"Wir sind auf dem Weg"

Zustimmung und Kritik für Spitzensport-Reform

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Die Vorsitzenden des Sportausschusses sprechen bei einer Pk über den Entwurf zur künftigen Spitzensportförderung. Foto: Britta Pedersen

Der Entwurf der Leistungssport-Reform hat im deutschen Sport für Diskussionsstoff gesorgt. Dass alles dem Erfolg untergeordnet wird, gefällt nicht allen. Die Verteilung der Gelder dürfte noch für Konflikte sorgen.

Berlin (dpa) - Großer Wurf auf dem Weg in eine neue Ära oder doch das Ende der sportlichen Vielfalt in Deutschland? Das Eckpunkte-Papier zur Reform der Leistungssportförderung hat unter Sportlern, Funktionären und Experten kontroverse Diskussionen ausgelöst.

Die Zustimmung für das Modell überwiegt, auch weil allen Beteiligten klar ist, dass es ein "Weiter so" nicht geben kann. Klar ist aber auch: Die Reform wird nicht nur Gewinner hervorbringen. Notorisch erfolglose Sportarten drohen Kürzungen bis hin zu einem Förderstopp, die Verbände werden an Macht verlieren, und die Konzentration auf weniger Stützpunkte dürfte kaum geräuschlos ablaufen.

"Wir sind auf dem Weg. Generell ist der Ansatz zu begrüßen, den Leistungssport in Deutschland zu reformieren. Ich denke auch, dass das Reformkonzept eine ganze Reihe vernünftiger, interessanter Ansatzpunkte hat", sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Auch die frühere Weltklasse-Schwimmerin Franziska van Almsick hielt eine Änderung des Fördersystems für dringend notwendig: "Der große Schritt ist wahrscheinlich damit gemacht, aber das wird nicht der letzte Schritt sein. Ich hoffe, dass die Reform eine Nachhaltigkeit hat."

Am Mittwoch hatten Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Alfons Hörmann, der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, den Entwurf der Leistungssport-Reform dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages vorgestellt. "Potenzialorientiert", heißt nun das Zauberwort. Insbesondere Sportler und Disziplinen mit großen Medaillenchancen sollen künftig stärker unterstützt werden. Fehlt dagegen eine Perspektive, können ganze Disziplinen durch das Raster fallen. Dafür wird auch die Struktur der Stützpunkte verändert. Die Olympia-Stützpunkte sollen zukünftig von 19 auf 13 reduziert werden, was vor allem Baden-Württemberg (drei Streichungen) und Nordrhein-Westfahlen (zwei) treffen wird. Bei den Bundesstützpunkten sollen rund 20 Prozent wegfallen.

Die ganz auf den Erfolg ausgerichtete Sichtweise sorgt für Kritik. "Diese Ausrichtung ist ehrlich und vernichtend zugleich. Die Politik und der DOSB sagen endlich, um was es geht. Mit dem Modell wird der Hochleistungssport zum Medaillensport", monierte Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel. Den Satz von Innenminister de Maizière, Deutschland solle erfolgreich sein, aber fair und sauber, hält der Pharmakologe kaum für umsetzbar. "Der Ausspruch kann in Zukunft im Sprachgebrauch den Begriff der 'Quadratur des Kreises' ersetzen."

Das Ziel der Reform ist klar: Deutschland soll deutlich mehr Medaillen gewinnen. Dass sich die Anzahl der Plaketten seit 1992 in Barcelona (82) bis Rio 2016 (42) fast halbiert hat, ist für de Maizière ein Alarmsignal. Ausschließlich auf den Medaillenspiegel zu schauen, hält Prokop aber für falsch. "Es gibt Sportarten, in denen die internationale Konkurrenz aus 200 Ländern kommt, aber es gibt auch welche - zum Beispiel im Winter -, in denen ganze Kontinente nicht vertreten sind. Dadurch werden Sportarten mit geringerer internationaler Konkurrenz bevorteilt", merkte der DLV-Chef an.

Einige Sportarten bzw. Disziplinen gehen unter dieser Maxime schweren Zeiten entgegen, wie das Synchronschwimmen oder das nach unzähligen Dopingfällen schwer in Verruf geratene Gewichtheben. Deutsche Athleten waren in Rio chancenlos. Womöglich auch, weil in vielen osteuropäischen Ländern mit fragwürdigen Mitteln gearbeitet wird. "Wir haben die Potenziale. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir weiter vom DOSB und BMI gefördert werden", sagte Frank Mantek, der Sportdirektor des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber.

Zukünftig sollen die einzelnen Disziplinen in drei Gruppen eingeteilt werden. Das Exzellenzcluster erfährt die größtmögliche Förderung, das Potenzialcluster wird mit Abstrichen unterstützt, das Cluster ohne Medaillenchancen bekommt dagegen wenig bis gar nichts. Das dürfte für Konfliktstoff sorgen. "Ich erwarte aber, dass es weiterhin für alle Verbände eine Grundförderung gibt, damit jeder eine Chance hat, sein Potenzial zu entwickeln", sagte Präsident Rainer Brechtken, der Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB).

Was sich aber auf jeden Fall abzeichnet, ist der schwindende Einfluss der Verbände, was diese kaum klaglos hinnehmen werden. So werden zukünftig das BMI und der DOSB über die Verteilung der Gelder entscheiden. "Jeder wird sich umstellen müssen, aber so ist das bei einem Neubeginn", sagte Siegfried Kaidel als Sprecher der olympischen und nichtolympischen Spitzenverbände. Bislang stellt das BMI jährlich 163 Millionen Euro zur Verfügung.

Eine ständige Kommission, die vom BMI mit rund 500 000 Euro jährlich finanziert werden soll, ist für die Bewertungen von Athleten und Disziplinen vorgesehen. Dies soll durch ein Potenzialanalyse-System (Potas) geschehen, das 20 Attribute erfasst. Damit können sich nicht alle anfreunden. "Wir dürfen nicht von Computermodellen bei der Einstufung der Förderung erschlagen werden", sagte Brechtken, und die zweimalige Olympia-Zweite Franziska Weber merkte an: "Ich weiß nicht, wie eine Software das Potenzial oder die Entwicklung eines Sportlers errechnen möchte." Prokop befürchtet einen großen Bürokratieaufwand.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Konzentrierung auf weniger Stützpunkte, was van Almsick befürwortet: "Es ist wichtig, dass die besten Athleten miteinander trainieren und voneinander profitieren können". Man muss die Konkurrenz im eigenen Land schlagen und sich ihr jeden Tag stellen. Wer den Druck im eigenen Land nicht aushält, der hält den auch bei den Olympischen Spiele nicht aus." Und da geht es schließlich um die Medaillen.

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