Und K.I.Z singt: „Hurra die Welt geht unter“

Unwetter, Schwimmflügel, dann doch noch Musik: Hurricane 2016 – Ein Erfahrungsbericht

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„Achtung, Rutschgefahr“ – Hurricane-Besucher gingen kreativ mit dem Unwetter um.

In Scheeßel wurde am Wochenende 20 Jahre Hurricane gefeiert. Zehn Jahre ist es her, dass ich das erste mal dabei war. Und so entstand der Plan nach fünf Jahren Pause mal wieder hinzufahren und zu überprüfen, wie sich das Hurricane eigentlich im Wandel der Zeit verändert hat. Doch dann kam alles anders als erwartet.

Schon am Donnerstag reisen viele Festivalisten an und werden bitter vom Mutter Natur überfallen: Unwetterwarnungen werden stündlich aktualisiert. Von ersten Abreisen ist am Freitagmorgen zu lesen, zu heftig sei der Campingplatz abgesoffen. Auch Konzerte des Aufwärmprogramms am Abend mussten abgebrochen, ein Veranstaltungszelt evakuiert werden. Doch das kann mich vorerst nicht schrecken. Ich halte an meinem Plan fest.

Das Abenteuer beginnt für mich Freitag Nachmittag bereits vor der Haustür. Ein Wolkenbruch sondergleichen geht über Bremen nieder, als ich ins Freie trete. Eigentlich wollte ich längst unterwegs sein, doch das Besorgen einer extra Plane für mein nicht wetterfestes Zelt zog sich. Die verspätete Straßenbahn sorgt für Hektik, doch letztlich kommt auch der Zug nicht pünktlich los – wegen „witterungsbedingten Störungen“. Am Gleis ernte ich aufgrund meines Gepäcks und der Gummistiefel erst die Nachfrage „Scheeßel?“ und dann eine Mischung aus anerkennenden und mitleidigen Blicken. Die Kommentare: „Denn mal viel Spaß, meine Tochter ist schon heute Nacht wiedergekommen“ und „Jedes Jahr das gleiche“.

„Du solltest nach Hause fahren, dein Zelt säuft ab“

Derweil wird in der nordbuzz-Redaktion vermeldet, das Festival sei wegen Unwetter unterbrochen. Ein Anruf, ob ich schon Bilder liefern könne. Die Euphorie und Vorfreude bekommt erste ernsthafte Dämpfer. Worauf habe ich mich da eigentlich eingelassen? Lachend ins Auge des Hurricane. Seitdem Rock am Ring mit Blitzeinschlag und Verletzten vor ein paar Wochen für Schlagzeilen sorgte, bleibt einem das Lachen im Halse stecken, zumal Meteorologen sogar eine Zuspitzung der Wetterlage voraussagen. Freunde, die mit dem Wohnmobil angereist sind und bereits Donnerstag aufgebaut haben schreiben: „Unwetterwarnung, Gelände ist dicht. Angeblich soll es schlimmer als gestern werden. Du solltest nach Hause fahren, dein Zelt säuft ab.“ Das trägt nicht zur Beruhigung bei, doch kurz darauf trifft der Zug in Scheeßel ein. Nun gibt es kein Zurück. Noch schnell die EM-Tipps in die App gehackt, dann ist der Empfang weg. Ab jetzt muss ich mich wirklich überraschen lassen. Ein mulmiges Gefühl.

Hurricane-Bilder: Chaos, kreative Freaks und Live-Musik

Als ich bei schwüler Hitze und fast 30 Grad den Eichenring passiere, warten bereits die Massen auf den verzögerten Einlass, skandieren „die Mauer muss weg“. Aus allen Ecken wird zudem „Will Grigg‘s on fire“ gesungen. Das Lied der EM. Will Grigg scheint die neue Helga zu sein. Dieser früher allgegenwärtige Festival-Schlachtruf auf der Suche nach Helga scheint ausgedient zu haben. Mit Sack und Pack kämpfe ich mich durch die Menschenmassen und finde nach einem scheinbar unendlichen Fußmarsch auch das Camp der Freunde. Das Schreckensszenario der letzten Nacht, von dem sie berichten, klingt bedrohlich. Doch aktuell sieht es freundlicher aus als erwartet.

Ist das noch Rock‘n‘Roll?

Gegen 21.30 Uhr starten wir aufs Gelände. Das Wetter verhält sich weiterhin kooperativ. Ich frage mich, wie so viele andere, ob mit den Warnungen für den Freitag aus sicher vernünftigen Gründen letztendlich doch nur ein Sturm im Wasserglas erzeugt wurde. Doch dann bin ich überwältigt davon, wie es inzwischen auf dem Festivalgelände aussieht. 2006 standen noch beide Bühnen innerhalb des Eichenrings und recht dicht beieinander. Längst ist das Gelände auf umliegende Flächen vergrößert und um weitere Bühnen und Zelte ergänzt worden. Es fühlt sich ein bisschen nach Kirmes an. Ein Riesenrad gibt es, unzählige Shopping-Stände – sogar einen H&M und auf dem Campingplatz einen Penny-Markt. Inklusive Pfand-Automaten, der jedoch nur 50 Dosen pro Person erlaubt. Ist das noch Rock‘n‘Roll? Andererseits sicher sinnvoll, um der Müll-Situation auf dem Campingplatz zu begegnen. Die Fressbuden sehen nun fast alle gleich aus, mit einem einheitlichen schicken Logo. Corporate Identity, wie manche sagen würden, andere nennen es ein uniformes Erscheinungsbild. Das wirkt durchkommerzialisiert, weniger individuell, weniger liebevoll. Allerdings auch sehr professionell. Mit der gewachsenen Kapazität und angesichts der Konkurrenz auf dem deutschen Festival-Markt muss den Besuchern offenbar immer mehr geboten werden –und imposant ist es allemal. Ein einheitliches Erscheinungsbild anderer Sorte geben die unzähligen roten Hüte des Sponsors Firestone ab, über die sich Besucher freuen. 2006 waren es noch die allgegenwärtigen pinken Telekom-Werbegeschenke. Ähnlich auffällig sind übrigens die Preise: Ein Bier kostet vier Euro, plus zwei Euro Pfand. Drei Stück gönne ich mir und einen kleinen Burger. 23 Euro wechseln dafür den Besitzer.

„Hurra die Welt geht unter“

Tag eins des Hurricane-Abenteuers geht also glimpflicher über die Bühne als befürchtet. Einzig das Programm hat sich verschoben, nach dem Headliner Rammstein fängt K.I.Z. auf der Blue Stage an und spielt bis 3 Uhr nachts. Für das letzte Lied „Hurra die Welt geht unter“ kommt Henning May von AnnenMayKantereit auf die Bühne. Ein Gänsehautmoment. Eiskalt läuft es mir auch Stunden später den Rücken herunter. Ich liege im Schlafsack und draußen geht tatsächlich die Welt unter. Unglaubliche Wassermassen gehen auf mein kleines Ein-Mann-Zelt nieder, Blitze erleuchten den Himmel, Donner rollen gefühlt sekündlich über mich hinweg. Doch drinnen bleibt es dank Plane und Gaffa-Tape trocken – geht doch!

Am nächsten Tag schlendere ich zur Bestandsaufnahme über den Zeltplatz. Ein erschreckendes Bild: Es sieht aus, als hätten die Besucher ihre Iglus und Pavillons in einer Seenlandschaft aufgebaut. Der Rundgang mutiert zur Watt-Wanderung. Länger stehen bleiben darf ich nicht, sonst sinke ich zu tief ein und komme nicht weiter. Doch so übel es auch aussieht, so kreativ und humorvoll gehen die Hurricane-Besucher mit der Situation um. Ein Schild warnt vor Rutschgefahr, es gibt einen Angel-Wettstreit mit einem aufblasbarem Gummi-Wal. Ein anderes Schild gestattet Fischen nur mit einem gültigen Angelschein. Immer wieder sieht man Leute mit Schlauchbooten, Schwimmflügel zählen zum Accessoire der Stunde. Jemand fragt, wo der Kanu-Verleih zu finden ist. Durch kleine reißende Bäche wird eine Bierdosen-Flaschenpost vorbei an den Dixi-Klos geschickt. Es ist diese Unerschütterlichkeit und anarchische Kreativität, die mich bei meinem ersten Festival-Besuch 2006 direkt in ihren Bann zog – und diese scheint trotz aller Veränderung des Drumherums ungebrochen.

Der Samstag muss komplett abgesagt werden

Währenddessen spricht sich herum, dass der Start des Samstags immer weiter nach hinten verschoben werden muss. Einlass soll zunächst um 12.30 Uhr sein, dann 15 Uhr, dann 18 Uhr und schließlich 20 Uhr. Die Wassermassen aus der Nacht waren zu groß und ständig kommt neuer Regen nach. Alle Konzerte, die vorher stattfinden sollten, müssen ersatzlos entfallen. Das betrifft auch die Bremer Plattdeutsch-Rapper von De Fofftig Penns, die um 12.45 Uhr ihren ersten Hurricane-Auftritt haben sollten. Statt des für später verabredeten Interviews erreiche ich die Jungs für ein kurzes SMS-Gespräch Backstage, wo sie sich verschanzt haben. Am Abend dann die ernüchternde Nachricht, die über den Hurricane eigenen Radiosender Camp FM verbreitet wird: Der Samstag muss komplett abgesagt werden, da man den erneuten Wassermassen vom frühen Abend nicht Herr werde.

Doch es sind kaum Buh-Rufe zu vernehmen. Im strömenden Regen und mit Capes, Schirmen und übergestreiften Müllsäcken bewaffnet, wird das Wetter einfach weg getanzt. Jetzt erst recht! Die Stimmung bleibt ausgelassen, Aggressivität ist nicht zu spüren. Auch Frust scheint kaum aufzukommen, so meine Wahrnehmung. Das Festival-Gelände sieht derweil wie eine trostlose Mondlandschaft aus: verlassen und mit tiefen Kratern. Im VIP-Zelt feiern die Mitarbeiter von Firestone und Jack Daniels indes gegen die Leere an. Schnell hat man dort noch ein DJ-Pult für David Jach aufbauen können, der eigentlich am Stand hätte auflegen sollen. Das hatten sich alle Beteiligten sicher irgendwie anders vorgestellt. Feuerwehr, THW und Landwirte arbeiten fieberhaft daran, wenigstens den Sonntag regulär ablaufen zu lassen. Es sind zwei 16.000-Liter-Pumpen im Einsatz, die sonst dazu dienen, ganze Stadtteile zu entwässern. Bessere Wetter-Prognosen stimmen indessen optimistisch, dass es dieses Wochenende doch noch einmal Musik gibt.

Die Hoffnung den Abend zu retten, sei größer gewesen

Und siehe da, am Sonntag scheint die Sonne. Auf der Pressekonferenz sprechen Veranstalter und Behörden davon, die Entscheidung, den Samstag abzusagen, sei mit blutendem Herzen, aber einvernehmlich getroffen worden. Entgegen der Salami-Taktik hätte man es sich mit einer frühen Verkündung leicht machen können, doch die Hoffnung den Abend zu retten, sei größer gewesen. Backstage erzählt ein Mitarbeiter, die Gefahr im Morast stecken zu bleiben und nicht flüchten zu können, sei ein ausschlaggebender Grund für die Absage gewesen. Tonnenweise Wasser sei abgepumpt worden, 30 Bauern waren mit Traktoren zur Stelle, um die Wege mit Heu zu befestigen. Außerdem sagt er, Deichkind sei am Freitag ein Teil der Bühnenkulisse beim Schwesterfestival Southside in Süddeutschland vom Unwetter zerstört worden. Dort war das Festival wegen Unwetter komplett abgesagt worden. Doch das hindert Deichkind nicht daran, am Abend für einen fulminanten Abschluss dieses chaotischen Wochenendes zu sorgen.

Das Wetter am Sonntag hält und lässt zwischenzeitlich alles vergessen, was vorher war. Die allerletzten Takte gehören Mumford & Sons, dann ist das 20. Hurricane Historie. Und tatsächlich wird sich diese Ausgabe ein ganz besonderes Kapitel im Geschichtsbuch des Festivals gesichert haben. Ähnlich übrigens wie bei meinem ersten Besuch 2006. Nur, dass es damals andersherum lief: Das ganze Wochenende über 30 Grad und dann ein massives Unwetter am letzten Abend, das zum Abbruch führte.

Im Zug auf der Rückfahrt nach Bremen überlegen Leute allen Ernstes, noch ins Stubu zu gehen, um zu Tanzen. Auch die übelsten Bedingungen scheinen die Hurricane-Besucher nicht klein zu kriegen – eine schöne Erkenntnis zum Abschluss. Ebenso wie meine persönliche Feststellung, dass ich trotz der vielen Veränderungen und der diesjährigen Apokalypse gerne wieder nach Scheeßel komme. Spätestens zur 30. Ausgabe.

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