A Moon Shaped Pool

Radiohead: So klingt das neue Album

Radiohead - A Moon Shaped Pool

Radiohead melden sich nach fünf Jahren Pause zurück und klingen dabei wunderbar vertraut.

Jetzt also auch Radiohead: Nachdem es zuletzt in Mode gekommen war, Alben ohne Vorankündigung von einem Tag auf den anderen im Internet zu veröffentlichen, stellten auch die britischen Alternative-Rocker ihren neuen Langspieler am Sonntagabend überraschend zum Download bereit. Wobei: Die Anzeichen, dass da was kommen würde, hatten sich zuletzt gehäuft. Erst waren die Webseite und der Facebook-Auftritt der Band verschwunden, dann wurde ein erstes Video veröffentlicht, später ein zweites, und nun also: "A Moon Shaped Pool", die erste Platte seit fünf Jahren.

Leicht haben es Radiohead ihren Fans nie gemacht, 30 Millionen verkaufter Alben zum Trotz: Spätestens nach dem bahnbrechenden "OK Computer" von 1997 entwickelte sich die Band musikalisch schneller, als so mancher Fan mitkommen konnte oder wollte. Das begann mit dem bahnbrechenden "Kid A" (2000) und fand mit "The King Of Limbs" 2011 einen vorläufigen Höhepunkt: Das allzu sperrig geratene Album mit seinem unterkühlten, weitverzweigten Klanggefrickel stieß so manchen vor den Kopf.

"A Moon Shaped Pool" macht nun keine Kehrtwende, verlangsamt aber das Tempo. So absurd es klingen mag: Lange klangen Radiohead nicht mehr so nach Radiohead wie hier. Würde man "A Moon Shaped Pool" von hinten nach vorne hören, wäre das wohl am offensichtlichsten: "True Love Waits" beschließt das Album, ein Live-Favorit seit "The Bends"-Tagen. Jetzt ist das Stück erstmals auf einem Studioalbum zu finden, in einer betörend schönen Version, neu zwar, aber intim vertraut.

Auch, wenn man "A Moon Shaped Pool" mit dem ersten Song beginnt, bleibt dieses Zurück-in-die-Zukunft-Gefühl: bekannte Klänge allerorten, nie aber wehmütig zurückblickend. "Burn The Witch", der erste der vorab veröffentlichen Songs, ist eine von stakkatoartig gespielten Geigenklängen vorangetriebene Nummer, unglaublich verdichtet und wahnsinnig tanzbar. Konnten auf dem Vorgängeralbum die Algorithmen das Tanzbein schwingen, darf hier auch endlich wieder der Mensch mit dem Fuß wippen; nicht nur das Hirn hat Grund zur Freude, auch die Seele darf lächeln. Überhaupt, die Geigen: Streicher sind die neuen Synthies, möchte man immer wieder konstatieren. "Glass Eyes" oder "The Numbers" belegen das eindrucksvoll.

Textlich geben sich Radiohead kryptisch wie eh und je: Um Hexenjagd geht es im Opener, das legt schon der Titel nahe. "We know where you live", singt Thom Yorke, und immer wieder: "This is a low flying panic attack". Dass damit aber der mittelalterliche Wahnsinn gemeint ist und nicht der heutige, darf bezweifelt werden. "Burn The Witch" klingt bedrohlich, wie so vieles auf dem Album. "Daydreaming" etwa: Im Video zur zweiten Vorab-Single, entstanden unter der Regie von Paul Thomas Anderson, läuft ein sichtlich derangierter Thom Yorke verloren durch eine bizarre Welt aus Zimmern und Türen. Und so klingt der Song auch: todtraurig, bedrohlich, wunderschön.

Als Höhepunkt kristallisiert sich nach den ersten Hördurchgängen "Identikit" heraus, ein Song, der sich in viereinhalb Minuten von der simplen Gitarrenmelodie zur irren Klangorgie steigert, ganz langsam, aber gewaltig. "Broken hearts, make it rain", fordert da Thom Yorke, begleitet von einem flehenden Chor. Erst im vergangenen Jahr hatte sich der 47-Jährige nach 23 Jahren von Rachel Owen getrennt, der Mutter seiner zwei Kinder. Auch "Desert Island Disk" klingt stark nach Trauerbewältigung, wenn Yorke, begleitet von kaum mehr als einer Akustikgitarre, ins Mikrofon nuschelt: "Through an open doorway, across a street, to another life".

"A Moon Shaped Pool" ist ein großartiges Album; ob es das Meisterwerk ist, auf das Fans so lange gewartet haben, wird sich zeigen. Viel Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen, ließen Radiohead den Kritikern diesmal nicht. Vielleicht war das ja auch der Gedanke hinter der so spontan wirkenden Veröffentlichungspolitik. Wer sich übrigens noch ein wenig in Vorfreude üben möchte: Erst am 17. Juni erscheint "A Moon Shaped Pool" auch auf CD und Vinyl, für alle, die den zur schlechten Mode gewordenen Veröffentlichungs-Zirkus nicht mitmachen wollen.

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