Interview

Amok-Forscherin: So erkennt man gefährdete Personen

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Britta Bannenberg

Gießen/München - Britta Bannenberg von der Uni Gießen erforscht Amoktaten. Nur wenige Wochen vor der Attacke in München präsentierten die Professorin und ihr Team neue Studienergebnisse. Manche der Erkenntnisse machen Mut.

Gießener Forscher haben 35 Amokläufe junger Menschen seit 1990 analysiert. Ihre Ergebnisse stellten sie Ende Juni vor. Und werden nur einen Monat später von der Aktualität eingeholt, als ein 18-Jähriger in München zur Waffe greift und neun Menschen tötet. Die Erkenntnisse der Forscher zu Ursachen, Merkmalen und Vorbeugung solcher Gewalttaten sind aktueller denn je. Kriminologin und Studienleiterin Britta Bannenberg sagt rund eine Woche nach der Münchner Attacke der Deutschen Presse-Agentur: Amoktaten sind selten - und können durchaus verhindert werden.

Wer wird nach Ihren Forschungen zum Amokläufer?

Bannenberg: Zur Kerngruppe gehören junge Menschen, die psychopathologisch auffällig sind. Deshalb beschäftigen sie sich überhaupt mit der Idee, so etwas zu tun. Es sind nicht die Computerspiele, nicht das Mobbing - das wirkt als Verstärker. In der Regel handelt es sich um eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit paranoiden Anteilen. Und die Personen tragen ein Motivbündel von Wut, Hass und Rachegedanken in sich.

Wie kann ich erkennen, ob jemand gefährdet ist?

Bannenberg: Diejenigen, die solche Taten begehen, lassen im Vorfeld nicht nur mal eine Drohung fallen, sondern mehrere. Sie vermischen manchmal auch Suizid- und Tötungsabsicht. Sie sagen: Ich bringe mich um, aber vorher mache ich noch etwas, das ihr nie vergessen werdet. Das machen sie oft nicht konkret, sondern deuten das beunruhigend und teils massiv an. Oder sie glorifizieren andere Attentäter.

Nicht jeder, der sich komisch verhält, ist gleich ein künftiger Amokläufer. Wie vermeide ich Überreaktionen?

Bannenberg: Es geht nicht darum, Menschen an den Pranger zu stellen, wenn sie mal eine unangenehme, aggressive Äußerung machen, das machen ja viele. Die Persönlichkeit muss mitbetrachtet werden. Handelt es sich um einen zurückgezogenen Menschen, den man nicht gut einschätzen kann, der Vieles feindselig interpretiert, der kaum mit anderen kommuniziert? Gefährdete zeigen in ihrem ganzen Verhalten einen unberechenbaren, negativen Lebensstil, der eine Gewalttat nahe legt.

Sie und Ihr Team haben unter anderem 35 Amoktaten junger Menschen untersucht. Hätte man sie verhindern können?

Bannenberg: Ja. Wenn Hinweise in den Schulen entsprechend zusammengeführt worden wären. Zwar waren die Fälle unterschiedlich, aber einige Täter haben über zwei Jahre hinweg deutlichste Signale gesandt, dass sie so etwas vorhaben. Das wussten viele, es ist aber nicht zusammengeführt, nicht der Polizei gemeldet worden. Das ist einer der Gründe, warum wir Beratungsnetzwerke empfehlen - und für Schulen ganz speziell. Sie brauchen Unterstützung durch geschulte Personen wie Präventionsbeamte der Polizei, die Ansprechpartner sind für solche schwierigen Probleme. Wir brauchen viel mehr Netzwerke.

Was gehört noch zur Prävention?

Bannenberg: Wir haben es bei potenziellen Tätern mit einem seltenen, spezifischen Persönlichkeitstyp zu tun - der braucht auch eine spezifische Intervention. Man versucht gerade bei Jugendlichen, ein soziales Netz um eine solche Person zu stricken. Das Wichtigste ist, in irgendeiner Form die Hand zu reichen. Vielleicht braucht es auch einen Psychiatrie-Aufenthalt. Es gibt Möglichkeiten, Dinge still und ruhig zu klären. Es ist also nicht immer der SEK-Einsatz. Der ist dann gefragt, wenn nichts mehr zu machen ist.

ZUR PERSON: Britta Bannenberg (52) forscht an der Uni Gießen und ist dort Professorin für Kriminologie. Sie betreut außerdem das Beratungsnetzwerk Amokprävention.

dpa

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