Ein Gespräch mit dem Werder-Kapitän

Fritz im Interview: „Mannschaft, Fans und Stadt sind noch näher zusammengerückt“

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Werder-Kapitän Clemens Fritz im Gespräch mit nordbuzz-Redaktionsleiter Timo Strömer.

Wir treffen Clemens Fritz zum Frühstück bei seinem Lieblingsitaliener. Der Werder-Kapitän startet mit Rührei, Brötchen, frisch gepresstem Orangensaft und Kaffee in den Tag. Das Personal begrüßt den 35-Jährigen mit Umarmung und Smalltalk – man kennt sich. Hier fühlt sich Fritz wohl, hier gerät der dienstälteste SVW-Profi ins Plaudern. Im nordbuzz-Interview spricht Fritz über die neue Saison und das Pokal-Aus, aber auch über sein privates Glück, Videospiele und soziale Medien.

nordbuzz: Du kommst offensichtlich regelmäßig hier her ...

Clemens Fritz: Ja. Ich genieße es, hier morgens entspannt zu sitzen, in Ruhe Zeitung zu lesen und mich so auf den Tag vorzubereiten.

nordbuzz: Achtest Du sehr auf Deine Ernährung?

Fritz: Ja schon. Ich versuche ausgewogen zu essen: Sportlergerecht, beispielsweise regelmäßig abends auf Kohlenhydrate zu verzichten und auch fleischlose Tage einzulegen.

nordbuzz: Wird das für einen Profi-Sportler mit zunehmendem Alter wichtiger?

Fritz: Es schadet jedenfalls nicht … (lacht)

nordbuzz: Du könntest jetzt am Strand liegen, die Welt bereisen oder andere Dinge tun, die man im Ruhestand so macht. Stattdessen geht es für Dich in die elfte Bundesliga-Saison mit Werder und zum Start direkt nach München zum FC Bayern.

Fritz: Ja, das habe ich mir so ausgesucht und ich bereue meine Entscheidung auch nicht. Am Strand liegen und die Welt bereisen kann ich auch noch später, meine Zeit als Profifußballer läuft dagegen ab, die möchte ich noch auskosten. Ich fühle mich gut, körperlich fit und ich habe richtig Lust auf die neue Saison.

nordbuzz: Wobei die Bayern vermutlich kein Gradmesser für Werder sind ...

Fritz: Wenn wir das Spiel so angehen, brauchen wir da gar nicht erst hinzufahren. Fußball ist auch Kopfsache, wir müssen darauf brennen, gegen den FC Bayern anzutreten. Jeder aus der Mannschaft will sich gegen den deutschen Meister beweisen, Bayern ist der klare Favorit, also haben wir im Grunde nichts zu verlieren. Wir müssen die Aufgabe positiv angehen, ich freue mich auf das Eröffnungsspiel.

„Nicht mit Angst nach München fahren“

nordbuzz: Aber wenn die Bayern richtig loslegen, könnte es übel für Werder werden. Warum droht kein Fehlstart?

Fritz: Das ist die falsche Einstellung. Respekt vor den Bayern zu haben, ist wichtig, aber wir dürfen nicht mit Angst nach München fahren. „Was wäre wenn ...“ ist mir zu hypothetisch. Ich beschäftige mich doch jetzt nicht mit dem Thema Fehlstart. Warum so negativ?

nordbuzz: Weil Ihr bereits im Pokal ausgeschieden seid und die letzte Saison wenig Anlass gab, etwas anderes zu erwarten: Abstiegskampf, Beinahe-Trainerwechsel, Unruhe in der Mannschaft, Eichins Abgang …

Beim Pokal-Aus in Lotte machten Clemens Fritz und sein SV Werder Bremen keine gute Figur.

Fritz: Das Pokalspiel war von uns schlecht, darüber brauchen wir nicht diskutieren. So wie wir in Lotte aufgetreten sind, dürfen wir uns als Mannschaft nicht präsentieren. Das darf sich nicht wiederholen. Wenn wir auf die letzte Saison zurückblicken, lief sicherlich nicht alles gut, aber es wurde auch viel von außen hineingetragen. Natürlich kommt nach so einer Saison viel Kritik auf. Wichtig ist aber, dass wir intern zusammengehalten und gemeinsam an einem Strang gezogen haben. Sonst wären wir abgestiegen. Wir haben die Themen intern aufgearbeitet und jetzt blicken wir nach vorne.

nordbuzz: Trainer Viktor Skripnik steht nach dem Pokal-Aus bereits wieder stark in der Kritik …

Fritz: Dass Kritik aufkommt, ist doch normal. Aber die sollte in erster Linie in unsere Richtung gehen. Das Trainerteam hat uns in Lotte gut auf das Spiel eingestimmt. Aber wir haben die Vorgaben nicht gut umgesetzt, haben zu viele Fehlpässe gespielt, die Zweikämpfe zu selten angenommen und zu viel zugelassen. Aber wir sollten jetzt nicht den Fehler machen, nach einem Spiel alles infrage zu stellen.

nordbuzz: Die Bremer Berichterstattung über Werder gilt eigentlich als vergleichsweise harmlos. Werden die Medien bissiger?

Fritz: Nein, das Gefühl habe ich nicht. In der letzten Saison hatten wir als Mannschaft andere Ansprüche und steckten bis zum Schluss im Abstiegskampf. Der Kritik müssen wir uns dann auch stellen.

Social Media? „Ich bin da eher der Retro-Typ“

nordbuzz: Mit Facebook, Twitter & Co. ist der Fußball noch öffentlicher geworden. Wie erlebst Du den Einfluss der sozialen Medien?

Fritz: Das ist viel mehr geworden. Zu meiner Anfangszeit gab es das ja gar nicht, heute musst Du immer damit rechnen, dass jemand ein Foto oder Video von Dir macht und es ins Internet stellt. Viele Spieler sind in den sozialen Medien sehr aktiv, ich nicht, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

nordbuzz: Neuzugang Max Kruse hat kürzlich ein Live-Video vom Spielfeld bei Facebook eingestellt.

Fritz: Kann er ja machen, das ist seine Sache. Ich bin da eher der Retro-Typ und schreibe regelmäßig etwas auf meiner Homepage. Ich habe mich nie viel in sozialen Netzwerken herumgetrieben.

nordbuzz: Du stehst ja ohnehin in der Öffentlichkeit. Wenn man mit Dir über die Straße geht, vergeht keine Minute, ohne dass jemand guckt, Fotos macht oder nach Autogrammen fragt. Nervt das?

Fritz: Nein, dass die Leute mich anschauen, fällt mir meistens gar nicht auf. Ich gehe ja auch nicht durch die Stadt und gucke, ob jemand guckt. Ich stehe als Werder-Profi in der Öffentlichkeit, wer sich darüber beschwert, hat den falschen Job. Es hängt davon ab, wie man angesprochen wird. In der Regel sind die Fans sehr freundlich. Und ein paar Autogramme zu schreiben oder mal ein Foto zu machen, ist gar kein Problem.

nordbuzz: Sind die Fans in Bremen speziell?

Clemens Fritz

Fritz: Ich glaube, der Zusammenhalt zwischen dem Verein und den Fans ist speziell. Die Identifikation der Bremer mit Werder ist etwas Besonderes, das haben wir in der letzten Saison ganz deutlich gespürt. Mannschaft, Fans und Stadt sind noch näher zusammengerückt. Dass unsere Fans außergewöhnlich sind, ist auch in der Mannschaft immer wieder ein Thema. Wir können wirklich froh sein, diese Unterstützung auf unserer Seite zu haben - das ist nicht selbstverständlich.

nordbuzz: Was macht Bremen sonst noch aus? Du lebst ja nun auch schon zehn Jahre hier.

Fritz: Bremen ist als Stadt sehr lebenswert: Kurze Wege, viel Grün vor der Tür, die Weser fließt durch die City – das gefällt mir, für mich passt das alles hier. Zudem höre ich oft von neuen Spielern, wie schnell sie sich in Bremen heimisch fühlen. Das kann ich gut nachvollziehen.

nordbuzz: Deiner Freundin Alena Gerber scheint Bremen auch zu gefallen. Sie ist kürzlich aus München zu Dir gezogen.

Fritz: Ja, und es gefällt ihr in Bremen sehr, das freut mich natürlich. Es tut uns gut, jetzt deutlich mehr Zeit miteinander verbringen zu können.

„Auf der Straße hat mir noch keiner Opa hinterhergerufen“

nordbuzz: Als Model steht sie nicht minder in der Öffentlichkeit. Ist das ein Problem für Dich?

Fritz: Nein, gar nicht. Wir gehen damit ganz entspannt um. Sie unterstützt mich bei meinem Job und ich sie bei ihrem. Außerdem gibt es ausreichend Momente, in denen wir für uns sind, wie jedes andere Paar auch in Jogginghosen einen Film schauen oder einfach in Ruhe mal essen gehen.

nordbuzz: Wie ist denn der Stand? Heirat und Kinder schon in Planung?

Fritz: (lacht) Jetzt willst Du´s aber wissen. Nur so viel: Wir sind sehr glücklich und gehen die Zukunft ganz entspannt an.

nordbuzz: Das Internet ist schon einen Schritt weiter. Dort wirst Du von den Werder-Fans humorvoll Opa und alter Mann genannt …

Fritz: (lacht) Echt? Ich bekomme das gar nicht mit, weil ich eben nicht viel in den sozialen Netzwerken unterwegs bin. Ist für mich aber kein Problem, mit 35 Jahren bin ich als Fußballer halt fast schon Rentner. Auf der Straße hat mir jedenfalls noch keiner Opa hinterhergerufen.

„Fritz bei Comunio zu verpflichten, war nicht drin“

nordbuzz: Wie aktiv bist Du denn im Internet unterwegs? Hast Du Lieblingsseiten?

Fritz: Die erste Seite, die ich morgens nach dem Aufstehen aufrufe, ist Comunio (Anm. d. Red.: Fußball-Manager-Spiel). Wir haben eine private Liga mit sieben Freunden, in der auch Nils Petersen und Basti Prödl dabei sind. Das Spiel weckt in mir den sportlichen Ehrgeiz: Wenn ich da mitmache, will ich auch was reißen.

nordbuzz: Hast Du Dich selbst gekauft, spielt Clemens Fritz in Deiner Mannschaft?

Fritz: In der letzten Saison war das so, in dieser Saison konnte ich mich nicht bezahlen. Ich habe momentan virtuelle 6 Millionen Euro Schulden. Ich bin aber guter Dinge, dass sich das bis zum Saisonstart ändert. Aber Fritz zu verpflichten, war da einfach nicht drin (lacht).

nordbuzz: Zockst Du noch andere Games?

Fritz: Früher haben wir regelmäßig Fifa gespielt, das ist zurzeit aber ein bisschen eingeschlafen.

nordbuzz: Wie fühlt es sich an, sich selbst zu steuern?

Fritz: Gut (lacht). Ich habe mich öfter mal in den Sturm gestellt, um möglichst viele Tore mit Fritz zu schießen. Das hat aber nicht wirklich erfolgreich geklappt.

nordbuzz: Was machst Du, wenn Du mal nichts mit Fußball zu tun hast?

Fritz: Ich verbringe viel Zeit mit meiner Freundin, lese gute Bücher, schaue zum Abschalten gerne Serien und habe mir vorgenommen, wieder ein bisschen mehr Golf zu spielen.

nordbuzz: Bist Du gut?

Fritz: Es gibt gute und schlechte Tage. Manchmal verzweifle ich aber an dem Sport. Gerade wenn Du denkst, dass es läuft, haust Du den nächsten Ball in den Wald...

nordbuzz: Welche Serien schaust Du gerade?

Fritz: Aktuell gucke ich Game of Thrones – da bin ich jetzt bei der letzten Staffel.

nordbuzz: Du modelst jetzt auch. Erzähl mal …

Fritz: Ein Modelabel ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, etwas mit denen zu machen. Es waren sehr angenehme Gespräche und die Klamotten gefallen mir, das hat also gepasst. Ende Mai hatten wir dann ein Shooting für die neue Kollektion in Amsterdam, wo auch das Unternehmen ansässig ist, und es hat mir Spaß gemacht. Das war eine tolle Erfahrung.

„Habe keinen Einfluss auf Transfers“

nordbuzz: Lass uns hinten raus wieder über die neue Saison sprechen. Wie bewertest Du Werders Transferaktivitäten?

Fritz: Es hat sich einiges geändert, wir haben viele neue Spieler dazu bekommen – solch einen personellen Umbruch habe ich bei Werder auch noch nicht erlebt. Das meine ich aber gar nicht negativ. Die Neuen haben sich sehr gut eingebracht. Das sind positive Charaktere und auch sportlich haben sie einen guten Eindruck gemacht. Wir haben zusammen intensiv gearbeitet, ich freue mich, dass es jetzt endlich losgeht.

nordbuzz: Wie ist Dein Verhältnis zu Manager Frank Baumann?

Fritz: Sehr gut. Wir kennen uns schon sehr lange, wir standen gemeinsam auf dem Platz. Ich schätze ihn und habe großes Vertrauen in seine Arbeit.

nordbuzz: Wann erfährst Du von Transfers? Wirst Du auch mal um eine Einschätzung gebeten?

Fritz: Nein, darauf habe und möchte ich auch keinen Einfluss haben. Grundsätzlich erfahre auch ich erst von Transfers, wenn Werder sie öffentlich macht.

nordbuzz: Nach Deiner Profi-Karriere wirst Du ein Trainee-Programm bei Werder auf der Geschäftsstelle absolvieren. Siehst Du Dich selbst als Bundesliga-Manager?

Fritz: Das kann und will ich noch gar nicht beurteilen. Ich möchte die Arbeit bei einem Fußball-Unternehmen abseits des Feldes kennenlernen. Ich will dazulernen und weiß noch nicht, wo die Reise hingeht. Das wird für mich sicher eine große Umstellung, jeden Tag im Büro zu sitzen. Vielleicht fehlt mir dann doch der Rasen unter den Füßen und ich erkenne, dass mir doch eher der Trainerjob liegt. Warten wir es ab, ich freue mich darauf, das herauszufinden - aber das ist noch weit weg.

nordbuzz: Besteht eigentlich die Möglichkeit, dass Du noch ein weiteres Jahr dranhängst?

Fritz: Das ist jetzt keine Floskel: Damit beschäftige ich mich wirklich nicht.

nordbuzz: Also schließt Du eine weitere Saison als Profi nicht aus ...

Fritz: Für mich war es im Winter ausgeschlossen, dass ich in dieser Saison noch auf dem Platz stehe, jetzt spiele ich am Freitag gegen den FC Bayern. So kann es gehen und ich freue mich, dass ich mich umentschieden habe. Für mich ist wichtig, dass ich körperlich gut drauf bin und ich der Mannschaft noch helfen kann – das Gefühl habe ich momentan.

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