Kurz vor seinem Karriereende

Biedermann auf Beutezug: "Möchte mir die Medaille verdienen"

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Paul Biedermann will in Rio seine lang ersehnte Olympia-Medaille holen.

Rio de Janeiro - Auf der Schlussbahn seiner Karriere will Paul Biedermann endlich das holen, wofür er 18 Jahre lang hart gearbeitet hat: eine Olympia-Medaille.

Seinen ersten Urlaub als Schwimm-Rentner wird Paul Biedermann an einem Last-Minute-Schalter buchen. "Mein ganzes Sportlerleben war durchgeplant, ich will dann einmal spontan sein", sagt der Weltrekordler. Eine gewisse Vorfreude auf sein neues Leben ohne Anti-Doping-Meldesystem, Trainingsplänen und Interviewanfragen ist unüberhörbar.

Bis dahin folgt Biedermann einem letzten Plan, der ihm in Rio de Janeiro endlich zur lang ersehnten Olympia-Medaille über 200 m Freistil verhelfen soll. Sonntagvormittag: Glückwünsche zum 30. Geburtstag entgegen nehmen. Sonntagnachmittag: Vorlauf überstehen. Später Sonntagabend: Halbfinale überstehen. Später Montagabend: im Finale aufs Podest schwimmen. "Das wäre natürlich sehr schön", sagte Biedermann im Interview mit dem SID: "Ich möchte mir das einfach verdienen."

200 m Freistil bei Olympia 2016 wird der letzte Einzel-Wettbewerb seiner Karriere sein

Was aber, wenn es wie 2008 in Peking und 2012 in London "nur" zum fünften Platz reichen sollte? "Wenn ich mir sagen kann: Mehr ging nicht, dann könnte ich auch mit dem Ergebnis leben", sagt der Hallenser, der als Weltranglisten-Vierter (1:45,45 Minuten) in den letzten Einzel-Wettbewerb seiner Karriere geht. Eines stellt der Doppel-Weltmeister von 2009 aber auch klar: "Ich trainiere nicht, um Fünfter zu werden!"

Die Mischung aus gesundem Ehrgeiz und notwendiger Lockerheit, die Biedermann im zweiwöchigen Vorbereitungscamp in Florianópolis und seit der Ankunft am Montag in Rio an den Tag legte, begeistert Bundestrainer Henning Lambertz. "Er ist in keinster Weise verkrampft und gefällt mir supergut", sagt Lambertz: "Er wird seine letzten Rennen wirklich genießen, und mit dem Genuss kommt auch die Lockerheit, um richtig gute Leistungen abzuliefern."

Dass auf Biedermanns Paradestrecke im Olympiajahr kein Schwimmer bislang herausragte, spricht für den bald 30-Jährigen. Denn mental kann ihm nach 18 Jahren im Leistungssport die internationale Konkurrenz um den britischen Weltmeister James Guy kaum das Wasser reichen. "Sobald er auf dem Block steht, wird er zum Krieger", sagte Britta Steffen, Doppel-Olympiasiegerin von 2008 und Biedermanns frühere Lebensgefährtin, dem SID: "Da ist es egal was kommt, dann ruft er seine Leistung ab. Das finde ich wahnsinnig bewundernswert."

Biedermann setzt auf seine Erfahrung

Auch Biedermann selbst glaubt, dass das ausgeglichene Favoriten-Feld ein Vorteil für ihn ist. "Ich setzte einfach mal darauf", sagt er, "dass ich etwas mehr Erfahrung mitbringe als die anderen." Diese Erfahrung will er auch in der deutschen 4x200-m-Freistil-Staffel einbringen, die am Dienstag mit kleinen Medaillenchancen ins Rennen geht.

Zu einem direkten Duell mit Michael Phelps, den Biedermann bei der WM 2009 in Rom düpiert hatte, wird es jedoch nicht kommen. Der Rekord-Olympiasieger konnte sich für die 200 m Freistil nicht qualifizieren und startet auf drei anderen Einzelstrecken. Biedermanns Respekt vor dem Ausnahmeschwimmer ist dennoch riesengroß: "Er ist einfach so viel besser als wir anderen im Schwimmen."

Dass ihr Verhältnis bis heute unterkühlt ist, findet Biedermann nicht weiter schlimm: "Man grüßt sich ganz normal, aber man kommt nicht groß ins Gespräch. Jeder ist in seinen Wettkampf vertieft, jeder sucht den schnellsten Weg zurück ins Hotel. Das ist ganz normal."

SID

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