Kanadas verbranntes Land

Asche, Kohle, Staub: Was wird nach den Bränden?

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Grundstück für Grundstück haben sich die Flammen durch die kanadische Stadt Fort McMurray gefressen.

Fort McMurray - Grundstück für Grundstück haben sich die Flammen durch die kanadische Stadt Fort McMurray gefressen. Das Ausmaß der Zerstörung wird nur langsam sichtbar. 

Ed und Shelly Malley hatten 15 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen. Kleidung, Dokumente, Pass. Das Nötigste eben, um für ein paar Tage - oder Wochen? - über die Runden zu kommen, während die Flammen im kanadischen Fort McMurray ihr Zuhause zu zerstören drohten. Ihr Enkel, erzählt Shelly Malley dem „Toronto Star“, habe den beiden eine SMS geschrieben: „Opa, ich mache mir solche Sorgen um dich. Ich glaube, wir haben unsere Stadt verloren.“

Gut eine Woche nach Beginn der katastrophalen Waldbrände in der Provinz Alberta ist für Tausende Menschen an eine Rückkehr zur Normalität nicht zu denken. Luftaufnahmen der Stadt mit einst 80 000 Einwohnern zeigen bedrückende Bilder: Ganze Straßenzüge Fort McMurrays liegen in Schutt und Asche. Wo einst Familien lebten, ist kein Mensch zu sehen. Block für Block haben sich die Flammen durch die Nachbarschaft gefressen und Grundstück für Grundstück in schwarzbraune Rechtecke verwandelt. Fast 90 000 Menschen mussten aus der Gegend fliehen.

„Die Zerstörung ist schrecklich“, erzählt eine Fotografin, die mit Betroffenen gesprochen hat, der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist ein ziemlich bedeutender Verlust.“ Einige Anwohner hätten genug Zeit gehabt, einen ganzen Wohnanhänger vorzubereiten und die Gegend rechtzeitig mit dem Auto zu verlassen. Andere seien bei der Arbeit oder in der Schule von der Nachricht erwischt worden und hätten nicht einmal Zeit gehabt, das Nötigste zu packen.

Forscher, Naturschützer und die Industrie sind uneins

Umgerechnet bis zu 6,1 Milliarden Euro könnte es kosten, die Stadt wiederaufzubauen, berechnet ein Analyst der Bank of Montreal dem TV-Sender CBC zufolge - allerdings nur, wenn Fort McMurray komplett zerstört sei. Realistischer scheint, dass die Brände etwa ein Viertel oder die Hälfte der Stadt verschlungen haben. David Yurdiga, Abgeordneter für Fort McMurray und Cold Lake, schätzt sogar, dass etwa 80 Prozent der Stadt noch stehen. „Die Mehrzahl der Häuser steht noch, überhaupt kein Schaden“, sagt er der britischen BBC.

Und so bangen die Betroffenen, die in Notunterkünften, Hotels oder bei Freunden und Verwandten ausharren, weiter um ihren Besitz. Die 36-jährige Geraldine Sillery zum Beispiel, die mit ihrem Verlobten Sean Cahill vor dem Feuer floh. Als sie am Donnerstag die Provinzhauptstadt Edmonton erreichten, habe ihr Wohnhaus noch gestanden, berichten sie der CBC. Am nächsten Morgen hätten sie erfahren, dass die Flammen es über Nacht dem Erdboden gleichgemacht hatten. An diesen Ort zurückzukehren, dürfte niemandem leicht fallen.

Auch die Natur wird Zeit brauchen, um sich von den Bränden auf einer Fläche von schätzungsweise 1610 Quadratkilometern - etwa die doppelte Größe Hamburgs - zu erholen. Brände sind zwar ein natürlicher Teil des Ökosystems. Doch Forscher, Naturschützer und die Holzindustrie sind uneins, inwieweit Wälder sich von einem so verheerenden Feuer erholen können. Für die örtliche Tourismusindustrie, die hofft, Wanderer, Camper und andere Naturfreunde anzulocken, kann der Wiederaufbau des Nadelwaldes sicher nicht schnell genug gehen.

"Nullrisiko gibt es nicht"

Im Nachbarland USA schaffte genau diese Debatte es aus Kalifornien bis in den Kongress nach Washington. 2013 hatte in Kalifornien das drittgrößte Feuer in der Geschichte des Bundesstaates gewütet, darunter auch in Teilen des berühmten Yosemite National Park. Während die Forstverwaltung vorschlug, tote und beschädigte Bäume zu fällen, wehrten sich Naturschützer gegen den Schritt. Sie argumentierten, dass der Lebensraum der Tiere erst mit der Abholzung zerstört und die Erholung des Waldes gestoppt werde.

Fort McMurray wird sich auch fragen müssen, ob die Stadt auf die Brände ausreichend vorbereitet war. Hätten die Abholzung von Bäumen in bewohnten Gegenden und eine Feuerschneise die Stadt schützen können? „So etwas wie ein Nullrisiko gibt es nicht“, schreibt ein Kommentator beim TV-Sender CBC. Doch wenn Katastrophen wie diese Menschenleben kosteten oder sehr hohen wirtschaftlichen Schaden anrichteten, müsse die Regierung handeln. Damit sich das Desaster von Fort McMurray nicht wiederholt.

dpa

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