Siebter Feldspieler, blaue Karte

Neue Regeln beim Handball: Das müssen Sie wissen

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Deutschlands Keeper Andreas Wolff erzielte in Rio selbst vier Tore - dank der neuen Regel. 

München - Im deutschen Handball wird ab dieser Saison nach neuen Regeln gespielt. Die meisten davon gelten in der Bundesliga wie bei den Amateuren. Doch es gibt viel Kritik. 

Bei Olympia in Rio wurde es einem breiten Publikum vor allem durch spektakuläre Tore klar: Irgend etwas läuft anders beim Handball. Denn die schlitzohrigen Treffer wurden von Torhütern erzielt. Dass dies jetzt auch in den bayerischen Amateurligen möglich wird – die Saison beginnt im September -, ist einer Regeländerung der Internationalen Handball-Föderation (IHF) zu verdanken. Die trat zum 1. Juli in Kraft und birgt noch andere Überraschungen. 

Neue Regeln beim Handball: Die Blaue Karte

Zunächst einmal gibt es jetzt zur Roten und Gelben auch die Blaue Karte. Sie kann bei einer Disqualifikation zusätzlich zur Roten Karte gezeigt werden und signalisiert allen Beteiligten (Teams, Offiziellen und Zuschauern), dass der Schiedsrichter über den Vorfall einen Bericht schreiben wird, der bereits ohne Beteiligung des Sportgerichts eine automatische Sperre nach sich zieht. Also ist das de facto keine Änderung, sondern nur eine Erweiterung der bestehenden Regelung.

Neue Regeln beim Handball: Siebenmeter in den letzten 30 Sekunden

Anders verhält es sich bei Szenen, die sich in den letzten 30 Sekunden abspielen. Begeht ein Abwehrspielen in dieser Phase eine grobe Regelwidrigkeit oder unterbindet eine Wurfausführung, sieht er die Rote Karte (ohne Bericht). Für die gegnerische Mannschaft gibt es automatisch einen Siebenmeter-Strafwurf. Damit soll gezielt ein bewusst unsportliches Verhalten verhindert und genommene Chancen wiederhergestellt werden.

Neue Regeln beim Handball: Passives Spiel

Beim passiven Spiel (Zeitspiel) ist es nicht erlaubt, den Ball in Besitz zu halten, ohne erkennbaren Versuch, anzugreifen oder ein Tor zu erzielen (unabhängig vom Zeitpunkt). Genauso regelwidrig ist es, wiederholt die Ausführung eines An-, Frei-, Ein- oder Abwurfs der eigenen Mannschaft zu verzögern. Das wird nur als „passives Spiel“ betrachtet, das mit einem Freiwurf für die gegnerische Mannschaft geahndet wird – sofern die passive Tendenz nicht aufgegeben wird. Nach dem Anzeigen des Warnzeichens (senkrecht nach oben gestreckter Arm der Schiedsrichter) muss die ballführende Mannschaft den Angriff nach sechs Pässen abschließen. Wichtig ist: Die bisherige Regel bleibt zusätzlich bestehen. Das heißt, die Schiedsrichter können weiterhin jederzeit auf passives Spiel ohne Vorwarnzeichen entscheiden, wenn sie den Eindruck der Verzögerung haben. Bei einem Frei- beziehungsweise Einwurf nach dem sechsten Pass ist noch ein weiterer Anspielversuch erlaubt.

Neue Regeln beim Handball: Siebter Feldspieler statt Torwart

Diese neue Regel wurde bei den Olympischen Spielen in Rio besonders oft praktiziert. Wird ein siebter Feldspieler anstelle des Torwarts eingesetzt, muss er nicht zwingend ein in den Keeperfarben gehaltenes Leibchen tragen. Bei dieser Spielsituation darf der siebte Feldspieler den eigenen Torraum nicht zur Abwehr betreten. Geschieht das, ist dieser Spieler progressiv (wegen Unsportlichkeit) zu bestrafen. Die gegnerische Mannschaft erhält außerdem einen Strafwurf zugesprochen. Die alte Regel (siebter Feldspieler mit Torwart-Leibchen) bleibt aber bestehen. In diesem Fall hat der Feldspieler die Möglichkeit, bei einem Gegenangriff gegebenenfalls als Torwart zu agieren. Es können während eines Spiels beide Varianten genutzt werden.

Neue Regeln beim Handball: Verletzte Spieler

Auch der Umgang mit verletzten Spielern ist jetzt klar geregelt. Muss ein Spieler auf dem Feld behandelt werden, darf dieser Aktive danach nicht an den nächsten drei Angriffen teilnehmen. Die Überwachung erfolgt durch das Kampfgericht. Doch es gibt eine Ausnahme: Wird der Gegenspieler bestraft, entfällt diese Regel. Gleiches gilt für einen Kopftreffer des Torwarts, wenn er eine Behandlung benötigt. Das wird als Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters gewertet und ist somit kein Grund für einen Einspruch. Das gilt auch, wenn der pausierende Spieler vom Kampfgericht zu früh wieder aufs Feld geschickt wird. Betritt der Spieler von sich aus zu früh das Parkett, gibt’s eine Zwei-Minuten-Zeitstrafe. Diese neue, recht komplexe Regel gilt jedoch nicht für den in Oberbayern überwiegenden Jugend- und Amateurbereich.

Neue Regeln beim Handball: So reagieren Spieler und Trainer

Besonders der Zeitpunkt, ab dem die neuen Regeln galten, sorgte im Vorfeld vor heftige Kritik. Für die Trainer bedeuteten die Änderungen in erster Linie viel Zusatzarbeit im Vorfeld der Olympischen Spiele. Schließlich musste die Taktik an das neue System angepasst werden, gerade auf das neue Konzept des siebten Feldspielers. 

Auch die Neuerung bei der Behandlung verletzter Spieler kam nicht gut an. Die Sperre während der folgenden drei Spielzüge sollte eigentlich verhindern, dass Spieler simulieren. Viele Spieler kritisieren aber, dass tatsächliche Verletzte dadurch im Grunde bestraft werden. 

Auch nach den Olympischen Spielen wird über die neuen Handball-Regeln viel diskutiert, allen voran über den Einsatz des siebten Feldspielers, der einige taktische Änderungen mit sich bringt. Göppingens Trainer Magnus Andersson schimpfte deswegen sogar über "Katastrophen-Handball" und meinte: "Wir erleben eine ganz neue Sportart. Der Vorteil einer guten Abwehr ist dadurch weg.“ Berechtigt ist auch der Einwand seines Trainerkollegen aus Gummersbach. „Ich halte nichts davon, dass eine Mannschaft nach einer Bestrafung das Recht bekommt, in Gleichzahl zu spielen, als ob nichts gewesen wäre“, kritisiert Emir Kurtagic.

Frank Bohmann, der Geschäftsführer des Liga-Verbands HBL, versucht dagegen, die Kritiker zu besänftigen. "Geben wir den Regeln ein Jahr lang eine Chance", bat Bohmann vor dem Start der Handball-Bundesliga Anfang September. Bei Olympia fand er keine der Regeln "katastrophal".

Neue Regeln beim Handball: Ändert sich bald noch mehr?

Doch mit diesen Änderungen könnte in naher Zukunft noch längst nicht Schluss sein. Denn die IHF hat die Entscheidung getroffen, dass der Griff in die Harztube – die Baumsubstanz macht den Ball griffiger – künftig nicht mehr erlaubt sein wird. Spekuliert wird mit einer Änderung ab der Saison 2017/18. Dieser Vorstoß hat in der Handballszene bereits sehr viel Staub aufgewirbelt. Die Meinung der Aktiven ist dazu sehr unterschiedlich. Auch weil die angeführten Beweggründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben, nicht wirklich nachvollziehbar sind.

Wolfgang Eichmann/sr

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