Vor dem Viertelfinale gegen Italien

Neuer im Interview: "Es war klar, wo unsere Schuld lag"

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Der Mann mit der Binde: Manuel Neuer, deutscher Torwart, bisher unbezwingbar.

Evian-les-Bains - Manuel Neuer steht wie eine Eins – und bei den Deutschen somit die Null. Ein Gespräch mit dem Bayern-Torwart über das bevorstehende Viertelfinale der EM.

Manuel Neuer, gibt es in der Nationalmannschaft eigentlich schon einen Island-Fanclub?

Manuel Neuer: (lacht) Das hat uns natürlich alle überrascht, wie sie aufgetreten sind im Turnier, auch wenn sie Holland zweimal geschlagen haben in der Qualifikation. Ich finde, sie haben es gut gemacht. Stark, wie sie verteidigen und aus wenigen Chancen viel herausholen. Wir wissen es ja auch von den Bayern her, dass man ein Spiel verlieren kann – auch wenn man dem Gegner wenig Ballbesitz und Chancen einräumt. England hat es nun erwischt, Island ist weiter im Turnier – und man kann vor dieser Truppe nur den Hut ziehen.

Von Island zu Italien. Nicht überraschend, dass diese Elf im Viertelfinale steht. Aber in welchem Stil sie dorthin gekommen ist?

Neuer: Im Turnier hat Italien immer ein anderes Gesicht gezeigt als in Testspielen und der Qualifikation, das ist bekannt. Das Spiel gegen Spanien haben die Italiener gut angenommen, die taktischen Maßnahmen des Trainers haben gegriffen. Wie sie die Spanier angelaufen sind und sie ihr Spiel nicht haben aufziehen lassen, das war schon beeindruckend. Damit hatten einige Experten nicht gerechnet.

Gigi Buffon, Italiens Torhüter ist 38, acht Jahre älter als Sie. Werden Sie 2024 noch im Tor stehen?

Neuer: Man muss auf seinen Körper schauen, ob man dann noch in der Lage ist, seiner Mannschaft zu helfen. Bei Gigi passt es perfekt. Man sieht ihm das hohe Alter nicht an. Er ist fit und ein netter Kerl. Mit Gigi hat man stets einen fairen Umgang – egal, wie das Spiel ausgegangen ist. Auch als er mit Juve gegen uns Bayern ausgeschieden ist.

Haben Sie sich früher mal an ihm orientiert?

Neuer: Da er seit zwei Jahrzehnten Leistung bringt – ja. Er gehört mit zu meinen Vorbildern. Er ist im Strafraum präsent, redet viel, er strahlt die Ruhe aus, die man für die Automatismen braucht und dafür, so gut hinten raus zu spielen.

Das Neueste von Buffon ist nach Siegen der Sprung auf den Querbalken. Auch schon probiert?

Neuer: In der E-Jugend, wo die Tore kleiner sind. Ich habe es noch nicht gesehen, wie er es macht, aber davon gehört. Das ist wohl der Klassiker, dass er nach dem Sieg da hinaufspringt und seine Jungs ihn auffangen.

Wie bereiten Sie sich auf das Spiel und das mögliche Elfmeterschießen vor?

Neuer: Wie immer. Man muss seine Hausaufgaben erledigen. Das bedeutet für mich: die Stürmer studieren, die Standardsituationen analysieren. Der Elfmeter gehört dazu.

Der Fußball wird zunehmend verwissenschaftlicht. Sie können sich in einer von SAP entwickelten App, die nur dem DFB zur Verfügung steht, ansehen, wie jeder Italiener mit welcher Wahrscheinlichkeit seinen Elfmeter ausführen wird.

Neuer: Was im Vorfeld passiert ist, ist wichtig, also auch, welcher Spieler wie geschossen hat. Doch genauso muss ich auf mich selbst vertrauen und mein Gefühl. Ich habe ja schon ein paar Elfmeterschießen mitgemacht und auch Elfmeter aus dem Spiel erlebt.

Würden Sie auch selbst schießen?

Neuer: Grundsätzlich würde ich mich erst bereit erklären, wenn die Feldspieler sich nicht freiwillig melden. Mein Hauptberuf ist es, mich auf die Aufgabe als Torwart zu konzentrieren und die Bälle zu halten.

Seit fünf Länderspielen sind Sie ohne Gegentor. Auch dank der Abwehr. Was macht diese Stärke aus?

Neuer: Wir haben gute Defensivspieler, die wissen, worauf es ankommt, wir sprechen hinten mehr miteinander, versuchen, den Gegner vom Tor wegzuhalten. Mit viel Ballbesitz. Denn wenn wir den Ball haben, kann kein Tor gegen uns fallen. Ich bin zwar gerne im Spiel, aber es ist perfekt für mich, wenn meine Vorderleute schon viel absichern.

Was machen die Italiener gut, wenn sie stürmen?

Neuer: Sie kommen über die Seite und versuchen, mit dem Diagonalball ins Zentrum ihr typisches Spiel aufzubauen. Eder ist ein schneller Spieler, der in die Tiefe geht, da muss ich vielleicht ein wenig höher stehen.

Es wirken alle sehr locker. Keine Anspannung?

Neuer: Wir hatten schon gegen die Slowakei ein Endspiel, das gegen Italien ist nun ein weiteres. Der mediale Boom wird halt größer. Für uns erfahrene Spieler gibt es in der Vorbereitung keinen Unterschied. Irgendwann kommen Anspannung und Nervosität dazu, das ist aber nichts Negatives. Wir gehen mit solchen Spielen positiv um und freuen uns, dass wir so ein tolles Viertelfinale vor Augen haben.

Von sexy bis skurril: Fan-Fotos von der EM 2016

Vor vier Jahren im EM-Halbfinale wurde die deutsche Mannschaft von Mario Balotelli abgeschossen. Haben Sie den posierenden Doppeltorschützen noch vor Augen?

Neuer: Ja. In der Zeitung habe ich ihn gerade wieder gesehen.

Ist noch eine Rechnung offen?

Neuer: Nein. Wir nehmen das Spiel so an, wie es kommt. Man braucht nicht zurückzudenken an 2012, die Mannschaften haben sich ja auch ein wenig verändert.

Trotzdem: Das Spiel hat damals Spuren hinterlassen. Zumindest bei Joachim Löw. Auch bei Ihnen?

Neuer: Natürlich arbeitet es im Kopf. Für mich war das ganze Jahr 2012 nicht so positiv, weil ich mit Bayern zweimal Zweiter geworden bin. Dann kam das Halbfinal-Aus mit der Nationalmannschaft noch on top. Der Urlaub danach war nicht so schön. Trotzdem geht es dann auch immer weiter, man hört nicht auf zu spielen. Das ist das Positive an unserem Beruf, dass man immer wieder neue Chancen bekommt. Aber man will die erste Chance natürlich immer nutzen.

Aber jetzt musste man vier Jahre warten.

Neuer: Tja, so ist das bei der Nationalmannschaft, da fliegen einem die Spiele nicht so zu.

Wurde seitens der Öffentlichkeit mit der Nationalmannschaft 2012 zu hart umgegangen?

Neuer: Ich bin kein Spieler, der sich mit dem Drumherum beschäftigt. Ich analysiere meine persönliche Leistung und das, was wir auf dem Platz gezeigt haben. Jeder weiß, was er zu verantworten hat. Es war klar, wo unsere Schuld lag, darüber spreche ich mit einigen Experten aus meinem Umfeld, muss aber nicht noch nachschauen, was in den Medien steht.

Der Weltmeistertitel dürfte die Haltung gegenüber Italien positiv beeinflussen – in Richtung eines „Mia san mia“, wir spielen unser Spiel.

Neuer: Klar wollen wir das. Kein Gegner freut sich, auf Deutschland zu treffen. Wir können auch Italien unser Spiel aufzwingen. Die Italiener haben Spanien zwar überraschend attackiert, aber in den letzten zwanzig, dreißig Minuten hat man auch gesehen, dass sie nicht mehr so viel Power hatten. Wichtig wird halt sein bei diesem Spiel, wer das erste Tor macht.

Sie waren in den bisherigen vier EM-Spielen Kapitän. Ist es immer dieselbe Binde, die Sie tragen – und vielleicht ein Glücksbringer?

Neuer: Oh, das weiß ich gar nicht. Aber ich nehme an: Sie wird gewaschen.

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Das Interview führte Günter Klein

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