Debütant im EM-Viertelfinale

„Vor niemandem Angst“ - Das Wikinger-Märchen aus Island

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Island feiert seinen ersten Viertelfinaleinzug.

Nizza - Nach dem sensationellen Erfolg gegen England wollen die famosen Isländer nun auch den Titeltraum von EM-Gastgeber Frankreich beenden. In Reykjavík feiern mehr als 10 000 Menschen auf den Straßen, die Spieler freuen sich auf das nächste Kapitel ihres Fußball-Märchens.

Aron Gunnarsson rannte mit nacktem Oberkörper und weit aufgerissenem Mund in die Kurve und trug nur noch die Kapitänsbinde am Arm. Gylfi Sigurdsson legte sich eine isländische Fahne um die Schultern, Kolbeinn Sigthorsson trug seine kleine Tochter auf dem Arm.

Nach einem der rührendsten Fußball-Märchen der Gegenwart hüpften die Fans wikingerwild auf den Tribünen und wollten gar nicht mehr aufhören zu singen. Die Hymne „eg er kominn heim“ verbreitete nach dem Einzug ins EM-Viertelfinale Gänsehautstimmung im Stade de Nice an der französischen Mittelmeerküste - und bei den mehr als 10 000 Menschen auf den Straßen der Insel-Hauptstadt Reykjavík.

Ein stolzer Moment für das ganze Land

EM-Debütant Island, das mit Abstand kleinste EM-Land, diese anfangs belächelte Auswahl der Unbekannten mit den lustig klingenden son-Namen, den furchteinflößenden Tattoos und Vollbärten, steht nach einem 2:1-Sieg gegen England unter den besten Acht bei der Europameisterschaft. Und will nun auch für Gastgeber Frankreich den Partyschreck spielen und dessen Titelträume zerstören.

(Aktuelle Informationen finden Sie in unserem EM-Live-Ticker.)

„Ich glaube, unser Land steht Kopf. Es ist ein stolzer Moment, er bleibt für den Rest unseres Lebens in unseren Erinnerungen“, sagte Gunnarsson, als er sich später ein grau-braunes Polo-Shirt über den muskulösen Oberkörper gezogen hatte und versuchte, das soeben Erlebte in Worte zu fassen. „Du willst für dein Land gewinnen, für deine Freunde“, erklärte Ragnar Sigurdsson und sagte die wunderbaren Sätze: „Wir sind Wikinger. Wir haben vor niemandem Angst. Wir haben England geschlagen, also können wir auch Frankreich schlagen.“

Nach dem größten Spiel ihrer Lebens wartet nun am Sonntag (21.00 Uhr) im Final-Stadion von Saint-Denis das größte Spiel ihres Lebens. „Die Jungs sind während des Turnier immer mehr gewachsen. Jetzt ist keine Hürde zu hoch für sie“, sagte Islands Trainer Heimir Hallgrimsson. Auf allen TV-Monitoren in den Katakomben des Stade de Nice liefen im Hintergrund die Szenen dieses denkwürdigen isländischen Sommermärchen-Abends in der Endlosschleife.

„Ich glaube, sie haben die beste Zeit ihres Lebens"

Rooneys Foulelfmeter (4. Minute) und die historischen Tore durch Ragnar Sigurdsson nur 80 Sekunden später (6.) und Sigthorsson (18.) bildeten dabei nur den Rahmen für das „größte Ereignis in der Geschichte des isländischen Fußballs“, wie es der neben Lars Lagerbäck gleichberechtigte Trainer Hallgrimsson formulierte.

Die völlig losgelösten Fans in Island-Blau, ob im Stadion an der Côte d'Azur oder mit Wikingerhelmen auf dem Kopf auf dem Hügel Arnarhóll in der Innenstadt von Reykjavík, wollten gar nicht mehr aufhören zu singen, zu tanzen und zu trinken. „Ich glaube, sie haben die beste Zeit ihres Lebens“, sagte Islands Torhüter Hannes Halldorsson.

Nie zuvor hat ein sportliches Ereignis die Einwohner der kleinen Insel derart fasziniert wie dieses kontinentale Fußballturnier im Herzen Europas. Selbst die Präsidentenwahl am Samstag stand im Schatten dieser eigentlich durchschnittlichen und spielerisch limitierten, aber niemals aufgebenden und immer kämpfenden Auswahl.

Nur 330 000 Einwohner zählt Island. Nur ein Stammspieler (Gylfi Sigurdsson bei Swansea City in der Premier League) ist in einer der vier großen europäischen Ligen aktiv. Ragnar Sigurdsson spielt für den FK Krasnodar und beantwortete in der Mixed-Zone freundlich und geduldig die Fragen der russischen Reporter nach seiner Zukunft.

Planloses England

Sigthorsson kickt für den FC Nantes, Torwart Halldorsson für FK Bodö/Glimt. Ansonsten noch ein bisschen Malmö FF, Odense BK, Hammarby IF oder Charlton Athletic. Kapitän Gunnarsson spielt in Englands 2. Liga bei Cardiff City - aber dieses Kollektiv war für all die Manchester-, Chelsea-, Liverpool- oder Tottenham-Profis nicht zu bezwingen. „Wir haben die Welt schockiert“, sagte Gylfi Sigurdsson.

„Genial“, titelte die französische Sportzeitung „L'Équipe“ am Dienstag und druckte das Bild des bärtigen und trikotlosen Gunnarsson mit weit aufgerissenem Mund auf der Titelseite. Mit einer „furchterregenden Einfachheit“ spiele der von den Franzosen nicht erwartete Kontrahent, führte das Fachblatt aus und folgerte: „Island hat eine defensive und vorhersehbare Spielstrategie, was sie zu keinem leichten Gegner macht. Ganz im Gegenteil.“

Die Engländer jedenfalls gingen die Herausforderung so bemerkenswert einfalls- und planlos an, dass ihr K.o. nach dieser Leistung noch nicht einmal überraschend kam. Für die Isländer dagegen fasste Gunnarsson das Spiel gegen England und das Spiel gegen Frankreich trefflich zusammen. „Wir haben die richtige Einstellung gezeigt. Das ist die isländische Mentalität“, sagte der 27-Jährige. „Und mit dieser Mentalität haben wir auch gegen Frankreich eine Chance.“

dpa

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