Udo Lindenberg

Zwischen Katakomben und Olymp

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Autor Benjamin von Stuckrad-Barre bezeichnet Udo Lindenberg als wichtigsten deutschen Nachkriegs-Lyriker. Auch auf "Stärker als die Zeit" finden sich wieder einige weise Liedzeilen des "Spracherfinders" Lindenberg.

Auf seinem Album zum 70. Geburtstag kommt sich die größte deutsche Rocklegende selbst so nah wie niemals zuvor. Parallelen zum berührenden Spätwerk von Johnny Cash liegen auf der Hand - und in der Stimme.

Vor einigen Jahren kam es zum Comeback einer deutschen Pop-Ikone, die damals die meisten zum Sortiment von vorgestern zählten. Udo Lindenberg, der dem Rock in den 70-ern die deutsche Sprache lehrte, hatte den Whiskey gegen Kräutertee getauscht und trat mit den Alben "Stark für zwei" (2008) und "MTV Unplugged" (2011) zurück in den Fokus. Beide Alben positionierten sich auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Dazu wurde Lindenberg zum Säulenheiligen der deutschen Rockgeschichte ausgerufen. Popweise, von Max Herre über Clueso bis hin zu Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, gaben zu, dass Lindenberg einer ihrer wichtigsten künstlerischen Einflüsse war. Der Mann war zurück im Spiel, und die hohe Qualität seiner neuen Musik dankte es den Fans. Nun veröffentlicht der Gehuldigte kurz vor seinem 70. Geburtstag eine Art musikalisch-philosophisches Vermächtnis.

teleschau: Viele Stücke auf "Stärker als die Zeit" klingen nach einer Lebensbilanz ...

Udo Lindenberg: Nein, so was mache ich nicht. Jedes Lied steht für sich. Ein Song wie "Mein Body und ich" gehört nach 70 Jahren aber einfach auf so ein Album. Ich muss meinem Körper ja auch mal Danke sagen, dass er all die Exzesse mitgemacht hat. Dass er mich immer noch fit auf die Bühne gehen lässt. So ein Dankeschön gehört sich einfach.

teleschau: Andere Stücke wie "Plan B " oder "Einer muss den Job ja machen" bilanzieren aber auch: nämlich Ihre Einzigartigkeit in der deutschen Musiklandschaft. Wird Ihnen das erst heute bewusst?

Lindenberg: Ach, das sind Themen, die ich immer schon hatte. Nicht als Beweihräucherung, sondern als Glaubensbekenntnis. Individualität war immer das Heiligste für mich, ich bin da ganz bei Hermann Hesse. Das ist ein stets aktueller Aufruf: Egal, wer du bist und was du tun willst - mach dein Ding, sofern es nicht gegen andere geht! Das ist auch 'ne Botschaft an die Kinder, die mir sehr wichtig ist. Der einzige Song auf der Platte, der wirklich eine - wenn auch ein wenig ironische - Bilanz sein könnte, ist "Wenn die Nachtigall verstummt". Weil der überlegt, was passiert, wenn ich nicht mehr da bin.

teleschau: Hätten Sie gedacht, dass Sie mal 70 werden?

Lindenberg: Ich habe nicht damit gerechnet. Ich kannte viele Leute, die sind mit 50 gestorben. Es ist auch nicht unbedingt Pflicht oder eine Vorgabe für Künstler, 70 zu werden. Ich habe mich nicht gerade dafür beworben. Trotzdem wird das nun vielleicht klappen. Obwohl ich weit rausgeschwommen bin auf dem Whiskey-Ozean und tief runtergestiegen in die Keller der Erleuchtung - ich bin immer noch da.

teleschau: Hatte das harte Leben auch sein Gutes? Neben dem Spaß, der ja bekanntlich vergänglich ist ...

Lindenberg: Klar, ich musste meine Stimme dorthin kriegen, wo sie heute ist. Ich habe schon verdammt viel Kohle in Alkohol und teure Zigarren investiert. Damit die Stimme so edel klingt, wie sie es heute tut. (lacht)

teleschau: Es ist ein Rock-Klischee, dass man in der Stimme des gealterten Sängers das exzessive Leben hört. Dennoch klang Ihre Stimme nie so gut wie auf diesem Album. Finden Sie das auch?

Lindenberg: Ja, es stimmt. Das wurde mir während der Aufnahmen erst klar. Ich glaube, ich habe durch die vielen großen Live-Shows der letzten Jahre in den Stadien viel gelernt. Außerdem arbeite ich mit ich super Produzenten, die meine Stimme sehr geil einzufangen verstehen. Eigentlich nehmen sie mich ganz klar, direkt und ungefiltert auf. Auf Tricks stehen wir nicht mehr so.

teleschau: Was hört man in Ihrer Stimme, das so stark berührt?

Lindenberg: Man hört meine lange Wanderung durch die Ups und Downs, die tiefsten Katakomben und den höchsten Olymp. Ich kenne die ganze Scheiße, die Ober- und die Unterwelt. Ich kenne die Ganoven und Top-Politiker. Wobei das oft ein und dasselbe ist.

teleschau: Ihr Gesang erinnert an die späten "American Recordings" von Johnny Cash - auch wenn Sie nun kein akustisches Album gemacht haben ...

Lindenberg: Da sind einfach keine Eitelkeiten oder Posen mehr dabei. Wenn man es schafft, zeigt man den puren Kern. Wer sich im Leben traut, sein wahres Ich zu zeigen, hat eine ganze Menge geschafft. Ich kann auch posen, aber beim Singen tue ich das nicht. Da gibt es von mir nur das, was mich im Innersten ausmacht.

teleschau: Worauf sind Sie am meisten stolz?

Lindenberg: Dass ich ein "Marathon Man" bin. Dass ich - in Sachen deutsche Texte zu Rock - der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Das kann ich schon sagen, dass ich da was erfunden habe, so Daniel-Düsentrieb-mäßig. Damals kam mir auch zugute, dass ich kein richtiger Sänger war. Ich konnte überhaupt nicht singen und habe das eben so gemacht, wie es ein Typ von der Straße machen würde. Das fanden einige dreist, aber vielen hat's auch gefallen. Vielleicht auch, weil es ein bisschen dreist war.

teleschau: Heutzutage werden die Charts fast schon von deutschsprachiger Musik dominiert, dabei hat man vor ein paar Jahren noch über Radioquoten für deutsche Texte nachgedacht. Sind Sie stolz auf diese Entwicklung, oder geht es Ihnen darum gar nicht?

Lindenberg: Nein, ich finde das schon toll. Es ist Kulturidentität, wenn man in der Sprache singt und verstanden wird, die die Menschen kennen. Wer im Publikum kann schon so gut Englisch, dass englische Texte wirklich ankommen. Okay, dann sagen die einen: Ist doch nur Unterhaltung. Aber Unterhaltung ist eben immer auch Haltung, zum Beispiel politische Haltung. Die steckt in Texten drin und deshalb finde ich es wichtig, dass Texte auch verstanden werden. Mein Wahlprogramm heißt "Bunte Republik Deutschland". Dafür trete ich an, dafür singe ich, und deshalb sehe ich mich auch nicht als reinen Entertainer.

teleschau: Gibt es etwas, dass Sie im Leben bereuen?

Lindenberg: Nein. Ich glaube, das musste alles irgendwie so sein. Bei mir ist es wie im Kino. Ein richtig guter Film muss eben auch diesen Spannungsbogen haben. Mit all den Gefahren und Abgründen. Erst dann macht das Happy End auch Freude.

teleschau: Wie entstehen Ihre Songs - im Team oder im stillen Kämmerlein?

Lindenberg: Teamarbeit war immer sehr wichtig bei mir. Wir schreiben im Team, aber die Themen kommen von mir. Ich leuchte mit der Taschenlampe in meine Seele runter und rede darüber. Dann wird das modifiziert, zum Beispiel durch Gespräche mit Leuten auf der Straße. Meine Kunst war immer Straßenkunst, Straßenliteratur. Das stille Kämmerlein, der einsame Mann - vor sich die Schreibmaschine mit dem weißen Blatt Papier - das war nie so meins.

teleschau: Das heißt, es gibt eigentlich ein Kollektiv, dass Ihre Kunst schafft oder sie zumindest in eine gewisse Richtung modifiziert?

Lindenberg: Ja, bei uns geht es zu wie in einer WG. Jeder darf reden so viel er will und jeder hat das gleiche Stimmrecht.

teleschau: Gibt es einen Grund dafür, dass Ihr Comeback vor acht Jahren mit "Stark für zwei" und dem "MTV Unplugged"-Album danach so erfolgreich ausfiel? Fast scheint es, als hätte Deutschland Sie noch mal ganz neu entdeckt und bewertet ...

Lindenberg: Ja, damals sind auch viele junge Leute neu eingestiegen - das stimmt schon. Auf einmal haben alle gesagt: "Udo, du hast uns mit deinen deutschen Texten so eine Art Startbahn gebaut. Wir verdanken dir zum Teil unsere Karriere." Auch deshalb bin ich vielen jüngeren Künstlern wie Max Herre oder Clueso mittlerweile freundschaftlich verbunden, was ich total super finde.

teleschau: Sie leben heute aber auch anders als vor Ihrem Comeback ...

Lindenberg: Das ist richtig. Ich habe mir selbst das größte Geschenk gemacht, indem ich nicht mehr nach der Mengenlehre trinke - mehr ist mehr - sondern ich übe mich in der Kunst gezielter Wirkstoffeinnahme. Über weite Strecken bin ich einfach naturstoned. Die 15 Doppelkörner brauche ich nicht mehr. Dadurch fühle ich mich einfach besser. Ich bin fit auf der Bühne und frischer im Kopf.

teleschau: Ging es Ihnen auch seelisch besser in den letzten zehn Jahren?

Lindenberg: Ja, auf jeden Fall. Unter anderem hat mich dieser Riesenerfolg glücklich gemacht. Erfolg ist auch 'ne Droge. Eine mit 'nem schönen Rausch. Wenn du in ein Stadion gehst, mit der Panik-Family hinter dir, und dann tragen dich 50.000 Leute mit ihrer Liebe durch den Abend, ist das ganz klar ein Rausch. Aber einer ohne fiese Nebenwirkungen. Und für diese Leute, die mir das ermöglichen, möchte ich auch gut und fit sein. Ich habe ein Talent und eine Gabe, aber so was ist immer auch ein Auftrag: Du musst geile Sachen machen! Und die mache ich jetzt wieder.

teleschau: Worin besteht Ihr größtes Talent?

Lindenberg: In meiner Flexibilität. Ich habe das Talent, mit Situationen flexibel und charmant umzugehen. Meine Tournee ist ein Riesendampfer, 300 Leute sind daran beteiligt. Ich bin neugierig und offen für Anregungen. Neugier ist mein anderes Talent. Und dann vielleicht noch ein Größen-Knall, der dafür sorgt, dass all das dann tatsächlich auch gemacht wird: Think big, K&K-Monarchie, also keine Kompromisse, damit bin ich immer irgendwie an die großen Dinge rangekommen. Ich entstamme einer sehr engen Welt. Gronau, eine kleine Stadt. Da waren nur Bedenkenträger um mich herum. Da hieß es: Man tut dies nicht, man tut das nicht. So was geht nicht - und so weiter. Dieser Geist hat mich gekitzelt, alles ganz anders anzugehen.

teleschau: Auf dem Song "Stärker als die Zeit" singen Sie zum Orchestersound einen Text auf die Filmmusik von "Der Pate". Es ist überhaupt das erste Mal, dass zu dieser Musik ein Text aufgenommen wurde. Wie kam es dazu?

Lindenberg: Ich bin ein Riesenfan von Mario Puzos Roman und auch von den Coppola-Filmen. Der Zusammenhalt und die Verbundenheit einer Familie, hat mich schon immer fasziniert. Im Prinzip ist das genau mein Ding - bis auf die Gewalt. Man bräuchte eine Familie oder Gang ohne Gewalt, ohne Druck - einfach clever und smart. Dann wären wir viele Probleme im Leben los. Wir haben also diesen Text gemacht. Den reichten wir ein bei den Erben des Komponisten Nino Rota. Die haben gesagt: "Sehr geil. Und wie der Mann das da singt oder spricht, das finden wir gut." Es war ein Angebot, das sie einfach nicht ablehnen konnten.

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