EWE Baskets-Profi im Interview

Schwethelm: „Ich spüre, wie Basketball in der Stadt verankert ist“

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Philipp Schwethelm von den EWE Baskets Oldenburg ist für die Basketballsaison 2016/17 bestens gerüstet.

In die am Montag beginnende Vorbereitung zur neuen Basketball-Saison kann Philipp Schwethelm von den EWE Baskets Oldenburg ganz relaxt starten. Denn der 27-jährige Flügelspieler hat die Sommerpause genutzt, um seinen Körper ordentlich in Form zu bringen. Entsprechend entspannt gibt sich der ehemalige Nationalspieler im nordbuzz-Interview und spricht ganz offen über die Vorzüge Oldenburgs, Gehälter, Urlaub, die Zeit nach seiner Basketball-Karriere und seinen liebsten Mitspieler.

nordbuzz: Moin Philipp, Du scheinst nach der Sommerpause ja schon wieder richtig im Saft zu stehen. Wie kommt's?

Philipp Schwethelm: Das stimmt, ich habe viel Krafttraining gemacht. In Köln gibt es ein ziemlich cooles Programm von Agosport, wo viele Top-Athleten trainieren. Dort habe ich mit den Spielern der Kölner Haie und den Rheinstars Köln gearbeitet und in einer anderen Gruppe mit Individualsportlern.

nordbuzz: Und warum der ganze Aufwand?

Philipp: Ich hatte vor ein paar Jahren extreme Rückenprobleme, bin deswegen auch aus der Nationalmannschaft zurückgetreten und nutze den Sommer jetzt, um für mich zu arbeiten. Dieses Krafttraining gibt mir eine unglaubliche Physis. Ich habe in den letzten zwei Jahren kein Spiel mehr wegen einer Verletzung verpasst.

„Zum Bodysurfen musst du ganz schön fit sein“

nordbuzz: Also hast Du gar keinen Urlaub gemacht?

Philipp: Doch, doch. Ich war fünf Tage bei einem Kumpel in London, das mache ich jedes Jahr. Und mit der Familie war ich zehn Tage in Südfrankreich am Atlantik. Dort beginne ich auch damit, mit Intervall- und Ausdauerläufen meine Kondition aufzubauen.

nordbuzz: Wagst Du Dich zum Surfen auch in die Wellen?

Philipp: Ja, aber ohne Brett oder Boogie Board. Und zum Bodysurfen nur mit Flossen musst du ganz schön fit sein. Dieses Jahr war ein ehemaliger Profifußballer mit dabei, das war super, denn alleine gehe ich nicht raus. Wenn du da einen Krampf bekommst, bist du weg.

nordbuzz: Wir haben Dich beim Wurftraining beobachtet. Du hast in 20 Minuten mehr als 300 Bälle in Richtung Korb geworfen und hattest eine beachtliche Trefferquote. Wie oft trainiert ein ausgewiesener Scharfschütze wie Du seinen Wurf?

Philipp: Ich mache jeden Tag einen Drill mit zehn Spots. Bei zehn Treffern in Folge geht es zur nächsten Station. Mein Rekord liegt bei 8:24 Minuten, dabei habe ich nur 107 Würfe gebraucht.

nordbuzz: Gibt es auch interne Wettbewerbe, wer am besten trifft?

Philipp: Ich hatte eine Competition mit Anton Gavel (Bayern München, Anm. d. Red.), als er noch in Bamberg gespielt hat. Wir haben uns immer die Rekordzeiten unserer Drills zugeschickt. Aber ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört, also halte ich den Rekord wohl noch.

nordbuzz: In den Playoffs seid ihr in der vergangenen Saison schon in der ersten Runde gegen Ulm ausgeschieden. Ist das frühe Aus komplett abgehakt?

Philipp: Ich denke schon. Dieser Rückschlag wird uns sicherlich anspornen. Das war schon letztes Jahr unsere Qualität: Wenn es nicht so richtig lief, sind wir noch näher zusammengerückt und stärker zurückgekommen. Das wird jeden wurmen, dass wir nach so einer Saison nicht den nächsten Schritt gegangen sind.

„Ich glaube, viele unserer Jungs haben auf Geld verzichtet“

nordbuzz: Ist es ein Vorteil, dass sich der Kader nicht wesentlich verändert hat?

Philipp: Absolut! Normalerweise ist es ja so, dass eine Mannschaft nach so einer starken Saison, von den Playoffs mal abgesehen, auseinanderbricht. Ganz einfach, weil die Spieler bessere Angebote bekommen. Ich glaube, viele unserer Jungs haben auf Geld verzichtet, um hier zu bleiben.

nordbuzz: Hast Du das in dieser Form schon mal erlebt?

Langsam hat sich Philipp Schwethelm mit der Position vier angefreundet.

Philipp: Nein, für mich ist es das erste Mal in der Karriere, dass ich nach der Sommerpause zurückkomme und drei Viertel der Mannschaft wieder da sind. Ich bin echt gespannt, auf welchem Level wir starten. Wenn man in einer komplett neuen Mannschaft anfängt, fühlt es sich teilweise an wie in der U14, so vogelwild geht es zu.

nordbuzz: Du bist eigentlich auf der Position des Small Forwards zuhause und kannst dort deine Klasse von der Drei-Punkte-Linie ideal einsetzen, hast zuletzt aber häufig auf der Position vier gespielt. Hast Du Dich damit angefreundet?

Philipp: Die ersten Monate habe ich da eine echt schwere Zeit gehabt und war teilweise ziemlich frustriert. Aber der Coach hat an mir festgehalten und mir weiter meine Minuten gegeben. Ab Dezember bin ich besser in Tritt gekommen und habe das Gefühl, mich sukzessive verbessert zu haben. Und persönlich habe ich dann ja auch ziemlich gute Playoffs gespielt.

nordbuzz: Bist Du mit Deinen Statistiken aus dem letzten Jahr zufrieden?

Philipp: Wie gesagt, in den Playoffs war ich mit meiner persönlichen Leistung sehr zufrieden. Nicht nur mit Blick auf die Punkte, sondern auch mit der Defensive. Thorsten Leibenath (Trainer von ratiopharm Ulm, Anm. d. Red.) ist zum Beispiel nach einem Spiel zu mir gekommen und meinte, dass während der Saison nur wenige Spieler so gut gegen Da'Sean Butler verteidigt hätten wie ich. Aber auch da habe ich am Anfang viel Lehrgeld bezahlt, wie man auf der Vier zu verteidigen hat.

nordbuzz: Du bist jetzt seit ziemlich genau einem Jahr in Oldenburg. Wie gefällt es Dir hier, abgesehen vom sportlichen Aspekt?

Philipp: Wenn ich durch die Stadt gehe, spüre ich, wie der Basketball hier verankert ist. Die Leute sind sehr angenehm und gar nicht aufdringlich, aber die Anerkennung ist groß. In Köln zum Beispiel war das ganz anders. Wo spielst denn Du? Ach, bei den 99ers, sind das nicht die Footballer? Da denkst Du dann auch: Wofür mache ich das eigentlich?

„Ich habe mittlerweile eine Art Ersatz-Mutti gefunden“

nordbuzz: Was unternimmst Du an einem freien Tag in Oldenburg?

Philipp: Ich liebe es, Kaffeetrinken zu gehen und schätze gutes Essen, zum Beispiel bei Glut & Wasser. Und mittlerweile habe ich in Oldenburg auch eine Art Ersatz-Mutti gefunden, bei Hopkes Hofladen. Sie meint, dass sie mich schon mehr oder weniger adoptiert hätte. Sie ist ein richtiger Gourmet, liebt Essen und verkauft richtig tolle Sachen. Und weil ich selber sehr gerne koche, nehme ich ihre Tipps gerne an.

nordbuzz: Hast Du schon an einer klassischen Kohlfahrt teilgenommen?

Philipp: Nein, noch gar nicht. Ich habe ein Mal Grünkohl mit Pinkel gegessen, das war auf dem Weihnachtsmarkt. Davon war ich nicht so begeistert. Aber ich habe auch gehört, dass es dafür besserer Orte geben soll und habe auch schon ein paar Einladungen bekommen, um es mal richtig zu probieren.

nordbuzz: Kannst Du Dir vorstellen, länger in Oldenburg zu bleiben?

Philipp: Absolut! Mir ist es immer wichtig, auch Kontakte und Freunde außerhalb der Mannschaft zu haben und die Restaurants und Cafés zu kennen, wo ich gerne hingehe. Das braucht seine Zeit. Ich finde es frustrierend, an einem neuen Standort immer wieder bei Null anzufangen. Seit Dezember fühle ich mich in Oldenburg richtig heimisch.

„Auf einmal war ich in der Tagesschau“

nordbuzz: Wenn Du die Wahl hättest, bei welchem NBA-Verein würdest Du anheuern?

Philipp: Als Deutscher auf jeden Fall bei den Dallas Mavericks, wegen Dirk Nowitzki. Seit er da ist, fiebere ich mit dem Team mit. Und von der Spielweise bei San Antonio oder Golden State. Als Teamspieler und Shooter wären das die Systeme, wo ich am ehesten reinpassen würde.

nordbuzz: Apropos Dirk Nowitzki, mit ihm hast Du ja schon in der Nationalmannschaft zusammen gespielt. Erinnerst Du Dich gerne an diese Zeit zurück?

Philipp: Klar, das sind Highlights, die kannst du als Nicht-Nationalspieler in der Bundesliga nicht erreichen. Nach diesem Spiel gegen die Türkei (Philipp traf bei der EM 2011 in den letzten fünf Minuten vier Würfe, davon drei Dreier, und Deutschland drehte das Spiel, Anm. d. Red.) war ich auf einmal in der Tagesschau und in sämtlichen regionalen Zeitungen von Buxtehude bis zu meiner Heimatstadt Gummersbach, selbst meine Familie wurde angesprochen. Es war schön, das einmal erlebt zu haben.

nordbuzz: Und mit wem würdest Du gerne, außer Dirk, noch mal in einem Team auflaufen?

Ganz locker und entspannt gab sich Philipp Schwethelm im nordbuzz-Interview.

Philipp: Aus spielerischer Sicht mit Jamison Brewer. Der war Point Guard in meinem letzten halben Jahr in Bremerhaven und hat früher mit Reggie Miller bei den Indiana Pacers gespielt. Er ist ein Riesenfan von Shootern und ist einfach jedes System für mich gelaufen. Ich hatte davor nie über 20 Punkte erzielt, und seinetwegen lag ich plötzlich vier, fünf Spiele über dieser Marke. Das war wahrscheinlich die stärkste Phase meiner Karriere, von Jamison habe ich super profitiert.

nordbuzz: Und was war er sonst für ein Typ?

Philipp: Ein richtiger Paradiesvogel, der gerne im goldenen Nicki-Anzug mit goldener Porno-Brille kam. Nach den Spielen hat er in den gegnerischen Hallen manchmal versucht, den weiblichen Fans oder den Cheerleadern die Telefonnummer abzuschwatzen. Ich habe schon mit vielen verrückten Spielern zusammengespielt, aber der war der verrückteste. Aber ein echt netter Kerl.

nordbuzz: In der NBA oder der Fußball-Bundesliga werden ganz andere Summen bezahlt als in der BBL. Ärgert Dich das?

Philipp: Zwischen mehreren Millionen und gar nichts verdienen gibt es ja immer noch ein sehr breites Mittelfeld. Und ich glaube, wir Basketballer sind auch in Deutschland schon ziemlich privilegiert, was unsere Gehälter betrifft. Es gibt ja auch viele Sportler, die wesentlich disziplinierter sein müssen, viel mehr investieren und am Ende sogar noch draufzahlen.

nordbuzz: Wie sehen Deine Pläne für die Zukunft aus, wenn der Gehaltscheck nicht mehr von einem Basketballverein kommt?

Philipp: Ich Moment studiere an der Fernuni Ansbach Internationales Management für Spitzensportler. In ungefähr zwei Jahren bin ich damit fertig. Und ich habe auch schon jetzt ganz konkrete Jobangebote. Auf die Zeit nach dem Sport bin ich schon heiß, weil ich viele interessante Kontakte geknüpft habe.

„Ich möchte meinen Körper nicht komplett zerstören“

nordbuzz: In welche Richtung soll es denn gehen?

Philipp: Ich möchte mein Handwerk gerne in einem ganz normalen Betrieb im Management lernen. Später könnte ich mir dann vorstellen, vielleicht auch bei einem Verein zu arbeiten.

nordbuzz: Hast Du Dir eine Frist gesetzt, wie lange Du noch Basketball spielen willst?

Philipp: Nein, gar nicht. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, haben mir auch den Rücken gestärkt und gesagt, es mache für sie keinen Unterschied, wann ich damit aufhöre. Ich könnte jederzeit bei ihnen anfangen. Ich schaue einfach, was mein Körper sagt und welche Verträge mir noch angeboten werden. Das Wichtigste ist: Ich möchte meinen Körper nicht komplett zerstören.

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