser Rolle gefällt er sich, das hat er zuletzt oft genug betont. Nur blöd, dass Wiese aus Werder-Sicht nicht mehr auf der richtigen Seite zu stehen scheint – anders sind seine verbalen Attacken gegen den Ex-Club für mich nicht zu erklären.

„Wiese tut so, als wisse er nicht, was er tut. Aber er führt alle an der Nase herum“

Wer Wiese für einen Clown hält, der unbedacht und ohne Kalkül Aussagen herausfeuert, der irrt. Wiese ist nicht dumm, Wiese ist ein Showmann. Tino Polster, Werders ehemaliger Mediendirektor, sagte vor langer Zeit zu mir: „Wiese tut so, als wisse er nicht, was er tut. Aber er führt alle an der Nase herum.“ Dabei lässt er sich nie in die Karten schauen. Mehrere ehemalige Mannschaftskollegen haben Wiese mir gegenüber als „guten Typen“ beschrieben. Er sei aber auch einer, mit dem man kein ernsthaftes Gespräch führen könne – ernsthaft im Sinne von persönlich. Wiese ist ein Sprücheklopfer, eine Figur, ein Zampano – immer, aus dieser Rolle tritt er zumindest in der Öffentlichkeit nicht heraus, vielleicht kann er das auch gar nicht. 

Wieses Patzer führte 2006 zur Champions-League-Niederlage gegen Juventus.

Ich erinnere mich an eine Flugreise zu einem Champions-League-Spiel, ich war als Mitarbeiter der Werder-Pressestelle mit an Bord. Bei leichten Turbulenzen verschränkte Wiese die Hände hinterm Kopf, beugte sich, wie in den Nofallplänen für Flugzeugabstürze vorgeschrieben, nach vorne und sagte mit vergleichsweise lauter Stimme „brace, brace! safety position!“ In einer Situation, in denen anderen ganz sicher mulmig zumute war, überspielte Wiese womöglich seine Unsicherheit mit Späßen. Als die Anschnallzeichen wieder erloschen waren, stellte sich Wiese in den Gang, breitete die Arme aus und tat so, als würde er gemeinsam mit dem Flugzeug gleiten. „Surfen bei 800 km/h“, erklärte Wiese, alle lachten. Durch und durch Showmann eben – das war er auch auf dem Fußballfeld. Seine Paraden waren oft spektakulär: Artistisch flog er durch den Strafraum, auch wenn er dabei manchmal über das Ziel hinaus schoss, wie beim Kung-Fu-Tritt gegen HSV-Spieler Ivica Olic oder mit einer Rolle zu viel 2006 in der Champions League gegen Juventus Turin.

Wiese hätte sich zur Ruhe setzen und Geldscheine zählen können – das hätte aber keiner bemerkt

Wiese steht gerne im Mittelpunkt, Wiese braucht die Bühne. Insofern glaube ich, dass das Wrestling-Business, eines der größten Showgeschäfte der Welt, genau das richtige für einen Selbstdarsteller wie Wiese ist. Eben diese Aufmerksamkeit dürfte ihm nach seinem sportlichen Absturz in Hoffenheim gefehlt haben. Wiese wurde zurückgesetzt – aussortiert in die Trainingsgruppe 2, gemeinsam mit anderen, die nicht mehr gebraucht wurden. Das würde niemandem gefallen, an einem wie Wiese dürfte das besonders genagt haben.

Wiese bei seinem Wrestling-Debüt in München.

Wiese hätte sich zur Ruhe setzen und Geldscheine zählen können. Das hätte aber keiner bemerkt – weg vom (Schau-)Fenster, im wahrsten Wortsinne. Wenn man aber die Aufmerksamkeit so sehr braucht wie „The Machine“, wie er sich heute nennt, ist das wohl einfach keine Option. Deswegen war es nur konsequent, dass sich Wiese eine neue Herausforderung gesucht hat. Eine Aufgabe, die Beobachtern Bewunderung oder aber zumindest Respekt abnötigt: Zunächst Bodybuilding, dann Wrestling. Insbesondere in seiner Muskelaufbauphase wurde Wiese oft belächelt, ich habe großen Respekt vor seiner Zielstrebigkeit, seinem Willen. Wiese hat nach einer erfolgreichen Fußballkarriere eine neue, nicht minder beeindruckende, Laufbahn eingeschlagen und mit dem ersten Match in München ein weiteres Ziel erreicht. Selbst ehemalige Mannschaftsgefährten haben ihm das nicht zugetraut. Wiese hat's allen gezeigt, er ist jetzt Profi-Catcher. Das kann man lächerlich finden oder aber den Hut vor seinem Ehrgeiz ziehen, davor, dass er als Showmann Klischées gekonnt zu bedienen und für sich zu nutzen weiß. Wiese hat seinen Platz vorerst gefunden.

Wrestling-Debüt geglückt: Tim Wiese gewinnt im Ring

Video: Wieses Debüt-Kampf in München seht Ihr hier in voller Länge.

Verbaler Bodyslam gegen Werder vor dem Derby – warum?

Insofern bin ich über seine medialen Aussagen abseits des Wrestlings mehr als verwundert. Wiese sollte es eigentlich nicht mehr nötig haben, sich wie jüngst in der Kolumne der „Bild“ als Verbalprügler zu positionieren. In dieser schießt Wiese schon seit Monaten gegen Werder. Früher gegen Ex-Manager Thomas Eichin, zuletzt gegen Trainer Alexander Nouri. Immer kantig, bissig, oft sogar lustig. Mir als Werder-Anhänger kann das nicht gefallen, wenn Ex-Profis den ehemaligen Club attackieren, klar. Für meinen Geschmack ist das dann doch eine Portion Show zu viel.

Es ist töricht, das eigene Denkmal anzupinkeln

Schon bei Uli Borowkas regelmäßigen Verbalangriffen auf die Grün-Weißen habe ich mich gefragt, was er damit bezwecken will. Im Fall Wiese bin ich noch ratloser. Als Wiese ohne Aufgabe dastand und ihm nicht die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die er offensichtlich braucht, nutzte er die mediale Bühne, um im Gespräch zu bleiben – das verstehe ich, auch wenn mir die Art und Weise oft nicht gefallen hat. Genauso verstehe ich, dass er in der „Bild“ „ich finde RB Leipzig geil“, sagte, um genau das Gegenteil vom dem zu behaupten, was der gemeine Fußballfan über RB denkt – um zu polarisieren und damit ein Image zu pflegen. Aber warum verpasst Wiese jetzt, kurz vor dem Nordderby, Werder einen erneuten verbalen Bodyslam? Weil Wiese eben Wiese ist, reicht für mich als Argument nicht aus. Damit tut Wiese auch sich selbst keinen Gefallen. 

Beim Abschied von Werder.

Er ist eine Werder-Legende und in Bremen noch immer sehr beliebt, es ist töricht, das eigene Denkmal anzupinkeln, ganz unabhängig davon, dass er sich die Tür zu einer Rückkehr an die Weser (in welcher Funktion auch immer) zuschlägt. Vielleicht will Wiese das auch gar nicht, schließlich hat er den SVW 2012 aus freien Stücken verlassen. Werder war ihm, dem heutigen Wahlbremer, zu klein geworden. Dennoch: Wiese fehlt vor dem Nordderby als einer von Werder und nervt als Nörgler. Dabei könnte der SVW einen Wiese pro Grün-Weiß gerade gut gebrauchen. Also mach` Dich mal wieder gerade, Tim und komm zurück auf die richtige Seite. Wir haben gerade zwar nicht allzu viel zu bieten, geiler ist's hier trotzdem!

Mehr zum Nordderby: Lars Kranenkamp legt am Mittwoch mit seiner „Vier sind Werder Bremen“-Kolumne zum Duell zwischen dem HSV und Werder nach. 

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